Wenn der Sommer flirrt, glitzert das Wasser. Zumindest an der Oberfläche. Dídac (Jan Monter Palau), 16, unternimmt mit seiner Familie eine ausgedehnte Fahrradtour entlang der Donau. Familie, das heißt: Mama, Papa und die beiden etwas jüngeren Brüder. Eine katalanische Familie, die durch Süddeutschland radelt. Wieso eigentlich nicht? Die Deutschen machen ja auch Barcelona unsicher.
Doch Dídacs Familie hat keinen All-inclusive-Urlaub gebucht. Nein, man nächtigt bodenständig: in Zelten auf Campingplätzen. Manchmal regnet es in Strömen. Manchmal liegen (auch deshalb, aber längst nicht nur) die Nerven blank. Stets ist er dabei nah: der Fluss, immerzu in Bewegung. Und jemand scheint darin und daran dubios zu leben.
Ein anderer Junge (Francesco Wenz), der Dídacs Blick fesselt. Obwohl der eigentlich noch einem andern nachtrauert, der mit ihm auf dem Dorffest getanzt und ihn vielleicht auch geküsst hat. Nichts Genaues weiß man nicht. Als Dídacs Vater, ein Architekt, das Gespräch mit seinem Sohn suchend, verständnisvoll nachhakt, druckst Dídac nur herum. Ja, er ist 16.
Er beginnt, sich von den Eltern zu lösen. Doch neuen Halt hat er noch nicht gefunden. Also strauchelt, strolcht und stromert er; lässt sich mitreißen von diesem fremden Jungen, der ihn mit auf ein Boot nimmt – obwohl man sich ansonsten ausgiebig anschweigt. Zumindest an der Oberfläche. Es gibt wenige Wortwechsel zwischen den beiden etwa Gleichaltrigen. Etwa wenn der Fremde „Für dich bin ich Alexander“ sagt. Für dich? Für ihn? Und für die anderen?
Eine Geschichte vom Nochnichtredenkönnen
„Strange River“ (im Original: „Estrany riu“), das Langfilm-Debüt des katalanischen Regisseurs Jaume Claret Muxart, Jahrgang 1998, ist ein herausragendes Coming-of-Age-Drama. 2025 hatte es Premiere in der Orizzonti-Sektion bei den Filmfestspielen von Venedig. Auf dem Filmfest München (der Deutschland-Premiere) wurde es mit dem auf 100.000 Euro dotierten CineCoPro Award ausgezeichnet. Und das sicher nicht nur wegen der leicht grobkörnigen, auf 16‑mm-Film fotografierten und in höchstem Maße stimmungsvollen Bilder.
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„Strange River“ ist eine Geschichte vom Schweigen, Verschweigen und Nochnichtredenkönnen. Und auch eine vom Wachsen, vom naturgemäß schmerzvollen Erwachsenwerden. Erzählt ist all dies auf wohltuend unzeitgemäße Weise. Langsam. Internet, Smartphones, Dating-Apps spielen keine Rolle. Etwas märchenhaft Verträumtes durchströmt „Strange River“ immerzu. Die Kamera, die Bildkomposition, die Blickdramaturgie, die Farben – vieles lässt an impressionistische Gemälde denken.
Manchmal braucht es keine Worte: Alexander und Dídac in „Strange River“.
© Salzgeber
Obwohl „Strange River“ kein spannender Film, kein Krimi, kein Thriller im herkömmlichen Sinn ist, baut er doch viel Suspense auf. Zumindest wenn man eine Antenne fürs Zwischenmenschliche hat. Die Mutter, eine Schauspielerin (der Dídac Egozentrismus bei den Familienferienplänen vorwirft) etwa spricht am Fluss mit Dídac über ihre erste Liebe. Man könnte es fast überhören, doch sie streut ein paar Details ins Gespräch ein, die stutzig machen können.
War sie mit demselben „Alexander“ zusammen, der nun Dídac verführt? War er für sie ein anderer? Ist er ein zeitloses Wesen, ein Geist? „Strange River“ ist auch ein Film des zarten Andeutens. Eine sehr interessante Nebenfigur ist zudem Dídacs älterer der jüngeren Brüder: Mitunter folgt er Dídac auf dessen abenteuerlichen (mentalen) Wegen. Man spürt: Er will wissen, was da mit seinem Bruder Dídac los ist. Warum bindet er sich los von der Familie? Und in welchem Bann steht er jetzt?
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Wer es genauer wissen will, hat in Berlin gleich dreimal Gelegenheit dazu. Denn es gibt drei sogenannte Special Screenings, jeweils in Anwesenheit des Regisseurs Jaume Claret Muxart: am Donnerstag, dem 27. August, um 19 Uhr (der offiziellen Berlin-Premiere) im Hackesche-Höfe-Kino; am Sonnabend, dem 29. August, um 20 Uhr im Klick-Kino; und am Montag, dem 31. August, um 21.30 Uhr im Babylon Kreuzberg im Rahmen der Reihe „Mongay“.
Bei letzteren Terminen wird auch der Schauspieler Francesco Wenz zugegen sein, der in „Strange River“ das geheimnisvolle Flusswesen Alexander mimt. Noch davor ist der Film übrigens (allerdings ohne Star-Gäste) bei der Queerfilmnacht im Union-Kino zu sehen: am Mittwoch, dem 26.8., ab 20.15 Uhr.
Sowieso bleibt zu hoffen, dass der Regisseur und sein Hauptdarsteller lieber Anekdoten vom Dreh und nicht allzu viel über die Geheimnisse im Plot enthüllen. Denn „Strange River“ lebt geradezu vom leichten Ent- und dann wieder Verhüllen. Grandioses Coming-of-Age-Kino über die Bittersüße des Erwachsenwerdens.
Strange River. Spielfilm, 2025, 106 Minuten, ab 27.8. im Kino (u. a. Klick, Hackesche Höfe, Filmkunst 66 und Thalia Potsdam)
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