Gesellschaft

Alarmierende Jugendstudie: Jeder Fünfte plant konkret den Weg ins Ausland

Die Jugend in Deutschland hat mit großen Zukunftssorgen zu kämpfen. Fast die Hälfte kann sich vorstellen, das Land zu verlassen. Die Gründe sind vielfältig.

3 Min
Zwischen Smartphone-Sucht und finanziellen Schwierigkeiten: Jugendliche und junge Erwachsene spüren immer mehr Belastung.

Zwischen Smartphone-Sucht und finanziellen Schwierigkeiten: Jugendliche und junge Erwachsene spüren immer mehr Belastung.

© Elisa Schu/dpa

Eine aktuelle Erhebung unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat tiefe Risse im Verhältnis der nachwachsenden Generation zu ihrem Heimatland offengelegt. Demnach zieht es fast die Hälfte der 14- bis 29-Jährigen grundsätzlich in Betracht, auf Dauer in ein anderes Land zu gehen – konkret sind es 41 Prozent. Rund ein Fünftel arbeitet nach eigenen Angaben bereits aktiv an einem solchen Schritt. Für die Studie „Jugend in Deutschland 2026 – Zukunft unter Druck“ wurden Anfang des Jahres rund 2000 Personen dieser Altersgruppe befragt.

Frustration wegen Job- und Wohnungsmarkt sowie Politik

Professorin Nina Kolleck von der Universität Potsdam, eine der Autorinnen, ordnet die Ergebnisse ein: „Viele junge Menschen fragen sich inzwischen ganz konkret, ob sie ihre Zukunft noch in Deutschland sehen.“ Als Gründe für den Auswanderungswunsch nennt die Studie ein Bündel aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktoren: unsichere Jobaussichten, die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt und das Gefühl, von der Politik nicht gehört zu werden.

„Damit wird Wohnen nicht nur zu einer Kostenfrage, sondern auch zu einer Standortfrage“, so Kolleck. Ein Studienteilnehmer brachte die politische Frustration auf den Punkt: „In Deutschland habe ich Meinungsfreiheit, das finde ich gut, aber junge Menschen werden von der Politik nicht ernst genommen und in anderen Ländern habe ich vielleicht bessere Perspektiven.“

Darüber hinaus nannten die Befragten geopolitische Konflikte als große Belastung – 62 Prozent verwiesen auf die Kriege in Europa und Nahost. Jeweils 45 Prozent äußerten sich besorgt über den Klimawandel und die politische Rolle von US-Präsident Donald Trump – ein Aspekt, der erstmals in die Befragung aufgenommen wurde.

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Seelische Gesundheit und finanzielle Sorgen verschärfen sich

Auffällig ist der sprunghafte Anstieg bei der psychischen Belastung: Knapp drei von zehn Befragten sehen bei sich selbst Bedarf an professioneller Hilfe – fünf Prozentpunkte mehr als noch ein Jahr zuvor. Unter jungen Frauen trifft das auf mehr als jede Dritte zu, unter Arbeitslosen sogar auf 42 Prozent.

Parallel dazu kämpfen immer mehr mit finanziellen Verpflichtungen: Fast ein Viertel gibt an, unter Schulden zu leiden – nach 16 Prozent im Jahr 2023 ein kontinuierlicher Anstieg. Studienleiter Simon Schnetzer spricht von „Stress, Erschöpfung und wachsender Perspektivlosigkeit“, die sich bei der jungen Generation verfestigen würden.

Bemerkenswert ist zudem, dass sich der Anteil derjenigen, die ihr eigenes Smartphone-Verhalten als suchtähnlich beschreiben, innerhalb eines Jahres von 35 auf 60 Prozent fast verdoppelt hat. Beruflich setzen viele inzwischen eher auf Ausbildungen als auf akademische Abschlüsse – laut Mitautor Kilian Hampel von der Universität Konstanz eine Reaktion auf wachsende Angst vor Arbeitslosigkeit und den zunehmenden Einfluss künstlicher Intelligenz.

Alarmsignal für die Politik

„Der Protest der Jugend ist nicht laut, aber unter der Oberfläche braut sich etwas zusammen, was langfristig Wirtschaft und soziale Sicherungssysteme gefährden kann“, warnte Kolleck. Die Studienautoren mahnen, die Sorgen dieser Generation nicht zu übergehen.

„Wenn wir die Anliegen junger Menschen nicht ernst nehmen, übersehen wir, dass sie unsere Zukunft sind und riskieren angesichts des Fachkräftemangels, wichtige Potenziale zu verlieren", so Kolleck. Mitautor Klaus Hurrelmann schlägt als Gegenmaßnahme Generationendialoge vor – neue Formate, in denen junge Stimmen bei politischen Entscheidungen stärker Gehör finden sollen.

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