Suche nach den Enkeln

Brigitte Fehrle
3 Min

Es wächst zusammen, was zusammengehört, sagte Willy Brandt im November 1989. Er meinte die Deutschen in Ost und West. Doch wird der Ehrenvorsitzende der Sozialdemokraten in diesem Moment auch an seine Partei gedacht haben. Zusammenwachsen sollten auch die mit deutscher Teilung und Mauerbau auseinandergerissenen Sozialdemokraten. Sich kennenlernen und zusammenwachsen sollte die Generation der Enkel in Ost und West.Doch die kritische Betrachtung der Gegenwart ist für die Sozialdemokraten bitter. Die Gründer von Schwante, die als Enkel Erkorenen, stehen heute am Rande der Partei, ohne Einfluß und isoliert. So manchem Sozialdemokraten dämmert jetzt, daß man im Jahr 1989 eine verkürzte Wahl getroffen, sich auf der Suche nach der Familie im Osten zu sehr vom Augenblick und vom Gefühl hat leiten lassen. Der naheliegende Blick auf die SED, die akribische Suche nach den Sozialdemokraten unter den Einheitssozialisten schien im Strudel der Wende nicht opportun.Das wirkt bis heute nach und hat seine Wurzeln in den Wunden, die die Zwangsvereinigung zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten zur SED im Frühjahr 1946 geschlagen hat. Die Chance zum historischen Frieden mit sich selbst und ihrer bitteren Ost-Geschichte hat die SPD in den Jahren 89/90 verpaßt. Sie hat es nicht geschafft, die verschlungenen Hände zu entflechten, auseinanderzubringen, was vor 50 Jahren zusammengepreßt worden war.Wenn also jetzt, anläßlich des bevorstehenden 50. Jahrestages, über die Zwangsvereinigung von SPD und KPD diskutiert wird, so ist das nicht in erster Linie die Stunde der Historiker, wie die PDS glauben machen will. Das Motiv der PDS für die Debatte liegt im Heute. In der Parteizentrale im Karl-Liebknecht-Haus weiß man, daß die Normalisierung des Verhältnisses zur SPD eine Frage des politischen Überlebens ist, also demzufolge eine Machtfrage. Die PDS verlangt Absolution für ein Ereignis, von dem sie weiß, daß zum Erbe der SED an diesem Punkt ein Schuldeingeständnis gehört.Statt dessen forderte PDS-Chef Lothar Bisky gestern mit gespielter Naivität von der SPD Pragmatismus ein. Es könne nicht sein, sagte er, daß man wegen unterschiedlicher Bewertung eines historischen Ereignisses heute nicht zusammenarbeite. Also Schwamm drüber über die Geschichte? Trifft man sich auf der billigen Mitte des Sowohl-Als-auch? Sucht man einen schalen Frieden in der Formel "ein bißchen Zwang, ein bißchen Freiwilligkeit"?Das liegt jetzt an der SPD: Sie kann um den Preis der sogenannten Normalisierung Formelkompromisse machen und die Lesart der Geschichte denjenigen Machtstrategen überlassen, die derzeit linke Mehrheiten herbeirechnen. Dann läuft sie Gefahr, in Ostdeutschland auf lange Sicht die kleine, mitgliederschwache Partei zu bleiben. Oder sie nimmt den Faden, der 1946 zerrissen wurde, noch einmal auf und wirbt um ihre Enkel im Osten. So daß entwirrt wird, was nicht zusammengehört. +++

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