Im zentralen Pazifik ist das Meer an der Oberfläche erstmals wärmer als 30 Grad – so warm wie nie seit Beginn der Messungen. Die Weltwetterorganisation WMO erwartet einen der stärksten El Niños seit mindestens 1950, der erst im Dezember seinen Höhepunkt erreicht. Der Klimaphysiker Helge Gößling hält es für möglich, dass 2027 deshalb zum heißesten Jahr seit Messbeginn wird.
30 Grad am Äquator: Ein Wert, den es nie gab
Entscheidend ist die sogenannte Niño-3.4-Region, ein Meeresstreifen am Äquator zwischen Südamerika und der Datumsgrenze. An ihrer Temperatur messen Forscher, wie stark ein El Niño ausfällt.
Am 5. Oktober lag der Wert dort laut der Datenplattform Climate Reanalyzer der University of Maine erstmals über 30 Grad. Das sind 3,39 Grad mehr als im Mittel der Jahre 1991 bis 2020.
Die gefürchteten El Niños von 1997 und 2015 waren zur selben Jahreszeit mehr als ein Grad kühler. Gößling vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven spricht gegenüber der Deutschen Presse-Agentur deshalb von einem außergewöhnlichen „Super“-Ereignis.
Eine solche Temperatur habe es dort seit Messbeginn und ziemlich sicher auch weit davor nicht gegeben, sagte er der Agentur.
Plus 3,7 Grad: Bis Dezember wird es noch heißer
Seit dem Sommer hat sich der Pazifik rasant aufgeheizt. Im Juni lag die Abweichung laut WMO bei 1,6 Grad, im August schon bei 2,5 Grad.
Für Oktober bis Dezember rechnet die Organisation im neuen Saisonausblick mit rund 3,7 Grad. Die Wahrscheinlichkeit, dass El Niño bis Februar 2027 anhält, beziffert sie auf nahezu 100 Prozent.
„El Niño ist angekommen und gewinnt rasch an Stärke“, sagt WMO-Chefin Celeste Saulo.
Die US-Klimabehörde NOAA gab schon im September eine Chance von 75 Prozent für ein historisches Ereignis an, stärker als jeder El Niño seit 1950. Ihre neue Einschätzung erscheint an diesem Donnerstag.
Rekordmild oder Schneechaos: Was das für unseren Winter heißt
Nach Deutschland gelangt das Signal aus dem Pazifik nur über Umwege und deutlich abgeschwächt. Bei starkem El Niño fällt der Frühwinter in Mitteleuropa allerdings oft mild und nass aus.
Wie stark diese Spanne ist, zeigen zwei Winter. Nach dem sehr starken El Niño von 2015 lag der Winter 2015/16 bei 3,6 Grad im Bundesmittel und zählt zu den mildesten seit 1881.
Auch 2009/10 herrschte El Niño, und doch brachte dieser Winter Dauerfrost und viel Schnee, bei minus 1,3 Grad im Mittel.
Über den Januar und Februar streiten die Fachleute. Manche erwarten mehr Kaltlufteinbrüche, der Deutsche Wetterdienst beschreibt auch den gegenläufigen Effekt. Beide Positionen hat die Berliner Zeitung in diesem Überblick zusammengetragen.
Dürre droht ausgerechnet in den Kornkammern
Weit stärker trifft El Niño andere Teile der Welt. Normalerweise drücken die Passatwinde warmes Wasser nach Westen Richtung Indonesien. Bei El Niño erlahmen sie, die Wärme schwappt nach Osten zurück, und die großen Regengebiete wandern mit.
Gößling sieht ein erhöhtes Dürrerisiko in Indonesien und Südostasien, im Norden Südamerikas sowie im südlichen Afrika. Litten diese Agrarregionen gleichzeitig, könne das die Nahrungsmittelversorgung weltweit schwer belasten.
An der Westküste Südamerikas und in Teilen Ostafrikas wächst dagegen die Gefahr von Starkregen und Erdrutschen. In Kalifornien hat Gouverneur Gavin Newsom schon im September den Notstand ausgerufen, um sich auf schwere Winterstürme vorzubereiten.
Neuer Hitzerekord 2027? Die Wärme lag längst im Meer
Neue Wärme bringt El Niño nicht auf den Planeten. Er setzt frei, was der Ozean unter der Oberfläche gespeichert hat, und dieser Speicher ist so voll wie nie. „Es steht einfach mehr Wärme zur Freisetzung zur Verfügung“, sagt Saulo.
Das Muster ist bekannt. Auf die starken El Niños von 1997 und 2015 folgten mit 1998 und 2016 jeweils globale Rekordjahre, ein ähnlicher Sprung droht nun 2027.
Ausgelöst wird El Niño nicht vom Klimawandel, verstärkt aber offenbar schon. Laut einer im August im Fachjournal Science veröffentlichten Studie schwankt das System im östlichen Pazifik heute rund 36 Prozent stärker als vor der Industrialisierung.
Den bisherigen Rekord für das wärmste Jahr seit Messbeginn hält 2024, ebenfalls ein Jahr nach einem starken El Niño.
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