Glosse

„Tatort“ heute: Sie müssen das nicht mehr gucken. Wirklich nicht

Tatort am 25. Oktober: Franken-Krimi „Gottesgarten“ mit Rosalie Thomass. Warum Sie den ARD-Sonntagskrimi heute auslassen dürfen – eine Tatort-Glosse.

4 Min
Seit 1970 im Fadenkreuz: Das Auge aus dem „Tatort“-Vorspann gehört Horst Lettenmayer. Er bekam für den Dreh einmalig 400 Mark.

Seit 1970 im Fadenkreuz: Das Auge aus dem „Tatort“-Vorspann gehört Horst Lettenmayer. Er bekam für den Dreh einmalig 400 Mark.

© Imago/Winfried Rothermel

Seit 1970 rennt im „Tatort“-Vorspann ein Mann davon. Erst sieht man seine Augen hinter dem Fadenkreuz, dann seine Beine, die über nassen Asphalt flüchten. Sie gehören Horst Lettenmayer, der für den Dreh einmalig 400 Mark bekam und das später eine Unverschämtheit nannte.

Lange habe ich ihn für ein Opfer gehalten. Heute halte ich ihn für den klügsten Menschen der ganzen Sendung. Er ist der Einzige, der nach dreißig Sekunden das Weite sucht.

Ich selbst bin sitzen geblieben, zehnmal, jeweils knapp neunzig Minuten auf fremden Sofas. Aus Neugier tat ich das nie, sondern weil meine Freunde den Sonntagskrimi wie einen Gottesdienst behandeln und Fernbleiben als Kirchenaustritt werten.

Tatort vorhersehbar: Zehn Abende, zehnmal richtig getippt

Mein System war schlicht: Ich tippte auf den bekanntesten Gaststar, es sei denn, jemand bot in der ersten halben Stunde ungefragt seine Hilfe an. Dann tippte ich auf den.

Zehnmal lag ich damit richtig, meistens vor 20.45 Uhr. Die verbleibende Stunde verbrachte unsere Runde damit, den Kommissaren beim Aufholen zuzusehen. Offen blieb nur, ob sie es vor den Tagesthemen schaffen.

Harald Schmidt hat für dieses Gefühl die kürzeste Formel gefunden. Gefragt, ob er „Tatort“ schaue, sagte er 2024 der Südwest Presse, das sei „das Dümmste, was es gibt“. Er wusste, wovon er sprach: 2017 sollte er selbst im Schwarzwald ermitteln und sagte kurz darauf ab.

Immer dieselben Gesichter im Sonntagskrimi

Ballauf und Schenk ermitteln in Köln seit 1997. Wer im Jahr ihres ersten Falls eingeschult wurde, kann heute mit den eigenen Kindern zusehen, wie dieselben zwei Männer an derselben Würstchenbude über das Leben nachdenken.

Bei den Gästen sieht es kaum anders aus. Der „Tatort“ unterhält eine Art Wanderensemble, in dem die trauernde Witwe aus Kiel zwei Jahre später in Stuttgart als verdächtige Bauunternehmerin auftaucht. Das Wiedererkennen ersetzt die Ermittlung.

Sogar die Hauptdarsteller räumen das Grundproblem ein. Fabian Hinrichs, seit 2015 Kommissar Voss in Franken, sagte dem Stern zum Vorwurf, die Reihe sei zu moralisch und belehrend: „Grundsätzlich ist an dieser Kritik etwas dran.“

„Aber der Kölner ist gut!“ – Ist er nicht

An jedem meiner zehn Abende fiel irgendwann der Satz, dieser „Tatort“ sei anders, weil er aus Köln komme. Oder aus Nürnberg. Oder aus Münster, wegen der Witze.

Ein Blick auf die Landkarte schafft Klarheit. Köln, Münster, Nürnberg, Ludwigshafen und Dortmund liegen allesamt in Deutschland, und man merkt es jeder Folge an. Wechseln darf der Dialekt, das Präsidium bleibt.

Echtes Ausland bietet der „Tatort“ nur in Wien und Zürich. In Wien hören Eisner und Fellner nach dieser Saison auf, wie die dpa in ihrem Ausblick auf die neue Tatort-Saison berichtet. Auch die Österreicher machen sich also auf die Socken, ganz wie der Mann im Vorspann.

Tatort-Quote bröckelt

Heilig ist das Ritual längst nicht mehr allen. Den Fall „Murot und der Elefant im Raum“ sahen Ende Dezember 2025 nur 4,95 Millionen Menschen, die Reihe fiel damit erstmals seit Langem unter die Fünf-Millionen-Marke.

Axel Milberg, mehr als zwei Jahrzehnte Kommissar Borowski in Kiel, sagte kurz vor seinem letzten Fall der Hörzu über die Krimiflut im Fernsehen: „Ehrlich gesagt: es gibt zu viel davon.“ Er hatte selbst kräftig dazu beigetragen.

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Tatort heute: „Gottesgarten“ aus Nürnberg

Heute um 20.15 Uhr zeigt das Erste den Franken-„Tatort: Gottesgarten“. Ein Travestiekünstler wird in einem Nürnberger Stundenhotel erstochen, die Spur führt in die oberfränkische Provinz bei Bad Staffelstein. Rosalie Thomass gibt ihr Debüt als Kommissarin Emilia Rathgeber.

Gesehen habe ich diese Folge nicht. Ich kenne nur die Inhaltsangabe des Senders. Nach zehn „Tatort“-Abenden reicht mir das, um zu wissen, wie der Abend läuft.

Irgendwo in Oberfranken wird ein Familiengeheimnis warten, das spätestens um 21.30 Uhr unter Tränen gestanden wird. Und der bekannteste Gaststar im Vorspann sollte sich heute besser ein Alibi besorgen.

Die Tradition darf enden, heute Abend schon

Kein Gesetz schreibt den „Tatort“ vor, und niemand führt Buch darüber, wer am Sonntag einschaltet. Wer heute verzichtet, verpasst nur, was er ohnehin kennt: den Mörder vor 20.45 Uhr und eine Stunde Warten auf die Kommissare.

Mein Vorschlag für heute Abend: Schauen Sie sich den Vorspann noch einmal an, zum Abschied. Wenn Horst Lettenmayers Beine über den Asphalt davonrennen, machen Sie es wie er: Rennen Sie los.

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