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Über die Verrohung der Sprache ist alles geschrieben. Ein amerikanischer Präsident vergleicht Gegner mit Ungeziefer. Eine Bundestagsabgeordnete flucht in Bochum in die Kamera, auf Israel, die Medien und alle, die nicht ihrer Meinung sind. Manche sagen: Endlich sagt es mal einer. Die einen sind angewidert, die anderen fühlen sich bestätigt, und die Plattform reibt sich die Hände. Mich widert das an. Es erinnert mich an Victor Klemperers „LTI“, sein Buch über die Sprache des Dritten Reiches, das ich 1990, im letzten Jahr der DDR, gelesen habe.
Meine Frau ist Norwegerin. Wenn wir in unserem niederbayerischen Dorf über die Straße wollen, bleibt sie am Rand stehen, und niemand hält an. In Norwegen, sagt sie, würde jeder anhalten. Im Auto sieht sie bei uns Fahrer nach dem Ortsausgangsschild beschleunigen wie nach einem Startschuss und riskant überholen. Das mache sie unsicher. Ich hatte es erst durch sie bemerkt.
Am Steuer fühlt sie sich in Deutschland auch ständig bewertet. Wer vor einem fährt und sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung hält, muss mit Lichthupe, Drängeln und genervten Gesten rechnen.
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Das Gesetz von Jante
Meine Frau fasst den Unterschied in einem Satz zusammen: In Norwegen kontrollieren Regierung und Gesetz, in Deutschland kontrollieren sich die Menschen gegenseitig. Wer in Norwegen 20 km/h zu schnell fährt, zahlt gut 600 Euro; in Deutschland außerorts 60 Euro. Auf weiten Teilen der Autobahn gilt „Freie Fahrt für freie Bürger“. Als gäbe es Freiheit ohne die Freiheit des Anderen. Jeder ist Richter über den vor ihm.
In Skandinavien gilt eine ungeschriebene Regel. Aksel Sandemose hat sie 1933 in einem Roman aufgeschrieben, als Spott auf die Enge einer Kleinstadt: Janteloven, das Gesetz von Jante. Das große norwegische Lexikon nennt sie eine Form sozialer Kontrolle. Mich entsetzte vor allem das vierte Gebot: Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir. Als ich mich am Ende der DDR ohne Startkapital selbstständig machte, fragten Verwandte, wieso ausgerechnet ich Erfolg haben sollte. Sandemoses Kleinstadt hätte auch in Sachsen liegen können.
Erst später fiel mir auf, dass der Fahrer mit der Lichthupe genau das glaubt, was das vierte Gebot verbietet. Er hält sich für besser als den vor ihm und will ihn deshalb erziehen. Kontrolliert wird also hier wie dort. Das Gebot, das mich zunächst entsetzte, bringt in Norwegen jene Höflichkeit hervor, die meine Frau bei uns vermisst. Wer sich nicht für etwas Besseres hält, hält an.
Was für ein Quatsch
Die Deutschen haben schlechte Laune. Im Oktober sah im ARD-Deutschlandtrend nur jeder Achte Anlass zur Zuversicht. Jede Unzufriedenheit findet ihren Schuldigen: Regierung, Medien, Westen, Osten, Autofahrer, Radfahrer.
Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sagte jeder zweite Wähler, die Bundesregierung mache vor allem Politik für Westdeutsche. Kurz darauf las ich, man müsse im Westen andere Saiten aufziehen und die Transfers stoppen. Auf das Gefühl, nicht gemeint zu sein, antwortete man mit dem Vorschlag, den Hahn zuzudrehen.
Wenn ich ein Argument höre, denke ich oft zuerst: Was für ein Quatsch. Das ist noch kein Denken. Seneca nannte es die erste Hitze. Gegen den Zorn helfe der Aufschub, damit sich der Nebel im Verstand lichtet.
Wer vehement auf dem Gendern beharrt, den halte ich für verbohrt, obwohl ich keinen solchen Menschen persönlich kenne. Höre ich jemanden gendern, zucke ich innerlich zusammen: Was ist das jetzt? Die Feinderklärung ist schon passiert, bevor ein Satz über die Sache gefallen ist, und der andere weiß nichts davon. In der DDR konnte man zum Feind erklärt werden, wenn man statt BRD Deutschland sagte; gefährlich wurde es auch, wenn man statt DDR Ostzone sagte.
Der chinesische Dichter Yang Lian, seit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Exil, rät, beim Denken alle Höflichkeit abzulegen. Höflich denkt, wer einen Gedanken nicht zu Ende denkt, weil er das eigene Weltbild bedroht. Ich musste üben, die Gegenseite genauso zu prüfen wie die eigene und nicht beim ersten Impuls stehen zu bleiben. Mein Quatsch-Reflex ist so ein erster Impuls.
Victor Klemperer: Worte, schrieb er, können wie winzige Arsendosen sein.
© United Archives/Kindermann/Imago
Das Sprachamt
Ich halte nichts von Sprachreinigung, gleich von welcher Seite sie kommt.
Klemperer, Romanist in Dresden, überlebte die Nazizeit. Worte, schrieb er, können wie winzige Arsendosen sein. Wer einen Menschen Schädling nennt, muss sich nicht schämen, wenn er ihn vernichtet. Nach dem Krieg beobachtete Klemperer Ähnlichkeiten zwischen nazistischer und bolschewistischer Sprache. Seine Liste nannte er LQI, „Sprache des Vierten Reiches“. Als Kulturminister Johannes R. Becher 1958 von „zersetzender Kritik“ sprach, sah Klemperer bei diesem Wort das Hakenkreuz.
Klemperer schrieb 1950: „Es gibt gut u. böse, es gibt verlogene u. wahre Sprache.“ Ich darf eine Aussage verlogen nennen. Ein Amt, das sie verbietet, rechtfertigt der Satz nicht – ebenso wenig, den Sprecher vor einer Nachfrage für böse zu erklären.
Sprache hat viele Zonen: die Hochsprache der Ämter und Schulen, den Dialekt, die Jugendsprache und den Küchentisch. Für die erste setzt der Staat Regeln. Sachsen verbot das Gendersternchen an Schulen, Bayern untersagt es seit April 2024 in Schulen, Hochschulen und Behörden. Anderswo wird es empfohlen oder verlangt. In Schule und Amt gilt die Rechtschreibung für alle. Darf der Staat mehr verlangen? Schreibt er Beamten das Gendern vor oder machen Beamte das Sternchen zur Bedingung, beginnt ein Sprachamt. Am Küchentisch hat es ohnehin nichts zu suchen.
Der mündige Bürger braucht kein Amt, das ihm sagt, wie er sprechen soll. Braucht er eines, das ihm sagt, wie er nicht sprechen darf? Klemperer notierte 1949, auf „artbewusst“ sei „klassenbewusst“ gefolgt. Das neue Wort zeigte, wer dazugehört. Mit dem Sternchen ist es ähnlich. Wer es setzt, wer es weglässt – beide werden gelesen.
Der „Negerkönig“ wird zum „Südseekönig“
Bei „gelesen“ denke ich an Goethes „Tasso“: „So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.“ Wer das Sternchen verlangt, will mit Sprache das Bewusstsein ändern. Ob jeder, der am Telefon gendert, diese Absicht hat, weiß ich nicht.
Der Streit um Wörter ist älter als das Sternchen. 1793 lösten die Jakobiner die Académie française auf, 1794 beschlagnahmten sie ihr fast fertiges Wörterbuch. Es war Ausdruck des alten Denkens, welches der neuen, idealen Gesellschaft im Weg stehen würde. Vier Jahre später durfte es erscheinen. Ein Vorwort erklärte die alten Wörter kurzerhand für aufgeklärt – eine Generalamnestie für den Wortschatz. Der Romanist Jürgen Trabant fragte dazu in der FAZ, ob Wörter der normalen Sprache nicht auch ohne böse oder dumme Absichten gebraucht werden können.
Wer heute denkt wie die Jakobiner, den nenne ich Sprachjakobiner. Er glaubt, mit Wörtern das Denken ändern zu können: Erst kommen Wörter auf Listen, dann werden Bücher geändert oder aus Bibliotheken entfernt. In „Pippi Langstrumpf“ wurde der Vater 2009 vom „Negerkönig“ zum „Südseekönig“. Heine schrieb, wo man Bücher verbrenne, verbrenne man am Ende auch Menschen. Bei den Jakobinern endete die Treppe unter der Guillotine. Auf welcher Stufe steht, wer heute Listen anlegt?
Wer stellt die Schilder auf?
Platon hatte Philosophenkönige, die Jakobiner den Wohlfahrtsausschuss, die DDR die Partei, die immer recht hatte. Wer Regeln für andere festlegt, wird schnell zum Sprachamt.
Mit etwa 25 dachte ich bei einem Lied erstmals darüber nach, was ich sang. Louis Fürnberg hatte es um 1950 geschrieben: Die Partei habe immer recht, weil sie gegen Lüge und Ausbeutung kämpfe. Bis dahin hatte ich es einfach mitgesungen. An diesem Tag erschrak ich. Eingetreten war ich mit 18, ausgetreten bin ich mit 28, im März 1990. Danach schwor ich mir, nie wieder in eine Partei einzutreten.
Die Logik des Refrains ist nicht mit der SED verschwunden. Wer auf der richtigen Seite steht, hat recht. Die einen nennen sich Mitte und Antirassisten, die anderen riefen in Dresden „Wir sind das Volk“. Beide Male gehören die anderen angeblich nicht dazu.
Es gibt Regeln, die nicht danach fragen, wer recht hat. In Norwegen ist das Anhalten für Fußgänger aus Gesetz, Gewohnheit und einem Gebot gewachsen, das mich zunächst entsetzt hat. Angehalten wird für jeden am Straßenrand.
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Senecas Rat
Ohne Regeln verroht der Streit, mit Regeln über Wörter droht das Sprachamt. Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? Wie können wir wieder miteinander streiten, ohne den anderen zum Feind erklären zu müssen?
Seneca gab den Rat zum Aufschub seinem älteren Bruder, der für öffentliche Ämter bestimmt war. Auf Deutsch hat der Aufschub ein einfacheres Wort: anhalten. Für den am Straßenrand, für den Gedanken, der „Quatsch“ sagt, bevor er geprüft ist, für die Wut, bevor sie ein Video wird. Gilt das Anhalten also zuerst denen, die Macht haben: Politikern, Unternehmern, Managern?
Der Haken: Vom Wütenden verlangt man das Anhalten schneller als vom Minister. Becher nannte Kritik, die ihm nicht passte, „zersetzend“. Der Einwand wurde zum Angriff, der Kritiker zum Feind. Yang Lians Rat stammt von einem, dessen Bücher verboten wurden.
So lese ich ihn: Im Kopf darf es unhöflich zugehen, gegen die eigene Seite zuerst. Zwischen Kopf und Mund sitzt die Bremse, die der Sprechende setzt. Das Ortsausgangsschild, von dem meine Frau erzählte, macht den Fahrer schneller. Für den Streit fehlt das Schild an der Stelle, wo der Gedanke den Kopf verlässt. Norbert Elias beschrieb Zivilisation als Weg vom Fremdzwang zum Selbstzwang. Wäre ein Schild, das jeder für sich aufstellt, ein Anfang?
Die schlechte Laune zeigt, dass etwas nicht funktioniert. Wut vergeht, wenn man ihr Zeit lässt. Groll nicht. In Sachsen-Anhalt hat er sich längst ein Bett gegraben. Da reicht Anhalten nicht mehr. Da muss einer zuhören.
Andreas Schönemann, geboren 1961 im Erzgebirge und aufgewachsen in Chemnitz, arbeitet als Personalberater und begleitet Führungskräfte bei beruflichen Übergängen. Als ausgebildeter Philosophischer Praktiker fragt er nach Urteilskraft, gesellschaftlichen Deutungsmustern und dem Verhältnis von persönlicher Erfahrung und öffentlicher Debatte.
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