Die Gigafactory Berlin-Brandenburg in Grünheide wächst. Während das Model Y im ersten Quartal 2026 mit 51.468 verkauften Einheiten das meistgekaufte Elektroauto in Europa war – ein Plus von 68 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum –, laufen im Hintergrund ehrgeizige Investitionen: Die Kapazität der Batteriezellproduktion wird von acht auf 18 Gigawattstunden pro Jahr ausgebaut. Das entspricht dem Bedarf von rund 250.000 Model Y.
Im Interview mit der Automobilwoche erklärt Werksleiter André Thierig, was das strategisch bedeutet – und hält auch bei den unangenehmeren Themen nicht zurück.
Lokale Zellen statt globaler Lieferketten
Derzeit bezieht Tesla die Batteriezellen noch aus Texas, fertige Batteriepacks zusätzlich aus Schanghai. Das soll sich ändern. „Perspektivisch wollen wir, dass Regionen und Fabriken unabhängiger in ihren Lieferketten werden“, sagt Thierig. Die Pandemiejahre und geopolitische Turbulenzen hätten gezeigt, wie verwundbar globale Transportwege sind. Resilienz und Lokalisierung stünden deshalb stets im Vordergrund.
Bei direkten Tier-1-Lieferanten liege die Lokalisierungsquote bereits bei rund 90 Prozent auf dem europäischen Kontinent. Der geplante Zellfabrikausbau soll diesen Ansatz konsequent vertiefen.
Ob die aktuelle Zollpolitik dabei eine Rolle spielt, beantwortet Thierig nüchtern: Die ursprüngliche Entscheidung für den Standort fiel nicht wegen Zöllen. Aber dass ein in Deutschland gefertigtes Fahrzeug mit hoher lokaler Wertschöpfung keinen langen Seeweg mit entsprechenden Abgaben vor sich hat, ist Teil des Geschäftsmodells. „Solange wir dieses Delta nicht überschreiten, haben wir mit der Fertigung in Deutschland ein gutes Geschäftsmodell.“
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Vom Rekordkrankenstand zur Anwesenheitsprämie
Weniger diplomatisch wird Thierig beim Thema Krankenstand. Zeitweise lag er in Grünheide bei 17 Prozent – einem Wert, den der Werksleiter offen als nicht plausibel erklärbar bezeichnet. Auffällig sei gewesen, dass die Spitzenwerte in Sommermonaten und rund um Werksschließungen auftraten.
Tesla reagierte mit einer Kombination aus Anwesenheitsprämie (bis zu 2000 Euro jährlich), gezielten Gesprächen bei auffälligen Mustern und – in Extremfällen – Hausbesuchen bei Langzeitkranken. Gut 20 Mitarbeiter, die zwischen Januar und August kaum gearbeitet hatten, aber in der Lohnfortzahlung waren, wurden aufgesucht. Personalleiter und Fertigungsleiter übernahmen die Besuche.
Das Ergebnis: Der Krankenstand liegt heute unter fünf Prozent. „Wer krank ist, soll nicht in die Fabrik kommen. Aber wenn ein System ausgenutzt wird, müssen wir handeln“, sagt Thierig.
IG Metall: Kein Gesprächsbedarf
Zur Gewerkschaft findet Thierig die deutlichsten Worte. Obwohl die IG Metall bei drei Betriebsratswahlen in Grünheide in Folge ihr Ziel verfehlt und zuletzt deutlich Stimmenanteile verloren hat, sieht der Werksleiter keinen Anlass für Annäherung. Er war selbst langjähriges Mitglied – bei Ford. Dann trat er aus.
„Ich sehe bis heute keine Notwendigkeit, mich mit der IG Metall zu unterhalten“, sagt er. Die Löhne in der Produktion seien seit 2022 um über 25 Prozent gestiegen, dazu kämen Aktienpakete und weitere Benefits. Das Angebot liege über dem gültigen Tariflevel. „Ich sehe deshalb nicht, welchen Mehrwert eine Gewerkschaft für die Belegschaft oder das Unternehmen bringen sollte.“
Start-up-Charakter, 11.000 Mitarbeiter
Den Unterschied zu klassischen Automobilherstellern beschreibt Thierig am Beispiel Ford, wo er zuvor gearbeitet hatte: keine Transformation vom Verbrenner, keine Altlasten in Fabrik oder Organisation. „Flachere Hierarchien, kürzere Entscheidungswege und sehr wenig Bürokratie. Es gibt kein Industriebeamtentum.“
Wie das bei 11.000 Mitarbeitern funktioniert? Thierig verweist auf die hohe Fertigungstiefe des Werks. Sie ermögliche es, schnell auf Marktveränderungen zu reagieren – wie zuletzt beim Entschluss, das Model Y für den kanadischen Markt in Berlin zu fertigen, nachdem Zollstreitigkeiten zwischen den USA und Kanada den ursprünglichen Plan durchkreuzt hatten.
Welches Produkt nach dem Model Y in Grünheide gebaut werden könnte – Semi Truck, Roboter Optimus, autonomes Cybercab –, lässt Thierig offen. Die Infrastruktur sei bereit. Der Markt entscheide.
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