Konzert

The Cure in Berlin: Warum sich das Publikum beim Konzert hinsetzte

The Cure eröffnen ihre Berliner Konzertserie mit dem dunkelsten Set der Tour: hypnotische Melancholie, ein erschöpfter Robert Smith, ein sitzendes Publikum – und am Ende doch die Erlösung.

5 Min
Weltschmerz als Körperhaltung: Robert Smith am ersten von drei Cure-Abenden in der Berliner Wuhlheide.

Weltschmerz als Körperhaltung: Robert Smith am ersten von drei Cure-Abenden in der Berliner Wuhlheide.

© Christina Kratsch/Davids

Es ist alles angerichtet für den Weltuntergang: der verschmierte Lippenstift, die Vogelnestfrisur und diese ikonische Weltschmerz-Stimme, die sich so tief ins kollektive Unbewusste hineinvibriert hat, dass sie selbst jenen vertraut vorkommen muss, die noch nie etwas von The Cure gehört haben. „And the wind is blowing / Like it’s the end of the world“, singt Robert Smith, der dunkle Prinz des Post-Punk, und eröffnet den ersten von drei ausverkauften Abenden in der Berliner Wuhlheide.

Was folgt, ist ein Konzert, das düsterer kaum sein könnte – und bei dieser Band will das etwas heißen. Über weite Strecken ist das Hauptset ein einziger Sog aus Sechs-bis-acht-Minuten-Epen: „Plainsong“, „From the Edge of the Deep Green Sea“, „Prayers for Rain“, zuletzt „Disintegration“. Auf den Leinwänden flimmern dazu Traum- und Albtraumsequenzen: Sternschnuppen in Zeitlupe, verschwommene Rummelplatzlichter, rhythmisch zuckendes Friedhofsgewürm.

Zwei Akkorde, endlose Schleifen: Warum die Monotonie Konzept ist

Man kann das eintönig finden. Man kann sich aber auch in das erhebende Ewigkeitsgefühl des Immergleichen hineinlegen. Viele dieser Songs kreisen, eigentlich immer in Moll, über manchmal bloß zwei Akkorde. „A Forest“ dreht dieselbe Vier-Akkord-Runde, die nirgends ankommt, bis am Ende allein der Bass übrigbleibt.

Die Form spiegelt den Inhalt, denn genau davon handelt der Song: Das Ich folgt einer Mädchenstimme zwischen die Bäume und begreift zu spät, dass da nie jemand war – ein existentielles Rennen ins Nichts, wieder und wieder („It’s always the same / I’m running towards nothing / Again and again and again and again …“).

Ihre Spannung beziehen diese Cure-Songs vor allem aus ihrer Textur: Die ostinaten Bassläufe bilden das Fundament, darüber schichten Gitarren und Keyboards Flanger-Farben und Melodiefragmente, getrieben von maschinenhaften Beats, die hier und da tatsächlich von einer Drum Machine sekundiert werden. Selbst Reeves Gabrels’ virtuose Wah-Wah- Gitarren-Soli verweben sich mit dem dunkel-psychedelischen Klangteppich, statt aus ihm auszubrechen.

„Fucking difficult, seriously“: Robert Smith und der schwere Tag

Natürlich war das immer schon The-Cure-Dramaturgie: Nihilismus und Abgesang, und dann doch, vom Ende her betrachtet, das Schöne in allem sehen, vorauseilende Wehmut als Betriebsmodus. An diesem Abend aber ist beides gesteigert: Weltuntergang und Erlösung. Zum einen durch eine für ein Open Air erstaunlich radikale Songauswahl, die übrigens auch kein einziges Stück des jüngst Grammy-gekrönten Albums „Songs of a Lost World“ erlaubt (wer drei Abende in Folge spielt, kann sein Repertoire aufteilen).

Zum anderen, ja, auch durch die Tagesform. Zweimal erwähnt Smith, die Band habe einen langen, schweren Tag hinter sich. Das könnte auch damit zu tun haben, dass Bassist Simon Gallup kurzfristig erkrankt ausgefallen ist – für ihn steht sein Sohn Eden am Bass. Nachdem Smith das Tamburin, freilich kaum merklich, einmal aus dem Takt gerät, folgt die erste Publikumsansprache: „This is fucking difficult, seriously“, sagt er mit einem müdem Lächeln.

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Irgendwann setzt sich das Publikum

Tatsächlich scheinen sich die sechs Gruft-Rocker bisweilen in der Melancholie-Monotonie zu verlieren. Zwar sitzen Rhythmus und Sound meistens, dennoch wirkt die Band auch ein wenig erschöpft – wobei Erschöpfung und Goth-Attitüde zugegeben gar nicht so trennscharf zu unterscheiden sind. Das in Alter und Aussehen relativ gemischte Publikum – die Sitznachbarin rechts ist neun, der links geschätzt sechzig – hält zunächst tapfer dagegen, klatscht unangeleitete Choreografien wie im Fußballstadion über die kreisenden Bassläufe, oder johlt die Riffs nach, die Smith gerne auch mal mit dem Rücken zum Publikum spielt.

Doch irgendwann geschieht das Unerhörte: Nach und nach setzen sich die Leute – ausgerechnet, während „One Hundred Years“ den nihilistischen Höhepunkt des Abends markiert („Over and over, we die one after the other / One after the other / One after the other …“). Der Song von 1982 ist eine Panoramafahrt durch ein Jahrhundert der Gewalt; privates Elend und Weltgeschichte werden darin ununterscheidbar, auf den Leinwänden Schwarz-Weiß-Archivbilder: Krieg, Erschießungen, der Atompilz.

Der Happy Hat kommt – und mit ihm die Hits

Nach neunzig Minuten Hauptset verlässt die Band kurz die Bühne, und Smith verspricht, gleich mit aufgesetztem „happy hat“ zurückzukehren. Fröhlich, das heißt bei The Cure natürlich erst mal nur: „The Spiderman is having me for dinner tonight“. Dennoch performt Smith das ikonische Musikvideo von „Lullaby“ nun auch mit seinen Bewegungen – und so kommt zu diesem ersten des quasi nur aus Hits bestehenden Encores immer mehr Schwung in Band und Publikum.

Bei „The Walk“ legt Smith die Gitarre ab und beginnt sogar zu tanzen, immer noch als schwerfälliger Vampir, dennoch ist die Mitternachtsstunde nah, genauso nah wie das Leben nach dem Weltuntergang. Ein zweites Mal erwähnt Smith den schwierigen Tag – um nachzuschieben, wie gut es tue, hier zu spielen.

Bei den Pop-Hits „Friday I’m in Love“ und „Boys Don’t Cry“ hüpft schließlich die gesamte Wuhlheide und singt mit. Am Ende, nach frenetischem Applaus, ist klar: The Cure haben sich einmal mehr selbst geheilt. Die Welt, sie steht auch nach ihrem Ende noch. Und vielleicht sieht sie sogar ein bisschen schöner aus als vorher.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes war davon die Rede, dass Simon Gallup am Bass stand. Tatsächlich fiel Gallup krankheitsbedingt aus; für ihn spielte sein Sohn Eden. Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert.


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