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Die Erwartungen dürften groß sein, wenn am 1. Oktober die Verfilmung von Julie Zehs Bestsellerroman „Corpus Delicti“ in die Kinos kommt. Allerdings: Viel schiefgehen kann eigentlich nicht, wenn Hannah Herzsprung, Christian Friedel, Damian Hardung und Alexander Fehling gemeinsam vor der Kamera stehen. Mit Letzterem haben wir uns vor der Premiere zum Interview getroffen.
Die Welt in „Corpus Delicti“ ist ja eine Dystopie, in der allen Menschen Sicherheit und Gesundheit gewährleistet sind – auf Kosten maximaler Überwachung und Verfügbarkeit aller Daten. Ich nehme an, dass Sie versucht haben, sich in eine solche Welt hineinzudenken. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie das tun?
Um das zu spielen, stelle ich mir gar nicht unbedingt vor, wie es wäre, wenn das Wirklichkeit würde. Ich begebe mich dann eher in die Welt, in der das spielt. Ich beschäftige mich mehr mit den Figuren, mit deren Verbindung untereinander, deren Motivationen. In der Handlung des Films ist die Datenverarbeitung zwar völlig außer Kontrolle geraten, aber für meine Figur ist dieser Umstand gar nicht so wichtig. Wenn ich mir das allerdings als Privatperson vorstelle: Vom Hier und Jetzt ist diese Welt ja gar nicht mehr so weit weg. Was ich daran bedenklich finde: dass Vertrauen als menschliche Kraft eine immer geringere Rolle spielt – sowohl in Einzelbeziehungen als auch gesellschaftlich.
Woran machen Sie das fest?
Wenn man alles kontrollieren, mit Zahlen belegen und algorithmisch auswerten muss, dann gibt es ja nichts mehr, was Interpretationsspielraum lässt. Man hört doch kaum noch Sätze wie: „Ich glaube dir das einfach.“ Dabei ist das doch die Basis menschlicher Beziehungen, deshalb brauchen wir einander. Aber wenn das obsolet wird, weil alles durch Zahlen belegt wird, dann tun wir das nicht mehr. Dann gehen wir immer weiter in die Vereinzelung – und das ist die Quelle jeglicher Katastrophen. Abgesehen von der Klimakatastrophe vielleicht.
Zur Person
Bekannt wurde er unter anderem durch „Goethe!“, „Im Labyrinth des Schweigens“ und die US-Serie „Homeland“. Von 2013 bis 2019 verkörperte er im „Tatort“ den Ermittler Christian Ulmen. Fehling arbeitet regelmäßig für Kino, Fernsehen und Theater und ist auch international tätig.
Demnach ist es für Sie als Schauspieler also egal, ob so ein Film in der Zukunft spielt oder in der Vergangenheit – weil es um das menschliche Miteinander geht.
Ja. Zumindest geht es mehr darum. Natürlich kann man das aber nicht ausblenden, weil ja auch Kostüme dazugehören, die Art und Weise, wie sich eine Figur durch die Welt bewegt. Jeder Körper steht ja im Verhältnis zu seiner Umgebung.
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Sie haben bereits einige historische Rollen gespielt wie Goethe oder Andreas Baader. Ist es eine größere Herausforderung, solche echten Figuren zu spielen als eine fiktive?
Zumindest bereite ich mich da anders vor. Bei einer real existierenden Person sind die Vorgaben einfach konkreter. Man muss mehr Entscheidungen darüber treffen, ob man sich in eine naturalistische Richtung bewegen will, in der man bestimmte Facetten der realen Person auch im Spiel wiedererkennt. Will man etwas Bestimmtes bedienen oder gerade nicht? Es kommt aber auch sehr auf das Material an, wie es geschrieben ist. Es gibt Filme, die wie eine Nachahmung der Realität wirken sollen, sodass es ungemein wichtig ist, möglichst nah an der realen Figur dran zu sein. Bei anderen Filmen, zum Beispiel bei „Goethe!“, war das egal – weil ich sowieso nicht weiß, wie Goethe sich durch einen Raum bewegt hat. Man muss immer versuchen zu verstehen, wie das Material funktioniert; was die Geschichte braucht; wie man ihr helfen kann, dass sie spannend ist und anfängt zu leben. Bei einer fiktiven Figur hat man sicher ein paar mehr Freiheiten. Aber Freiheiten sind natürlich auch immer die, die man sich nimmt. Man kann sich überall dafür entscheiden, sie sich zu nehmen oder eben nicht.
Manchmal ist es aber auch gut und hilfreich, Grenzen gesetzt zu bekommen, in deren Rahmen man sich dann wiederum frei bewegen kann. Grenzen geben ja auch Orientierung.
Genau. Daran kann man sich abarbeiten. Im Falle von „Corpus Delicti“ gab es ja auch noch eine Buchvorlage, sodass man sich natürlich auch mit der Originalquelle beschäftigen, eine Transferleistung erbringen und sich überlegen muss, wie das Ganze in den Film zu übersetzen ist, weil der natürlich anders funktioniert als ein Buch. Bei einer Verfilmung gehen bestimmte Aspekte auch verloren. Da muss man sich überlegen, welche man unbedingt erhalten muss, weil sie wertvoll sind für die Geschichte … und so beschäftigt man sich damit.
Beim Spielen selbst auch?
Nein, dann mache ich mir darüber keine Gedanken mehr. Das passiert alles vorher in der Vorbereitung. Der Spielvorgang selbst ist ein lustvoller, naiver Prozess. Da wird ein Schalter umgelegt, und dann muss man loslassen. Spielen. Offen sein. Schauen, was passiert – und auch, was die Kollegen und Kolleginnen machen.
Fehling in „Goethe!“ aus dem Jahr 2010
© CAP/NFS/Imago
Gab es mal Zeiten, in denen Ihnen das schwergefallen ist?
Als junger Schauspieler ist man natürlich sehr ambitioniert und ehrgeizig, man hat so Ideen, wie Dinge sein müssten – das kennt wahrscheinlich jeder. Aber im Laufe der Zeit wird das weniger, und das ist angenehm – man kann es dann mehr genießen. Weil man nicht mehr permanent alles kontrollieren will und beweisen, was man draufhat. Wenn man jünger ist, braucht man aufgrund der fehlenden Erfahrung manchmal einfach etwas länger, um zu begreifen, dass viele Dinge gar nicht so wichtig sind.
Aus Deutschland gibt es vergleichsweise wenige Dystopie-Filme. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Geld spielt sicherlich eine Rolle, denn so etwas kostet natürlich. Die Summen, die hier für einen Film ausgegeben werden, sind deutlich kleiner als beispielsweise in den USA oder Frankreich. Aber auch kulturelle Aspekte spielen eine Rolle. Hierzulande geht es bei Filmen viel um Sichtbarkeit und das Interesse der Menschen. Das Kino in Deutschland ist beschädigt, mit weniger Selbstbewusstsein unterwegs. Hier kämpft man permanent um die Existenzberechtigung. Je wichtiger Kino aber als Kulturgut wahrgenommen wird, desto mehr Genres und Angebote gibt es auch.
Wie bewerten Sie den aktuellen Stand von Filmen aus Deutschland?
Ich empfinde die enge Verknüpfung von Film und Fernsehen in Deutschland als fatal.
Warum?
Weil man immer Fernsehgeld braucht, um einen Kinofilm zu machen. Fernsehen funktioniert aber anders als Kino. Wir haben das hierzulande nie voneinander lösen können. Das beschädigt die Stoffe manchmal, zumindest aber beeinflusst es sie in ihrer Machart, in ihrer Entwicklung. Den Künstlerinnen und Künstlern wird immer noch viel zu wenig vertraut. Es gibt häufig eine systematische Einordnung und Standardisierung von Geschichten.
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Sie meinen, weil man der Ansicht ist, im Fernsehen müssten Geschichten stets auf eine bestimmte Art und Weise erzählt werden?
Unter anderem. Gelder müssen immer zurückfließen. Es werden keine Risiken eingegangen – und gerade jetzt wird die Luft sowieso für alle dünner. Aber je weniger risikobereit man ist, desto eintöniger werden natürlich auch die Stoffe. Je ambivalenter, amoralischer und überraschender ein Drehbuch ist, desto schwieriger wird es, den dazugehörigen Film finanziert zu bekommen. Ich habe schon so gute Sachen gelesen, die es deshalb nicht geschafft haben. Und dann gibt es eben Filme, deren weiteren Plotverlauf man bereits nach fünf Minuten erahnt, und die schaffen es dann. Das ist schmerzhaft. Und frustrierend.
Sie haben bereits international gedreht. Ist das etwas, was Sie aus den eben genannten Gründen gerne noch verstärken würden?
Klar, aber ich bin natürlich abhängig davon, dass mir entsprechende Drehbücher zugeschickt und mir das Vertrauen ausgesprochen wird, solche Rollen zu übernehmen. Die Möglichkeiten sind dahingehend aber größer geworden, und das ist natürlich schön. Ich war schon immer interessiert an anderen Kulturen und daran, mit Menschen zu arbeiten, die aus einem anderen Bereich kommen. Ich liebe das. Insofern: Das wird immer etwas sein, das ich gerne mache.
Jessica Schwarz und Fehling in dem Film „Buddenbrooks“, der 2008 in die deutschen Kinos kam.
© Everett Collection/Imago
Sie haben mal gesagt, dass Sie anfangs für Ihren Traum, Schauspieler zu werden, belächelt worden sind. Wie haben Sie es geschafft, ihn dennoch zu verwirklichen?
Damals war ich noch ein Kind, aber ich muss gestehen: Ich habe es bis heute nicht geschafft, das voll und ganz abzulegen. Ich habe bis heute ein gespaltenes Verhältnis dazu. Ich weiß auch nicht, warum.
Das heißt: Wenn Sie privat auf einer Party sind, Sie jemand nicht kennt und fragt, was Sie beruflich machen, kommt es Ihnen komisch vor, wenn Sie „Ich bin Schauspieler“ antworten?
Ja, immer. Aber ich rede sowieso nicht so gerne über mich …
… dann haben Sie sich auf dieses Interview ja bestimmt riesig gefreut …
Ja! (lacht), wobei: Über die Arbeit rede ich schon ganz gerne, weil mir das am Herzen liegt und ich froh darüber bin, wenn man sich dafür interessiert. Aber wenn ich erzähle, dass ich Schauspieler bin, kommt häufig so ein mitleidiger Blick. Es gibt ja dieses Vorurteil uns Schauspielern gegenüber, dass wir sehr gut lügen können, immer im Mittelpunkt stehen wollen und nervig sind. Ich würde das von mir zwar nicht behaupten, aber vielleicht hat es damit zu tun, dass mir das unangenehm ist. Wenn ich eine Rolle spiele, bin ich in dem Moment relativ schamfrei. Aber privat bin ich ganz anders. Das entspricht nicht meinem Naturell. Ich brauche weder viel Aufmerksamkeit noch stehe ich besonders gerne im Mittelpunkt.
Daniel Schieferdecker arbeitet als freier Autor für verschiedene Medien wie Zeit Online, Esquire und den Rolling Stone. Er war außerdem drei Jahre lang Chefredakteur von Europas größtem HipHop-Magazin Juice und hat zwei Bücher geschrieben: das chinesische Reisekochbuch „Forever Yang“ und die autorisierte Biografie des Rappers RAF Camora.
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