Lebensmittelhilfe

Weniger Armut, mehr Nachfrage: Tafeln in Sachsen-Anhalt brauchen Unterstützung

Die Armut ist in Sachsen-Anhalt erneut gesunken. Gleichzeitig benötigen immer mehr Menschen Lebensmittel von der Tafel – die ebenso mit steigenden Kosten kämpft.

Willy Weyhrauch
4 Min
In Sachsen-Anhalt sind immer mehr Menschen auf Lebensmittel der örtlichen Tafeln angewiesen.

In Sachsen-Anhalt sind immer mehr Menschen auf Lebensmittel der örtlichen Tafeln angewiesen.

© Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Die Tafeln in Sachsen-Anhalt leiden unter den Spritpreisen an der Tankstelle. Von der künftigen Regierung wünscht sich die Initiative nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch Beständigkeit. Denn trotz der zuletzt sinkenden Armutsquote sind Anlaufstellen im Bundesland hochfrequentiert. Die Zahl der „bedürftigen“ Mitglieder wächst, „trotz hoher Schamgrenze“, wie es der Vorsitzende Kai-Gerrit Bädje beschreibt.

Seit dem Jahr 2021 unterhält die Tafel Sachsen-Anhalt ein Zentrallager in Hohenerxleben. Von dort aus steuert die angeheuerte Transportfirma Dachser die 35 Mitgliedstafeln im ganzen Land an. Das fordert Personal und drückt gleichzeitig auf die Kosten. „Vor ein paar Jahren war der Sprit noch bei etwa 1,70 Euro pro Liter. Heute sind es bis zu 2,30 Euro“, so der Vorsitzende Kai-Gerrit Bädje im Gespräch mit der OAZ. „Wir beladen die Fahrzeuge bis zur erlaubten Grenze und versuchen so effizient wie möglich zu wirtschaften.“

Trotz sinkender Armutsquote – Zahl der Mitglieder der Tafel in Sachsen-Anhalt steigt

Laut jüngster Zahlen des Landesamts Sachsen-Anhalt ist der „Anteil der von Armut und sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen“ um 1,8 Prozent gesunken. Damit liegt die Quote heute bei 24,1 Prozent. Vor zwei Jahren lag sie noch bei rund 28 Prozent. An den Ausgabestellen der Tafeln zeigt sich dieser Rückgang jedoch nicht.

„Bislang können wir nicht feststellen, dass diese Entwicklung durchschlägt“, so der Vorsitzende weiter. „Bundesweit liegt die Armutsquote bei etwa 16 Prozent. In Sachsen-Anhalt gelten rund 21 Prozent als armutsgefährdet.“ Dabei wagen viele Menschen den Schritt zur Tafel gar nicht, obwohl sie als „bedürftig“ gelten. „Die Schamgrenze ist nach wie vor hoch. Selbst Menschen, bei denen sich die Brüche der 90er-Jahre in den Erwerbsbiografien widerspiegelt, kommen oft nicht über diesen Punkt hinweg.“

Von etwa 400.000 Betroffenen in Sachsen-Anhalt sind gerade einmal 42.000 Mitglieder bei der Tafel registriert. Das ist für die Annahme von Produkten Grundvoraussetzung. „Bis auf die 2010er-Jahre, als die Arbeitslosigkeit sank und damit auch unsere Mitgliederzahl, steigt die Zahl der Bedürftigen kontinuierlich.“ Um pauschal nicht nur von Spenden abhängig zu sein, unterhält die Initiative auch eigene Tafelgärten. Zum Beispiel in Quedlinburg und Zerbst. „Dort bauen wir Kartoffeln, Mohrrüben oder auch Tomaten an.“

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Spenden erlauben Hilfe für Bedürftige

Trotzdem lässt sich ein solches Unterfangen nicht nur aus Spenden stemmen. Zu Buche schlagen die Miete des Standorts in Hohenerxleben und die Personalkosten. „Nur mit Ehrenamtlern lässt sich das nicht unterhalten.“ Dabei betrachte man sich nur als Unterstützung und nicht als Versorger. „Das ist Aufgabe des Gesetzgebers.“

Der bedenkt die gemeinnützige Organisation gelegentlich mit Spenden, wie zuletzt die Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD). „Tafeln sind Orte gelebter Solidarität. Gerade in Zeiten sozialer Unsicherheiten leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Lebensmittelrettung“, so die Ministerin. „Als Sozialministerium unterstützen wir das Engagement für Menschen, deren Geldbeutel nicht immer für einen Einkauf im Supermarkt ausreicht.“

Ihr Dank gelte den über 1200 helfenden Helferinnen und Helfern, die mit anpacken und Menschen in Not Hoffnung gäben. „Als Staat nehmen wir die Aufgabe ernst, für mehr soziale Sicherheit zu sorgen und die Ursachen von Armut zu bekämpfen“, betont Grimm-Benne.

Bereits seit 2022 unterstützt das Land die Arbeit des Tafel-Landesverbandes: Mit Landesmitteln konnten unter anderem die Lagerhalle in Hohenerxleben angemietet und ein Transporter für die Tafel angeschafft werden. Von der künftigen Landesregierung – wie auch immer die aussehen werde – wünscht sich der Vorsitzende vor allem Kontinuität. Um die täglichen Aufgaben zu bewältigen, „bräuchte es eigentlich mehr Mittel“. Ohne die Unterstützung der Postcode Lotterie, welche die Organisation mit Mitteln fördert, „wäre der Weiterbetrieb so gar nicht möglich“, so Kai-Gerrit Bädje.

So viele Tafeln gibt es deutschlandweit

Deutschlandweit gibt es über 970 Tafeln mit mehr als 2000 Ausgabetafeln. Bei den Tafeln engagieren sich rund 77.000 Helfer, davon 94 Prozent ehrenamtlich. Rund 1,5 Millionen Kunden werden jährlich mit 265.000 Tonnen Lebensmitteln versorgt.

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