Geschichtsrevision

Tucker Carlson findet Gründe für Hitlers Überfall auf Polen – jetzt schlägt Warschau zurück

Polens Botschaft in Washington wirft Tucker Carlson Hitler-Apologie vor. Was er über Polen, Großbritannien und 1939 sagte und was historisch stimmt.

5 Min
US-Moderator Tucker Carlson bei einem Auftritt in Phoenix, Arizona, im Dezember 2022. Polens Diplomat Bogdan Klich wirft ihm vor, Hitlers Überfall auf Polen zu rechtfertigen.

US-Moderator Tucker Carlson bei einem Auftritt in Phoenix, Arizona, im Dezember 2022. Polens Diplomat Bogdan Klich wirft ihm vor, Hitlers Überfall auf Polen zu rechtfertigen.

© IMAGO/Brian Cahn

Am 1. September 1939 trat Adolf Hitler vor den Reichstag und behauptete, seit 5.45 Uhr werde „zurückgeschossen“. Deutschland, so die Botschaft, verteidige sich nur.

87 Jahre später argumentiert US-Moderator Tucker Carlson erstaunlich ähnlich. Hitler sei keineswegs grundlos in Polen einmarschiert.

Warschau antwortet scharf. Bogdan Klich, Geschäftsträger der polnischen Botschaft in Washington, nennt Carlson in einem offenen Brief einen „Apologeten Adolf Hitlers“ und verlangt Widerruf und Entschuldigung.

Tucker Carlson über Hitler und die „15 Prozent“

Anlass ist Carlsons Gespräch mit dem britischen Konservativen Jacob Rees-Mogg, das am Freitag erschien. Die Behauptung, Hitler sei einfach so in Polen einmarschiert, hielt Carlson laut dem polnischen Portal Interia für eine Lüge.

Als Beleg zitierte er Hitler selbst: 15 Prozent Polens seien einst deutsch gewesen und durch den Versailler Vertrag an Polen gefallen. Deutsches Gebiet mit Deutschen darin, so Carlson laut dem Brief der Botschaft.

Großbritannien habe mit alldem nichts zu tun gehabt. Die Briten hätten ihr Empire für einen Krieg geopfert, den sie bis heute fälschlich für eine gute Idee hielten, berichtet TVP World.

Rees-Mogg widersprach und nannte den Krieg einen klassischen Kampf von Gut gegen Böse, wie die Daily Wire berichtet.

Polens Diplomat Klich: „Kolossale Beleidigung“ der Opfer

Klich veröffentlichte den Brief am Montag auf dem X-Account der Botschaft. Er sei „empört über die falschen und zutiefst verstörenden Aussagen“, schreibt er an Carlson.

Dessen Rechtfertigung des Überfalls sei „eine kolossale Beleidigung der Millionen Opfer des Nationalsozialismus“. Dazu zählt Klich ausdrücklich Hunderttausende US-Soldaten, die bei der Befreiung Europas getötet oder verwundet wurden.

Dann wird der Diplomat persönlich. Carlson, der als amerikanischer Journalist das Recht auf freie Rede genieße, sei „nun zu einem Apologeten Adolf Hitlers geworden“. Er greife „zu Lügen“ und verfälsche die dokumentierte Geschichte „vollständig“.

„Nazi-Propaganda kann nicht unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit rehabilitiert werden“, heißt es weiter. Die Meinungsfreiheit dürfe nicht dazu dienen, „das Andenken an die Opfer des Zweiten Weltkriegs zu schänden“.

Klich verlangt, dass Carlson „diese verlogenen und schändlichen Aussagen“ sofort und öffentlich zurücknimmt und sich entschuldigt. Sein Schlusssatz: „Die Geschichte darf nicht verfälscht werden.“

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Faktencheck Versailles: Wem gehörten Posen und Westpreußen?

Nach dem Versailler Vertrag trat Deutschland die Provinz Posen und große Teile Westpreußens an Polen ab. 1922 folgte nach einer Volksabstimmung der Osten Oberschlesiens.

Das entsprach grob zwölf Prozent der Fläche des neuen polnischen Staates. Die Zahl stimmt also ungefähr, die Schlussfolgerung nicht.

In Posen und im westpreußischen Pommerellen stellten Polen die klare Mehrheit. Deutsch waren die Gebiete erst seit den Teilungen Polens im 18. Jahrhundert, darauf wies Rees-Mogg laut dem Portal Goniec im Gespräch hin.

Gleiwitz und Hitler-Stalin-Pakt: Danzig war nur der Vorwand

Am Abend des 31. August 1939 überfielen SS-Männer in polnischen Uniformen den Sender Gleiwitz in Oberschlesien. Der inszenierte Angriff lieferte Hitler den Anlass, vom „Zurückschießen“ zu sprechen.

Klich nennt den Überfall in seinem Brief „einen minutiös geplanten und brutalen Angriffskrieg“. Hitlers Ziel sei „die vollständige Zerstörung des polnischen Staates und die physische Vernichtung seiner Bevölkerung“ gewesen.

Worum es tatsächlich ging, hatte Hitler seinen Generälen schon am 23. Mai 1939 gesagt: „Danzig ist nicht das Objekt, um das es geht.“ Ziel sei die Erweiterung des Lebensraums im Osten.

Am 23. August unterzeichneten die Außenminister Ribbentrop und Molotow den Hitler-Stalin-Pakt. Ein geheimes Zusatzprotokoll teilte Polen auf, Klich spricht von der „vierten Teilung Polens“. Am 17. September marschierte die Rote Armee ein.

Rund sechs Millionen polnische Staatsbürger kamen im Krieg ums Leben, etwa die Hälfte von ihnen Juden.

Großbritannien im Zweiten Weltkrieg: Neutralität schützte niemanden

London hatte Polen am 31. März 1939 eine Garantie gegeben. Wenige Tage zuvor hatte Hitler das Münchner Abkommen gebrochen und Prag besetzt. Am 3. September erklärten Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg.

„Hätten London und Paris dem Dritten Reich nicht den Krieg erklärt, wären sie ohnehin angegriffen worden“, schreibt Klich. Hitlers eigene Bilanz stützt ihn.

Im April 1940 überfiel die Wehrmacht das neutrale Dänemark und Norwegen, im Mai die neutralen Niederlande, Belgien und Luxemburg. Im Juni 1941 griff Hitler die Sowjetunion an, mit der er einen Nichtangriffspakt hatte.

Carlson, Cooper, Putin: Nicht der erste Geschichts-Eklat

2024 präsentierte Carlson den Podcaster Darryl Cooper als „ehrlichen Historiker“, der Churchill zum eigentlichen Schurken des Krieges erklärte.

Im selben Jahr ließ er Wladimir Putin unwidersprochen behaupten, Polen habe Hitler zum Angriff gezwungen.

Auf Klichs Brief hatte Carlson bis Montagabend US-Ostküstenzeit nicht reagiert.

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