Turkmenistan war bislang eines der am schwersten zugänglichen Länder der Welt. Nun geht ausgerechnet der zentralasiatische Staat einen Schritt, der lange kaum vorstellbar schien. Seit dem 1. Oktober können ausländische Staatsangehörige elektronische Visa beantragen. Das neue E-Visum-System soll die Einreise digitalisieren und beschleunigen. Für ein Land, das seine Grenzen jahrzehntelang besonders streng kontrolliert hat, ist das mehr als eine technische Modernisierung. Es ist ein vorsichtiges Signal der Öffnung.
Die Reform war bereits im April 2025 gesetzlich vorbereitet worden. Damals wurde das E-Visum in das turkmenische Migrationsrecht aufgenommen. Das Gesetz sieht vor, dass für ein elektronisches Visum grundsätzlich keine Einladung zur Einreise ausgestellt werden muss. Mit dem Start des Systems wird diese Bestimmung nun praktisch umgesetzt. Die staatliche Migrationsbehörde hat zudem ein Online-Portal für die Registrierung ausländischer Besucher eingerichtet.
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Noch sind nicht alle Regeln des neuen Verfahrens eindeutig öffentlich dokumentiert. Für Touristen soll keine Einladung mehr erforderlich zu sein, bei Geschäftsvisa sind dagegen Nachweise eines turkmenischen Partners vorgesehen.
Warum also öffnet ein Land, das lange geschlossen blieb?
Die Antwort ist weniger ein politischer Kurswechsel, sondern eine ökonomische Motivation. Turkmenistan besitzt gewaltige Erdgasvorkommen, ist aber bei deren Vermarktung stark von wenigen Abnehmern und Transportrouten abhängig. China ist seit Jahren der wichtigste Abnehmer turkmenischen Erdgases. Nach offiziellen Angaben wurden bis März 2026 bereits rund 460 Milliarden Kubikmeter Gas über die Turkmenistan-China-Pipeline über Usbekistan und Kasachstan nach China geliefert. Zugleich bemüht sich Aschgabat um neue Exportwege und eine stärkere Diversifizierung.
Wer neue Märkte erschließen, Fabriken bauen, Maschinen importieren, Infrastrukturprojekte finanzieren oder internationale Logistik organisieren will, muss ausländische Unternehmen ins Land bekommen. Ein kompliziertes Visaregime ist dabei nicht nur für Touristen ein Hindernis, sondern für Ingenieure, Manager, Berater und Investoren. Eine deutsche Delegation des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft besuchte das Land im Juli 2026. Diese Zeitung berichtete darüber.
Turkmenistan versucht damit, zwei Ziele miteinander zu verbinden: wirtschaftlich stärker nach außen zu gehen, ohne politisch die Kontrolle über das Land aufzugeben.
Das zeigt sich auch an der Annäherung an die Welthandelsorganisation. Im Mai 2026 sprach die Regierung erneut über die nächsten Schritte auf dem Weg zu einem WTO-Beitritt und über die Anpassung des nationalen Regelwerks an internationale Handelsstandards.
Das Tor zur Hölle in der turkmenischen Wüste nahe Derweze gehört zu den Highlights des zentralasiatischen Landes. Das E-Visum soll den komplexen Zugang erleichtern.
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Ambitionen auf dem Mittleren Korridor
Hinzu kommt die neue geopolitische Lage. Seit Ausbruch des Russland-Ukraine-Kriegs hat der sogenannte Mittlere Korridor zwischen China, Zentralasien, dem Kaspischen Meer, dem Südkaukasus und Europa an Bedeutung gewonnen. Turkmenistan liegt zwar abseits der klassischen Landrouten und besitzt keine direkte Verbindung zum offenen Meer. Das Land verfügt aber mit dem Hafen Turkmenbaschi über einen wichtigen Baustein für die Verbindung zwischen Zentralasien und dem Kaspischen Meer. Die Regierung wirbt deshalb zunehmend um Investitionen in Transport, Logistik, Energie und Industrie.
Auch der Blick auf die Nachbarn dürfte eine Rolle spielen. Usbekistan hat seit dem Amtsantritt von Präsident Schawkat Mirsijojew 2016 gezeigt, dass sich eine vorsichtige wirtschaftliche Öffnung mit politischer Kontrolle verbinden lässt. Visaerleichterungen, mehr ausländische Investitionen und eine stärkere Integration in den Welthandel haben das Land wirtschaftlich deutlich attraktiver gemacht. Turkmenistan beobachtet diese Entwicklung genau.
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Die Unterschiede sind allerdings erheblich. In Aschgabat gibt es bislang keine vergleichbare politische oder wirtschaftliche Liberalisierung. Das Machtzentrum bleibt fest in den Händen der Führung um Präsident Serdar Berdymuchammedow und seinen Vater Gurbanguly Berdymuchammedow. Die Öffnung ist selektiv und soll vor allem wirtschaftlichen Nutzen bringen.
Für Touristen könnte die Reform Turkmenistan erstmals etwas leichter erreichbar machen. Strategisch wichtiger sind jedoch die Geschäftsreisenden. Wenn Aschgabat tatsächlich neue Investitionen, Technologien und Lieferketten ins Land holen will, müssen ausländische Fachleute schneller und unkomplizierter einreisen können.
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