WASHINGTON. Helmut Kohl wusste um seine Schwierigkeiten mit den Fernsehkameras, und er zog seine Schlussfolgerungen: Solange er regierte, gab es in Deutschland vor Bundestagswahlen keine TV-Duelle. So dauerte es bis 2002, ehe der damalige sozialdemokratische Kanzler Gerhard Schröder und sein Herausforderer Edmund Stoiber von der Union zum ersten Mal die direkte Auseinandersetzung im populärsten Medium suchten. Das Duell zwischen Angela Merkel (CDU) und ihrem bisherigen Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier (SPD) an diesem Sonntag ist also erst das dritte seiner Art. Dass es die Wahl entscheiden wird, ist eher unwahrscheinlich; dass es sie aber beeinflussen wird, ist sicher. Zu wichtig sind in der öffentlichen Wahrnehmung diese Zweikämpfe, in Deutschland und in vielen anderen Ländern der Welt, seit vor 49 Jahren in den USA erstmals die Präsidentschaftskandidaten der beiden großen Parteien vor laufenden Kameras miteinander diskutierten und damit diese Art des Duells begründeten.Die damalige Debatte ist bis heute legendär. Ein junger, telegener, sichtlich gut erholter Senator John F. Kennedy stand im gleißenden Licht einem übernächtigt wirkenden Vizepräsidenten Richard Nixon gegenüber, dessen Zweitagebart im fahlen Gesicht lange Schatten warf. Kennedy beherrschte das neue Medium perfekt. Er sprach in die Kamera, Nixon fixierte stets den Gegner. Ob das TV-Duell tatsächlich die Wahl zu Kennedys Gunsten entschied, wie manche behaupten, ist umstritten. Der Mythos von der Wirkungsmacht solcher Veranstaltungen aber war geboren.Heute sind Fernsehdebatten in den USA längst Routine - und meist ziemlich langweilig. Kein Kandidat kommt mehr unrasiert. Nichts wird dem Zufall überlassen. Bis ins Detail handeln Anwaltsteams vorab die Regeln aus, von der Pulthöhe über die Teppichfarbe bis zur Frage, wer wann wie viel Zeit für Antworten bekommt. Die Kandidaten trainieren tagelang das Frage-Antwort-Spiel, um nicht auf dem falschen Fuß erwischt zu werden. Und sie studieren prägnante Einzeiler ein, die sie dann bei passender Gelegenheit scheinbar spontan einstreuen.Als Großmeister und Vorreiter dieser Methode gilt Ronald Reagan, der 1980 Jimmy Carter mit dem schelmisch-spöttischen Seufzer "Jetzt fängt er schon wieder damit an!" den ersten humorigen K.o.-Schlag versetzte. Das damalige Duell gilt zudem als Beleg, dass Herausforderer bei TV-Duellen viel gewinnen können, während Amtsinhaber meist nur etwas zu verlieren haben. Ein genervter Blick auf die Uhr (George Bush senior 1992) oder arrogante Seufzer (Al Gore 2000) haben Kandidaten schon Debatten verlieren lassen. Dagegen werden junge, wenig bekannte Politiker durch eine Debatte auf Augenhöhe aufgewertet. Auch Barack Obama brillierte 2008 mit seiner ruhigen, verbindlichen Art in dieser Rolle.Das wichtigste Gesetz freilich lautet, ja keine Fehler zu machen. Wer eine Behauptung aufstellt, die nicht stimmt,wird später gnadenlos in der Luft zerrissen. Noch schlimmer ist es, Langeweile zu verbreiten. Alle Studien zeigen, dass beim Zuschauer vor allem derjenige punktet, der den Gegner mit verbalen Attacken in die Defensive drängt.Weil klare Siege selten sind, pflegen die Medien zumindest in den USA den zum Gewinner auszurufen, der besser abschneidet als gedacht. Nach dieser Logik müsste Steinmeier am Sonntag gewinnen. Ihm trauen nach einer ARD-Umfrage nur 15 Prozent den überzeugenderen Auftritt zu. 64 Prozent rechnen damit, dass Merkel besser abschneidet. Ob es überhaupt ein richtiges Duell wird, ist fraglich: Beide Seiten haben im Vorhinein Friedfertigkeit signalisiert. (mit hb.)------------------------------Sonntag, 20.30 Uhr: Duell ohne SpickzettelDas TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier wird Sonntag um 20.30 Uhr von ARD, ZDF, Sat.1, RTL und Phoenix gesendet.Die Regeln sind klar: Antworten dürfen maximal 90 Sekunden dauern. In der Summe sollen die Duellanten gleich lang sprechen. Sie kennen die Themen, aber nicht die Fragen.Nicht erlaubt sind Spickzettel. Bereit liegen nur leeres Papier und Stifte. Die erste Antwort darf Steinmeier geben, die letzte geht an Merkel. Dazwischen liegen 90 Minuten.------------------------------Foto: US-Vizepräsident Richard Nixon (o. r.) und Herausforderer John F. Kennedy (o. l.) beim allerersten TV-Duell 1960
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