Kolumne

Typisch Berlin: Am Alex ist seit Ewigkeiten eine Baustelle, an der niemand arbeitet

Unser Kolumnist beobachtet seit sehr vielen Wochen jeden Morgen, was hinter diesem einen Bauzaun passiert – nämlich rein gar nichts.

Jens Blankennagel
Jens Blankennagel
3 Min
Am Alex liegen reichlich Ziegelsteine bereit, aber gebraucht wurden sie bislang nicht.

Am Alex liegen reichlich Ziegelsteine bereit, aber gebraucht wurden sie bislang nicht.

© Jens Blankennagel/Berliner Zeitung

Es ist dann tatsächlich doch mal wieder was passiert auf dieser Baustelle. Nur nicht das, was man erwartet. Nach Wochen oder Monaten waren zwei Arbeiter da und haben Hand angelegt. Ein Wunder ist geschehen, das nicht an jeder Berliner Baustelle passiert: Es wurde gearbeitet.

Es begann im Sommer, als es so richtig heiß war. Nördlich des Alexanderplatzes/Ecke Otto-Braun-Straße wurde auf einer Wiese eine Baustelle eingerichtet: Zaun, Sandberge, ein Wassertank, zwei Baufahrzeuge, knapp 30 Paletten mannshoch voller rustikaler Ziegelsteine, eine Palette Zementsäcke. Auf dem Boden lag eine Folienbahn, darauf eine Mauer, maximal vier Ziegel übereinander.

Dann passierte ewig nichts. Vielleicht war es einfach zu heiß. Vom „Höllen-Sommer“ war die Rede, von der „Hitze-Walze“. Oder es ist halt typisch Berlin. Es gibt auch immer Straßenbaustellen, an denen über Monate niemand arbeitet, die aber jeden Morgen und jeden Abend den Verkehr massiv behindern, die für lange Staus sorgen und für richtig viel Frust bei denen, die ewig warten müssen, und bei den Anwohnern, die auch nicht glücklicher sind, wenn vor ihrem Haus die Abgase im Dauerstau produziert werden.

Früher gab es ruinöse Strafen

Aber in den Amtsstuben scheint das kaum jemanden so richtig zu stören, jedenfalls ist selten etwas von ruinösen Strafen zu lesen für Baustellen, die vergessen werden, oder für Baugerüste, die jahrelang stehen.

Im Internet finden sich folgende Strafen für solche Baugerüste: Vier bis 20 Euro pro Quadratmeter sind pro Monat fällig. Da kann einiges Geld zusammenkommen, aber es ist dann doch eher ein Witz im Vergleich mit der Gründerzeit, also mit jener Zeit, als am Anfang des Kaiserreichs Berlin die am schnellsten wachsende Stadt Europas war. Damals mussten Bauherren bis zu 30 Mark Strafe zahlen – wohlgemerkt pro Tag. Und 30 Mark waren damals jene Summe, die ein Maurer pro Woche verdiente.

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Heute scheinen vergessene Baustellen egal zu sein, aber am Alex wird ja auch niemand behindert. Dort steht kein Gerüst, sondern nur ein Bauzaun, stapelweise Paletten und Baumaschinen. Vielleicht ist aber alles auch ganz anders. Vielleicht ist es eine Kunstinstallation: „Berlin – Stadt des ewigen Wandels“.

Jedenfalls waren nun mal wieder Bauarbeiter da. Der Witz ist aber, dass sie nicht etwa weitergemauert haben, sondern die Minimauer wieder weitgehend abgerissen haben. Dann haben sie die Baustelle schön aufgeräumt und sind verschwunden. Vielleicht wird es ihnen jetzt auch zu kalt, so wie es im Sommer zu heiß war. Vielleicht kommen sie auch bald wieder und räumen alles andere weg, so als hätte es die Baustelle nie gegeben. Mal sehen.

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