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Über das Sehen und Nicht-Sehen: eine Replik auf die Kritik an Christopher Clark

Unser Autor schaltet sich in die Debatte über Christopher Clarks Dresdner Rede ein. Schließlich legt er allen die Lektüre des Werks von Edmund Dene Morel nahe.

Joachim Petrick
5 Min
Christopher Clark, ein in Großbritannien lebender australischer Historiker, während einer Podiumsdiskussion auf der Lit.Cologne

Christopher Clark, ein in Großbritannien lebender australischer Historiker, während einer Podiumsdiskussion auf der Lit.Cologne

© Horst Galuschka/Imago

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Roland Dantz wirft Christopher Clark in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung „blinde Flecken“ vor. Doch wer Clark kritisiert, ohne Edmund Dene Morel zu kennen, gleicht einem Mann, der über Optik streitet, ohne je ein Fernrohr benutzt zu haben. Denn Clarks Dresdner Rede „Verteidigungsaufbau ist nicht gleich Militarisierung“ mag man für politisch naiv halten oder für historisch vorsichtig, aber sie ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass die Debatte über 1914 wie über 2001 stets an der Oberfläche bleibt: bei Diplomatie, bei Schuld, bei politischen Entscheidungen.

Was fehlt, ist der Blick in die Tiefe. Und genau dort steht Morel – seit 100 Jahren – und wartet darauf, endlich gelesen zu werden.

I. Clark in Dresden: Der Historiker als Diplomat

Christopher Clark sagte in Dresden sinngemäß: Nicht jeder Verteidigungsaufbau sei Militarisierung.  Er warnte vor vorschnellen Analogien und moralischen Kurzschlüssen. Er plädierte für Nüchternheit, für Kontext, für historische Selbstdisziplin. Das ist ehrenwert. Aber es ist auch unvollständig.

Denn Clark beschreibt die Schlafwandler – nicht die Architekten. Er zeigt die diplomatischen Mechanismen – nicht die ökonomischen Motoren. Er analysiert die politischen Entscheidungen – nicht die finanziellen Strukturen, die diese Entscheidungen erst möglich machten. Clark sieht viel. Aber Morel sah mehr.

II. Der Mann, der den Krieg als Finanzprodukt entlarvte

Edmund Dene Morel, Gründer von Foreign Affairs, war kein Historiker, sondern ein Mann, der die Welt nicht beschrieb, sondern veränderte. Er erkannte mitten im Ersten Weltkrieg, was Clark und Dantz gleichermaßen übersehen: Der Krieg war kein politisches Unglück – er war ein ökonomisches System.

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Morel schrieb 1920 in „Das Gift, das zerstört“ Folgendes: „Ich habe hervorgehoben, dass unseren Feinden die alleinige Verantwortung für den Krieg gerechterweise nicht ganz aufgebürdet werden kann.“ Für diesen Satz saß er im Gefängnis. Bertrand Russell ebenfalls. Beide wurden als Vaterlandsverräter beschimpft – ein Ehrentitel, den nur jene erhalten, die zu früh recht haben.

Morel zeigte: Die Entente finanzierte den Krieg über US‑Kredite. Damit wurde der Krieg monetarisiert. Die Rückzahlung dieser Kredite bestimmte die Härte von Versailles. Der Krieg wurde verlängert, weil Frieden teurer gewesen wäre als Fortsetzung. Die asymmetrischen Abhängigkeiten, die früher Dynastien schufen, wurden nun von Banken, Rüstungsfirmen und Finanzministerien erzeugt. Das war neu. Das war revolutionär. Und es ist bis heute kaum verstanden.

Journalist, Pazifist und Buchautor: Edmund Dene Morel

Journalist, Pazifist und Buchautor: Edmund Dene Morel

© Topfoto/Imago

III. Der Verständigungsfrieden: Das Tabu, das Dantz übersieht

Dantz kritisiert Clark für mangelnde moralische Klarheit. Doch die eigentliche moralische Klarheit findet sich bei Morel: Zum ersten Mal in der Geschichte forderten Intellektuelle mitten im Krieg einen Verständigungsfrieden – nicht aus Schwäche, sondern aus Vernunft. Morel und Russell erkannten, dass der Krieg nicht mehr geführt wurde, um Ziele zu erreichen, sondern um Schulden zu bedienen. Ein Frieden ohne Sieger hätte das System entlarvt. Deshalb war er unerwünscht.

Dantz spricht von Clarks blinden Flecken. Aber der größte blinde Fleck ist der, den Dantz selbst nicht sieht: die ökonomische Tiefenstruktur des Krieges.

IV. Die Pflicht zur Vernunft – und zur historischen Ehrlichkeit

Nach 2001 wiederholt sich das Muster von 1914 – nur globaler, technischer, entgrenzter. Zbigniew Brzeziński warnte bereits 1977, „internationaler Terrorismus“ sei ein politisch nützlicher, aber analytisch leerer Begriff. Ein Container, den man nach Belieben füllen könne. Vor und nach 9/11 wurde dieser Container zum Mandat für: Tschetschenienkriege, Afghanistan, Irak, Drogenkriege, Drohnenkriege, Geheimdienstoperationen, Überwachungsstaaten, permanente Ausnahmezustände.

Auch hier löste sich der Krieg rasch vom Anlass. Auch hier wurde er zum Selbstzweck. Auch hier floss Geld in Strukturen, die Frieden nicht vorsahen, Frieden mehr fürchteten als förderten.

Clark beschreibt die Schlafwandler von 1914. Morel beschreibt die Mechanik von 1914. Dantz kritisiert Clark – aber ohne Morel bleibt seine Kritik unvollständig.

V. Warum die Debatte Morel braucht – und nicht nur Clark oder Dantz

Die Frage ist nicht, ob Clark recht hat. Die Frage ist, ob wir bereit sind, Morel zu lesen. Denn Morel zeigt: Kriege sind monetäre Maschinen. Sie erzeugen Schulden, die politische Entscheidungen formen. Sie schaffen Abhängigkeiten, die Generationen überdauern. Sie verwandeln Staaten asymmetrisch in Gläubiger und Schuldner. Sie machen Frieden für diese Großstrukturen über Fronten gefährlicher als Krieg.

Dantz kritisiert Clark für das, was er nicht sagt. Ich kritisiere Dantz für das, was er nicht sieht.

VI. Die Pflicht zur Vernunft – und zur historischen Ehrlichkeit

Russell schrieb: „Der größte Feind des Friedens ist nicht der Hass, sondern die Gedankenlosigkeit.“ Clark ist nicht gedankenlos. Dantz ist nicht gedankenlos. Aber beide bleiben an der Oberfläche.

Wer die Ursachen moderner Kriege verstehen will – 1914 wie 2001 – muss Morel lesen. Nicht, weil er die Vergangenheit erklärt, sondern weil er die Zukunft in der Gegenwart beschreibt.

Solange Kriege monetarisiert werden, werden sie nicht enden, wenn ihre Anlässe verschwinden. Sie enden erst, wenn ihre Strukturen erschöpft verschwinden, als hätte es sie nie, wenn doch nur als Schatten eines schwarzen Schwans gegeben. Und genau das ist die Debatte, die wir führen müssen – nicht über Clarks blinde Flecken, sondern über unsere eigenen.

Joachim Petrick ist, geboren in Waren-Müritz, aufgewachsen in Hamburg, ist Diplompädagoge, war Leitender Mitarbeiter einer Rehaeinrichtung für Pflegen und Wohnen. Seit seiner Pensionierung ist er als freier Autor tätig.

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