Es geht um Flaschenwasser, aber im Kern geht es um viel mehr: Wem gehört ein strategisch wichtiges Unternehmen, wenn ein Land im Krieg ist?
Die Ukraine will nach Angaben der zuständigen Vermögensverwaltungsbehörde die Kontrolle über ihren größten Getränkeabfüller übernehmen. Das berichtet die britische Zeitung Guardian. Betroffen sind die Erbinnen eines georgischen Milliardärs und ein russischer Oligarch, der unter westlichen Sanktionen steht.
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Im Zentrum des Streits steht laut der Guardian-Recherche die Familie Patarkatsishvili. Liana Patarkatsishvili lebt demnach in London und hat sich dort als Theaterproduzentin einen Namen gemacht. Zuletzt inszenierte sie mit ihrer Firma Sage & Jester die Produktion „Storehouse“, mit Toby Jones und Meera Syal in den Hauptrollen. Ihr Vater Badri Patarkatsishvili gehörte zu den Männern, die während des Zerfalls der Sowjetunion zu Milliardenvermögen kamen. Er sei 2007 nach Großbritannien geflohen und dort 2008 gestorben, sein Vermögen habe zu diesem Zeitpunkt bei umgerechnet rund sieben Milliarden Euro gelegen.
Seither halten Liana, ihre Schwester Iya und ihre Mutter Inna den Angaben zufolge gemeinsam 34 Prozent an IDS Ukraine, dem Hersteller der bekanntesten ukrainischen Wassermarken, darunter Morshynska. Ein weiterer Anteil von 49 Prozent liege bei russischen Investoren, darunter Mikhail Fridman, Gründer des Alfa-Konzerns, der wegen seiner Unterstützung für Wladimir Putin auf westlichen Sanktionslisten steht.
Warum Kiew jetzt handelt
Die ukrainische Vermögensverwaltungsbehörde Arma habe die Unternehmensanteile bereits 2022 eingefroren, so Arma-Chefin Yaroslava Maksymenko gegenüber dem Guardian. Seitdem versuche die Behörde, eine unabhängige Geschäftsführung einzusetzen. Nach Angaben von Maksymenko sei man dabei wiederholt auf rechtliche und bürokratische Hindernisse gestoßen, die vor allem auf den Widerstand der Anteilseigner zurückzuführen seien.
Eine Familie zwischen London und Tiflis: die Theaterproduzentin und Miterbin Liana Patarkatsishvili (Mitte) bei einem Auftritt.
© Oleksii Ovcharenko/Avalon/Imago
Maksymenko wirft der Investmentgesellschaft der Familie, New World Value Fund Limited, zudem vor, unbegründete Vorwürfe rechtswidrigen Verhaltens gegen Arma-Mitarbeiter erhoben zu haben. Sie spricht dabei von Desinformation. Nach Angaben der Zeitung ermittelt das ukrainische Antikorruptionsbüro Nabu inzwischen zu diesen Vorwürfen. Parallel soll es laut Arma während eines Versuchs, eine neue Geschäftsführung einzusetzen, einen Cyberangriff auf die Behörde gegeben haben. Wer dahintersteckt, ist unklar; Beweise dafür liegen nach Angaben des Guardian nicht vor. Die Familie Patarkatsishvili steht laut Arma selbst nicht unter Verdacht.
Zusätzlich habe die Behörde Bedenken über mögliche Geldwäsche und Kapitalabfluss aus dem Unternehmen geäußert, so Maksymenko. Offizielle Feststellungen dazu gebe es bislang nicht, betont der Bericht ausdrücklich. Vor dem ukrainischen Antikorruptionsgericht läuft derzeit ein gesondertes Verfahren darüber, ob Teile des Unternehmens oder die gesamte Firma verstaatlicht werden sollen. IDS Ukraine gelte manchen in der Regierung als strategisches Gut in Kriegszeiten.
Die Familie wehrt sich
Ein Sprecher der Patarkatsishvilis weist die Vorwürfe zurück. Die Familie habe die Ukraine seit Kriegsbeginn im Februar 2022 unterstützt und werde nun zu Unrecht ins Visier genommen, heißt es in der dem Guardian vorliegenden Stellungnahme. Sollte der Weg durch die ukrainischen Gerichte scheitern und der Vermögenswert über das Arma-Verfahren entzogen werden, kündigt die Familie laut dieser Stellungnahme an, vor internationalen Gerichten Recht zu suchen.
Auch IDS Ukraine selbst weist die Vorwürfe in einer dem Guardian vorliegenden Erklärung zurück. Das Unternehmen habe stets im Einklang mit ukrainischem Steuer- und Finanzrecht gehandelt. Keine zuständige staatliche Stelle, auch nicht die Steuerbehörde, habe Geldwäsche oder unrechtmäßigen Kapitalabfluss festgestellt, so das Unternehmen. Man sei sich keiner laufenden Ermittlungen bewusst. Die Produktion sei zudem seit Kriegsbeginn an keinem einzigen Tag unterbrochen worden, auch nicht während russischer Raketen- und Drohnenangriffe, heißt es weiter.
Der Streit um IDS Ukraine zeigt exemplarisch, vor welchen Fragen die Ukraine im Umgang mit russischem Kapital steht. Wie trennt man legitime Investoren von Kriegsprofiteuren, wenn Eigentumsverhältnisse über Jahrzehnte gewachsen und international verflochten sind? Eine gerichtliche Entscheidung steht noch aus.
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