Ukraine

Selenskyjs Geheimdienste bekriegen sich – im Hintergrund tobt ein Machtkampf

Mitten im Krieg liefern sich ukrainische Geheimdienste eine Schießerei in einem Wohnviertel. Der Grund: die Rivalität zweier mächtiger Männer im Umfeld Selenskyjs.

4 Min
Selenskyjs Geheimdienste bekriegen sich – die Wurzeln reichen bis 2022 zurück

Selenskyjs Geheimdienste bekriegen sich – die Wurzeln reichen bis 2022 zurück

© Ukraine Presidency/imago

Es sollte, so die offizielle Version in Kiew, nur eine Festnahme werden. Am Mittwochmorgen gerieten Spezialkräfte des Inlandsgeheimdienstes SBU und des Militärgeheimdienstes HUR in einem Wohnviertel in der ukrainischen Hauptstadt aneinander. Und dann auch noch ausgerechnet an einem Kinderspielplatz.

Nach ersten Berichten wurden mindestens drei HUR-Mitarbeiter verletzt. Präsident Selenskyj nannte den Vorfall eine „absolut beschämende Situation“ und ordnete umgehend Ermittlungen an, wenig später entließ er per Dekret den SBU-Abteilungsleiter für Staatsgeheimnisse, Oleh Chramow. Inzwischen zeichnet sich ab, dass hinter der Eskalation mehr steckt als ein missglückter Zugriff.

Der Fall Kaplunow

Im Zentrum steht Stepan Kaplunow, stellvertretender Kommandeur des Russischen Freiwilligenkorps (RDK), einer Einheit russischer Staatsbürger, die auf ukrainischer Seite kämpft und dem Sonderverband „Timur“ des HUR untersteht. Kaplunow soll laut seinem Anwalt bereits Mitte August vor seinem Wohnhaus von Unbekannten in ein Auto gezerrt worden sein, ohne dass ein offizielles Festnahmeprotokoll existierte. Erst am Abend des 1. September tauchte er wieder auf.

Dem SBU zufolge habe man kurz vor dem ukrainischen Unabhängigkeitstag Hinweise erhalten, wonach der russische Inlandsgeheimdienst FSB ein Attentat auf einen namentlich nicht genannten russischen Oppositionellen vorbereite. Die Ermittlungen hätten dann zu Kaplunow geführt. In seinem Telefon seien Chats mit einem mutmaßlichen FSB-Kontakt gefunden worden, der ihm laut SBU bezahlte Aufträge angeboten habe, offenbar auch gegen ukrainische Soldaten. In einem veröffentlichten Video räumt Kaplunow Kontakte zum FSB ein.

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Nach seiner Freilassung zeichnete Kaplunow gegenüber Radio NV allerdings ein anderes Bild. Neun Tage sei er an zwei verschiedenen Orten festgehalten worden, die Augen mit Klebeband verklebt. Zu Gewalt sei es zwar nicht gekommen, doch man habe ihm gedroht, er könne „für immer verschwinden“. Unter diesem Druck habe er das Geständnis abgelegt – tatsächlich sei nichts dergleichen passiert.

Sein eigentliches Ziel, mutmaßt Kaplunow, sei die Diskreditierung des HUR-Verbands „Timur“ und seines Kommandeurs gewesen. Just während einer Wohnungsdurchsuchung am 2. September, unangekündigt durchgeführt, sei es dann zur bewaffneten Auseinandersetzung mit dem SBU gekommen. Die genauen Umstände untersucht inzwischen das Staatliche Ermittlungsbüro.

Eine alte persönliche Rechnung

Ukrainische Onlinemedien sehen die eigentlichen Ursachen jedoch tiefer liegen, nämlich in einer persönlichen Feindschaft, die bis ins Frühjahr 2022 zurückreicht. Damals wurde der Verhandlungsteilnehmer und HUR-Mitarbeiter Denys Kirejew erschossen aufgefunden; Kyrylo Budanow, heute Chef des Präsidialamts und damals HUR-Chef, habe die Tat öffentlich dem SBU angelastet, mutmaßlich verübt von Leuten des heutigen SBU-Interimschefs Oleksandr Poklad. Der Konflikt sei damals mit Hilfe Selenskyjs und des heutigen SBU-Chefs Wassyl Maljuk offiziell beigelegt worden, habe aber nie aufgehört zu schwelen. Zuletzt sei die Feindschaft wieder sichtbar geworden, nachdem Selenskyj begonnen habe, Poklads Ernennung zum vollwertigen SBU-Chef durch die Werchowna Rada vorzubereiten. Ein Vorhaben, das Budanow über seine guten Kontakte zu mehreren Abgeordnetenfraktionen zu blockieren versucht habe.

Die Festnahme Kaplunows, so die Lesart am Dnjepr, sei damit auch ein Signal Poklads an Budanow gewesen, sich nicht länger einzumischen. Dem widersetzten sich Budanow und die Leute von „Timur“ jedoch nun demonstrativ.

Hinzu komme eine strukturelle Rivalität innerhalb ukrainischer Sicherheitsbehörden. Unter Budanow habe sich der HUR zu einem ernsthaften Konkurrenten des SBU entwickelt, unter anderem bei der informellen „Krysha" – dem Schutz einträglicher Geschäfte, etwa betrügerischer Callcenter. Auch das Wall Street Journal hatte unter Berufung auf eine ukrainische Quelle berichtet, Auslöser sei letztlich die Festnahme des russischen Kämpfers und der Versuch einer Wohnungsdurchsuchung gewesen.

Bereits Selenskyjs Entscheidung, 2025 nicht Budanow, sondern den damaligen SBU-nahen Andrij Jermak zu entlassen und Budanow stattdessen zum Chef des Präsidialamts zu machen, sei in politischen Kreisen als Versuch gedeutet worden, ihm die Kontrolle über den HUR zu entziehen. Ein Vorhaben, das der neue HUR-Chef Oleh Iwaschtschenko bislang nur unvollständig habe umsetzen können, da die schlagkräftigsten Spezialeinheiten weiterhin auf Budanow ausgerichtet blieben.

Ob Präsident Selenskyj den SBU nun bis zum Ende unterstützt oder, wie schon im vergangenen Jahr bei der Auseinandersetzung um die Antikorruptionsbehörden, unter öffentlichem Druck einlenkt, gilt in Kiew als offen. Sicher scheint nur: Vom Ausgang des Machtkampfs dürfte auch abhängen, wie stark Budanows Ambitionen auf eine politische Zukunft nach dem Krieg beschädigt oder gestärkt werden und ob der kommissarische SBU-Chef Poklad tatsächlich, wie ihm nachgesagt wird, als nächstes gegen die Antikorruptionsbehörden Nabu und Sapo vorgeht.

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