Ukraine-Korruption

143 Immobilien, teils zum Handypreis: Acht Medien veröffentlichen Korruptionsrecherche trotz Verbots

Der Bruder des ukrainischen Ermittler-Chefs soll 143 Immobilien weit unter Marktwert gekauft haben. Acht Redaktionen veröffentlichen die Recherche trotz Verbots.

7 Min
Sicherheitskräfte vor dem Staatlichen Ermittlungsbüro DBR in Kiew im Jahr 2020. Der Bruder des heutigen Behördenchefs steht im Zentrum der Korruptionsrecherche.

Sicherheitskräfte vor dem Staatlichen Ermittlungsbüro DBR in Kiew im Jahr 2020. Der Bruder des heutigen Behördenchefs steht im Zentrum der Korruptionsrecherche.

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Acht große ukrainische Medien haben am Freitag gemeinsam eine Korruptionsrecherche veröffentlicht, deren Erscheinen ein Gericht zuvor untersagt hatte. Im Zentrum stehen 143 Immobiliengeschäfte des Geschäftsmanns Oleksandr Suchatschow. Sein Bruder Oleksij leitet das Staatliche Ermittlungsbüro der Ukraine, kurz DBR. Die beteiligten Redaktionen nennen ihre gemeinsame Aktion „Initiative 143“. Dazu gehören Ukrajinska Prawda, der öffentlich-rechtliche Sender Suspilne, Schemy von Radio Free Europe, Hromadske, Dzerkalo Tyschnja, NV, Bihus.Info und Telebatschennja Toronto.

Alle acht Medien veröffentlichten gleichzeitig die Ergebnisse, die ursprünglich von der Investigativplattform Slidstvo.Info und dem Antikorruptionszentrum AntAC zusammengetragen worden waren.

„Da dieses Verbot wie ein offener Akt der Zensur aussieht, halten wir es gemeinsam mit den anderen Teilnehmern der Initiative für notwendig, die Recherche zu veröffentlichen“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Medien.

Bruder des Ermittler-Chefs soll 143 Immobilien erworben haben

Die Recherche trägt den Titel „Wohnungen zum Preis eines Smartphones“. Sie stützt sich nach Angaben der Autoren unter anderem auf Einträge im ukrainischen Immobilienregister, Kaufverträge und Gerichtsunterlagen. Demnach wurde Oleksandr Suchatschow zwischen 2018 und 2020 Eigentümer von insgesamt 143 Wohnungen, Büros und weiteren Immobilien in zwei Wohnkomplexen in Charkiw. Beide Projekte werden in Anzeigen und Firmenunterlagen mit dem Bauträger „Stroj City“ in Verbindung gebracht.

Besonders auffällig sind die in den Verträgen angegebenen Kaufpreise. Am 9. Juli 2018 soll Suchatschow zunächst 30 Wohnungen im Charkiwer Komplex „IT-Park Manufactura“ erworben haben.

Für eine Wohnung zahlte er den Dokumenten zufolge zwischen 24.600 und 48.900 Hrywnja. Das entsprach damals umgerechnet lediglich 932 bis 1856 US-Dollar. Insgesamt kosteten ihn die 30 Wohnungen nach Berechnungen der Journalisten rund 39.300 US-Dollar. Nur zwei Tage später soll Suchatschow weitere 28 Wohnungen für weniger als 33.000 US-Dollar gekauft haben. Damit hätte er für 58 Wohnungen zusammen rund 72.000 US-Dollar bezahlt.

Der damalige Marktpreis in der Anlage lag nach Angaben der Recherche bei durchschnittlich rund 800 US-Dollar pro Quadratmeter. Die in den Verträgen genannten Preise hätten damit mehrere Dutzend Mal unter dem üblichen Marktwert gelegen. Ob neben den vertraglich ausgewiesenen Beträgen weitere Zahlungen geflossen sind, geht aus den veröffentlichten Unterlagen nicht hervor. Ein rechtswidriges Verhalten ist bislang nicht gerichtlich festgestellt worden.

Bauträger geriet später selbst ins Visier der Ermittler

Die Recherche wirft zugleich Fragen zu den Beziehungen zwischen Oleksandr Suchatschow und dem Bauträger auf. Elf Wohnungen soll der Geschäftsmann direkt von Jehor Maslennikow erworben haben, der mit „Stroj City“ verbunden wird. Auch bei diesen Geschäften sollen die angegebenen Preise weit unter dem damaligen Marktwert gelegen haben. Bei Durchsuchungen in Büros des Bauträgers fanden Ermittler im Jahr 2021 nach Angaben von Ukrajinska Prawda und Bihus.Info mehrere Firmenstempel von Unternehmen, die Oleksandr Suchatschow gehörten oder zuvor gehört hatten. Zudem seien Finanzunterlagen einer seiner Firmen entdeckt worden.

Die Funde könnten nach Einschätzung der Rechercheure darauf hindeuten, dass Suchatschow nicht nur als Käufer, sondern auch geschäftlich mit dem Bauträger verbunden war. Suchatschow beantwortete die Anfragen der Journalisten demnach nicht.

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Besonders brisant ist der weitere Verlauf der Ermittlungen gegen „Stroj City“. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten 2021 ein Verfahren wegen mutmaßlich illegal errichteter Wohnanlagen in Charkiw eingeleitet. Im Dezember 2022 wurde das Verfahren dem Staatlichen Ermittlungsbüro DBR übertragen. Zu diesem Zeitpunkt stand Oleksij Suchatschow bereits an der Spitze der Behörde. Das DBR ermittelte damit gegen einen Bauträger, der nach den Erkenntnissen der Journalisten geschäftliche Verbindungen zum Bruder seines Direktors gehabt haben könnte.

Beschuldigt wurde in dem Verfahren niemand. Später ging es an die Polizei zurück und wurde dort geschlossen. Nach Darstellung der Rechercheure wurde es wieder aufgenommen, nachdem die betroffenen Personen und Unternehmen Fragen der Journalisten erhalten hatten.

Ermittlungsbehörde bestreitet Kenntnis der Geschäfte

Das Staatliche Ermittlungsbüro erklärte auf Anfrage, weder die Behörde noch ihr Direktor hätten Kenntnis von einer geschäftlichen Tätigkeit Oleksandr Suchatschows mit dem Bauträger „Stroj City“ oder von dessen Immobilienkäufen. Zur Untersuchung gegen den Bauträger teilte das DBR mit, die eigene Behörde habe keine Entscheidung über eine Einstellung des Verfahrens getroffen. Welche Ermittlungsbehörde einen Fall bearbeite, entscheide die Staatsanwaltschaft.

Belege dafür, dass DBR-Chef Oleksij Suchatschow persönlich in die Immobiliengeschäfte seines Bruders eingebunden war oder in das Verfahren gegen den Bauträger eingegriffen hat, legten die Journalisten nicht vor.

Oleksandr Suchatschow besitzt inzwischen nach Angaben der Recherche fast keines der 143 Objekte mehr. Wann, an wen und zu welchen Preisen die Immobilien weitergegeben wurden, ist bislang nur teilweise bekannt.

Gericht verbot Veröffentlichung vor Erscheinen der Recherche

Das Veröffentlichungsverbot geht auf das Unternehmen „Parkowyj-2“ zurück, das mit dem Bauträger verbunden ist. Nachdem die Journalistin Alina Stryzhak Fragen zu den Immobiliengeschäften gestellt hatte, wandte sich das Unternehmen am Freitag, dem 3. Juli, an das Bezirksgericht Petschersk in Kiew. Bereits am folgenden Montag gab Richter Serhij Wowk dem Antrag statt. Er untersagte Stryzhak, Slidstvo.Info und AntAC, Informationen über die Immobilien, Geschäfte und Investitionen Oleksandr Suchatschows zu veröffentlichen. Die Recherche war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen.

Nach Auffassung des Richters hätte die Veröffentlichung Suchatschow einen nicht wiedergutzumachenden Schaden zufügen können. Außerdem seien Geschäftsgeheimnisse des Bauträgers betroffen. Das Unternehmen argumentiert, Informationen über die Verträge und Immobilien gehörten zum Privatleben des Geschäftsmanns. Slidstvo.Info und AntAC wollen die Entscheidung anfechten. Die Journalisten sehen darin den Versuch, eine Recherche von öffentlichem Interesse bereits vor ihrem Erscheinen zu verhindern.

Das Komitee zum Schutz von Journalisten bezeichnete die Entscheidung laut der Nachrichtenagentur AFP als „beispielloses juristisches Manöver“. Ein solches Vorgehen könne schwerwiegende Folgen für die Pressefreiheit in der Ukraine haben.

Antikorruptionszentrum spricht von Drohungen

Zusätzliche Kritik löste die Antwort des Staatlichen Ermittlungsbüros auf die Fragen von AntAC aus. Statt ausschließlich zu den Immobiliengeschäften Stellung zu nehmen, verwies das DBR auf laufende und mögliche weitere Strafverfahren gegen den Leiter der Organisation, Witalij Schabunin. AntAC wertete das Schreiben als Drohung gegen die Organisation und ihre Beschäftigten. Das DBR wiederum wirft dem Antikorruptionszentrum vor, Druck auf Ermittler auszuüben und die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Diese gegenseitigen Vorwürfe sind nicht unabhängig geklärt. Sie zeigen jedoch, wie weit der Streit inzwischen über die ursprünglichen Fragen zu den Immobiliengeschäften hinausgeht.

Anna Babinez, Gründerin von Slidstvo.Info, bezeichnete die gemeinsame Veröffentlichung der acht Medien als beispiellosen Akt der Solidarität. Die beteiligten Redaktionen gingen ein Risiko ein, sagte sie laut Suspilne. Der Schritt zeige, dass sich die Medien „um dieselben Werte versammeln: Wahrheit, Pressefreiheit und Qualitätsjournalismus“.

Korruptionsbekämpfung entscheidet über EU-Beitritt der Ukraine

Der Vorgang trifft die Ukraine an einem empfindlichen Punkt. Der Kampf gegen Korruption, die Unabhängigkeit der Justiz und der Schutz kritischer Medien gehören zu den zentralen Bedingungen für einen Beitritt zur Europäischen Union. Die EU-Kommission würdigte in ihrem Ukraine-Bericht 2025 zwar den Reformwillen des Landes. Zugleich verlangte sie weitere Fortschritte bei Rechtsstaatlichkeit, richterlicher Unabhängigkeit und der Bekämpfung hochrangiger Korruption.

Gesetzesänderungen, die unabhängige Antikorruptionsbehörden schwächen könnten, müssten vermieden werden, erklärte die Kommission. Die Unabhängigkeit solcher Institutionen ist Teil der Beitrittsverhandlungen und kann über deren Tempo entscheiden.

AntAC fordert deshalb auch eine Reform des Staatlichen Ermittlungsbüros. Der Leiter der Behörde müsse künftig in einem unabhängigen Verfahren ausgewählt werden, wie es die EU verlange, erklärte Geschäftsführerin Darja Kalenjuk.

Die gerichtliche Vorabzensur berührt ebenfalls Verpflichtungen, die Kiew im Zuge seiner Annäherung an die EU übernommen hat. Nach Angaben von Slidstvo.Info hat sich die Ukraine verpflichtet, bis 2027 Regeln gegen sogenannte SLAPP-Klagen einzuführen. Mit solchen Verfahren versuchen Unternehmen oder einflussreiche Personen, Journalisten durch hohe Kosten und rechtliche Risiken von Veröffentlichungen abzuhalten.

Ob das Gericht sein Verbot aufrechterhält und welche Konsequenzen die gemeinsame Veröffentlichung für die beteiligten Medien hat, ist noch offen.

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