Nach der ukrainischen Gegenoffensive „Operation Vivaldi“ bei Lyman droht Russland ein weiterer militärischer Rückschlag im Donbass. Russische Militärblogger berichten inzwischen von neuen ukrainischen Vorstößen östlich der strategisch wichtigen Städte Slowjansk und Kramatorsk. Nach Einschätzung amerikanischer Militärexperten könnten die Geländegewinne Moskaus Pläne zur Eroberung des verbliebenen ukrainischen Festungsgürtels erheblich erschweren.
Russland soll bereits mit der Verlegung zusätzlicher Spezialkräfte und Drohneneinheiten in den Frontabschnitt reagieren. Das berichtet das amerikanische Institute for the Study of War (ISW) in seiner Lageanalyse vom 8. Oktober unter Berufung auf einen ukrainischen Militärvertreter. Die Angaben zu den Truppenverlegungen sind nicht unabhängig bestätigt. Das ISW wertet die jüngsten Entwicklungen als Hinweise darauf, dass die ukrainischen Gegenangriffe Russlands Offensive auch außerhalb des ursprünglichen Einsatzgebiets von „Operation Vivaldi“ erschweren könnten.
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Russische Militärblogger räumen ukrainische Vorstöße bei Slowjansk ein
Dem ISW zufolge haben russische Militärblogger zuletzt ukrainische Geländegewinne an mehreren Frontabschnitten eingeräumt. So sollen ukrainische Truppen die Ortschaft Oserne zurückerobert und russische Einheiten aus Piskuniwka südöstlich von Lyman vertrieben haben. Weitere Vorstöße werden östlich von Piskuniwka in Richtung Krywa Luka gemeldet.
Auch in der Umgebung von Mykolajiwka unmittelbar östlich von Slowjansk sollen ukrainische Einheiten vorgerückt sein. Im Raum Kramatorsk berichten russische Militärblogger zudem über die Rückeroberung von Malyniwka sowie ukrainische Vorstöße zwischen Fedorivka Druha und Holubiwka.
Die Angaben lassen sich nicht vollständig unabhängig bestätigen. Das ISW verweist allerdings auf geolokalisierte Aufnahmen aus der Umgebung von Tychoniwka östlich von Kramatorsk. Sie zeigen einen ukrainischen Angriff auf eine russische Stellung. Nach Einschätzung der Militärexperten dürfte diese zuvor durch eine russische Infiltration entstanden sein. Die Stellungen beider Seiten liegen in diesem Frontabschnitt teilweise eng beieinander.
Besonders bedeutsam sind Berichte über ukrainische Vorstöße über den Fluss Siwerskyj Donez. Mehrere russische Militärblogger meldeten, ukrainische Einheiten hätten das Gewässer überquert und russische Truppen von beiden Ufern zurückgedrängt.
Der Fluss bildet ein erhebliches natürliches Hindernis. Südlich davon liegt bei Krywa Luka eine taktisch wichtige Anhöhe, die ukrainischen Truppen weitere Gegenangriffe erleichtern könnte. Auch die Höhen bei Mykolajiwka gelten als wichtig für einen russischen Vorstoß auf Slowjansk.
ISW: Russischer Angriff auf Slowjansk könnte scheitern
Die ukrainischen Vorstöße könnten weitreichende Folgen für Russlands geplante Offensive auf den sogenannten Festungsgürtel haben. Ein russischer Militärblogger räumte laut ISW ein, dass die Gegenangriffe einen größeren russischen Vormarsch auf Slowjansk in weite Ferne rückten.
Sollten die russischen Streitkräfte wichtige Waldgebiete südlich von Lyman nicht zurückerobern, könnte eine Offensive aus Richtung Siwersk auf Slowjansk entweder scheitern oder hohe Verluste verursachen, warnte der Militärblogger.
Wolodymyr Selenskyj mit ukrainischen Soldaten und Kommandeuren nahe Lyman am 30. September. Die Truppen waren an der Gegenoffensive „Operation Vivaldi“ beteiligt.
© President of Ukraine/imago
Das ISW hält es für möglich, dass die ukrainischen Gegenangriffe Russlands Offensive aus östlicher Richtung vollständig unterbrechen könnten. Voraussetzung dafür wäre, dass die ukrainischen Truppen ihre jüngsten Erfolge fortsetzen und russische Verbände weiter zurückdrängen.
Slowjansk und Kramatorsk gehören zu den wichtigsten noch von der Ukraine kontrollierten Städten in der Region Donezk. Gemeinsam mit Druschkiwka und Kostjantyniwka bilden sie einen stark befestigten Verteidigungsgürtel, den Russland für eine vollständige Eroberung der Region einnehmen müsste.
Russland verlegt offenbar Spezialkräfte und zusätzliche Regimenter
Die russische Militärführung versucht offenbar, mit zusätzlichen Truppen auf die ukrainischen Gegenangriffe zu reagieren. Nach Angaben eines ukrainischen Militärvertreters vom 7. Oktober werden Einheiten von weniger stark umkämpften Frontabschnitten in Richtung Slowjansk und Kramatorsk verlegt.
Darunter sollen sich auch russische Spezialkräfte sowie Angehörige der Streitkräfte für unbemannte Systeme befinden. Das ISW vermutet, dass Moskau damit weitere ukrainische Gegenangriffe verhindern will. Eine unabhängige Bestätigung für Umfang und Zeitpunkt der Truppenbewegungen liegt nicht vor.
Zudem berichtet die Denkfabrik unter Berufung auf eine russische Militärquelle über geplante Verstärkungen nördlich von Lyman. Demnach sollen vor dem Winter zusätzliche Regimenter in das Einsatzgebiet der 144. motorisierten Schützendivision verlegt werden, damit zwei dort eingesetzte Regimenter sich erholen können. Welche Verbände dafür vorgesehen sind, geht aus den Angaben nicht eindeutig hervor.
Das ISW hält es für wahrscheinlich, dass die geplanten Verstärkungen mit den ukrainischen Erfolgen während der „Operation Vivaldi“ zusammenhängen. Wie die Berliner Zeitung bereits am 22. September berichtete, hatten ukrainische Truppen bei Lyman größere Gebiete zurückgewonnen und damit Russlands Plan zur großräumigen Einkesselung des Festungsgürtels durchkreuzt.
Vor der damaligen Gegenoffensive hatten ukrainische Einheiten gezielt russische Drohnenoperateure und Aufklärungssysteme angegriffen. Dadurch konnten sie die russische Überwachung des Kampfgebiets erheblich beeinträchtigen.
Nach Einschätzung des ISW könnten die ukrainischen Streitkräfte nun östlich von Slowjansk und Kramatorsk eine ähnliche Strategie verfolgen. Die dortigen Gegenangriffe laufen demnach bereits seit mehreren Wochen und scheinen zunehmend größere Geländegewinne zu ermöglichen.
Trotz ukrainischer Erfolge: Russland setzt Offensive fort
Eine umfassende Niederlage der russischen Streitkräfte im Donbass lässt sich aus den jüngsten Entwicklungen allerdings nicht ableiten. Das ISW dokumentiert weiterhin russische Angriffe und örtliche Geländegewinne. So zeigen geolokalisierte Aufnahmen vom 4. Oktober, dass russische Einheiten im Nordwesten von Kostjantyniwka vorgerückt sind. Auch bei Dobropillja versuchen russische Soldaten weiterhin, in ukrainische Stellungen einzudringen.
Zugleich setzt Moskau seine schweren Luftangriffe auf die Städte des ukrainischen Festungsgürtels fort. Am Donnerstag kamen bei einem russischen Gleitbombenangriff auf zwei Busse in Kramatorsk nach ukrainischen Angaben mindestens 30 Menschen ums Leben. Wie Reuters berichtete, stieg die Zahl der an diesem Tag in der Stadt gemeldeten Todesopfer später auf 35. Darunter waren zwei Menschen, die bei einem weiteren Drohnenangriff am Abend getötet wurden.
Das ISW sieht in den wiederholten Angriffen mit Gleitbomben auch den Versuch, die ukrainische Verteidigung in den Städten für spätere Bodenoperationen zu schwächen. Die Bombardierungen könnten zudem dazu beitragen, die verbliebene Zivilbevölkerung zur Flucht zu bewegen.
Für die russische Militärführung bleibt die Eroberung von Slowjansk und Kramatorsk ein zentrales Ziel. Doch während Moskau seine Angriffe fortsetzt, greifen ukrainische Truppen nun auch Stellungen östlich der beiden Städte an.
Nach Einschätzung des ISW könnten diese Gegenangriffe einen weiteren erheblichen Rückschlag für Russlands Offensive bedeuten. Ob die ukrainischen Streitkräfte ihre jüngsten Geländegewinne behaupten und ausweiten können, wird maßgeblich darüber entscheiden, wie sich der Kampf um den verbliebenen Festungsgürtel entwickelt.
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