Ukraine

Kehrtwende im Donbass? Ukraine schlägt zurück, wo Russland schon Siegesmeldungen verbreitete

Die Ukraine gewinnt nördlich von Lyman strategisch wichtige Gebiete zurück. Russlands Einkreisungsplan gerät ins Wanken. Das Ausmaß der Geländegewinne ist jedoch umstritten.

Ben Aris
Ben Aris
9 Min
Kiews stille Offensive stoppt Moskaus Marsch auf den Festungsgürtel im Donbass.

Kiews stille Offensive stoppt Moskaus Marsch auf den Festungsgürtel im Donbass.

© Tomáš Davidov/imago

Die ukrainischen Streitkräfte haben mit der Operation Vivaldi einen bedeutenden strategischen Sieg erzielt und Hunderte Quadratkilometer im Donbass befreit – zu einem Zeitpunkt, als die russischen Streitkräfte kurz davor zu stehen schienen, die beiden verbliebenen Städte des sogenannten Festungsgürtels einzunehmen. Die Kontrolle über diese Städte hatte der russische Präsident Wladimir Putin als Bedingung für ein Ende des Krieges in der Ukraine gefordert.

Dieses Ziel scheint für Russland plötzlich außer Reichweite zu sein – eine bemerkenswerte Kehrtwende gegenüber der Lage noch vor wenigen Wochen. Die ukrainischen Geländegewinne nördlich der strategisch wichtigen Stadt Lyman haben Russlands Plan, den Festungsgürtel im Donbass einzukreisen, undurchführbar gemacht, urteilte das Institut für Kriegsstudien (ISW) am 15. September.

Der Kommandeur des dritten ukrainischen Armeekorps, Brigadegeneral Andrij Bilezkyj, machte die Operation mit dem Codenamen Vivaldi noch am selben Tag öffentlich – nach mehreren Wochen, in denen seinen Worten zufolge größtmögliche Informationsstille gewahrt worden war. Das Korps erklärte, es habe auf einer Fläche von 75 Quadratkilometern russische Infiltrationseinheiten beseitigt und weitere zehn Quadratkilometer sowie das Dorf Serednie zurückerobert. In derselben Phase seien auch Nowoseliwka, Oleksandriwka, Jarowa und die Außenbezirke von Korowij Jar gesäubert worden.

Am 20. September folgte eine zweite „Jahreszeit“. Bilezkyj erklärte, das Korps habe weitere 40 Quadratkilometer eingenommen, Schandryholowe und Derylowe befreit und Drobyschewe vollständig unter seine Kontrolle gebracht. Damit seien in beiden Phasen insgesamt 125 Quadratkilometer zurückgewonnen worden. Davon gelten 50 Quadratkilometer als tatsächlich zurückerobertes Gebiet und nicht lediglich als Fläche, die von russischen Infiltrationseinheiten gesäubert wurde, berichtete Ukrinform.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Bilezkyj bezifferte die russischen Verluste während der zweiten „Jahreszeit“ auf etwa 800 Mann und während beider Phasen auf insgesamt mehr als 3000. Diese Angaben wurden nicht unabhängig bestätigt. Der stellvertretende Kommandeur des Korps, Petro Horbatenko, hatte einen Tag zuvor erklärt, dass weitere Ortschaften gesäubert und befreit worden seien. Ihre Namen könnten aus taktischen Gründen jedoch noch nicht genannt werden, berichtete nv.ua.

Der Frontvorsprung bildete den nördlichen Teil einer geplanten Zangenbewegung: Ein Arm sollte von Süden über Dobropillia, ein weiterer von Norden über Lyman und Swjatohirsk vorstoßen. Beide sollten bei Barwinkowe in der Oblast Charkiw zusammentreffen – weit hinter den vier Städten des sogenannten Festungsgürtels: Slowjansk, Kramatorsk, Druschkiwka und Kostjantyniwka.

Bilezkyj argumentierte, dass eine Einkreisung für Russland weniger kostspielig wäre als ein Frontalangriff. Berichten zufolge hat Putin seiner Armee befohlen, bis Ende 2026 die gesamte Oblast Donezk einzunehmen.

Wie viel Gebiet tatsächlich die Kontrolle gewechselt hat, ist umstritten. Der Open-Source-Analyst Clément Molin bezifferte die Fläche auf mehr als 200 Quadratkilometer. Konrad Muzyka von Rochan Consulting schätzte, dass die russischen Streitkräfte die Kontrolle über etwa 240 Quadratkilometer verloren hätten. Der Militärblogger AMK Mapping kam dagegen auf 151 Quadratkilometer.

Bei einem Großteil der von Kiew gemeldeten Fläche handelte es sich um Gebiete, die von russischen Infiltrationseinheiten gesäubert wurden – und nicht um Territorium, das zuvor vollständig aus ukrainischer Hand geraten war, berichtete der Kyiv Independent. In seinem Bericht vom 15. September hieß es, der Militärblog DeepState habe in diesem Gebiet keine Veränderungen verzeichnet. Die widersprüchlichen Angaben lassen sich bislang nicht miteinander in Einklang bringen. Inzwischen hat sich DeepState jedoch der ukrainischen Darstellung angenähert und Schandryholowe sowie Derylowe am 20. September als zurückerobert eingezeichnet.

Schäden in Swjatohirsk nach einem russischen Raketenangriff im Juni 2025.

Schäden in Swjatohirsk nach einem russischen Raketenangriff im Juni 2025.

© Jose Colon/imago

In seiner Einschätzung vom 16. September erklärte das ISW, das gesamte Ausmaß des ukrainischen Vormarschs und der genaue Verlauf der Frontlinie in diesem Gebiet blieben aufgrund begrenzter öffentlich zugänglicher Belege unklar.

In seiner Analyse vom 19. September ging das ISW noch weiter. Das russische Verteidigungsministerium habe versucht, ukrainische Erfolge in Richtung Lyman zu leugnen, indem es ein unzutreffendes Bild der Lage auf dem Schlachtfeld zeichne. Dieses ignoriere die zahlreichen Belege russischer Militärblogger, ukrainischer Quellen und geolokalisierter Aufnahmen.

Nach Einschätzung des ISW widerspricht die Darstellung Moskaus auch den Berichten russischer Militärblogger. Bereits zuvor hatten Open-Source-Beobachter russischen Behauptungen über die Einnahme von Gebieten im Donbass widersprochen.

Das russische Verteidigungsministerium erklärte am 18. September, der südliche Truppenverband habe Wiroljubywka und der zentrale Truppenverband Solotyj Kolodjas eingenommen. Beide Orte liegen in der Oblast Donezk. Für keine der beiden Behauptungen gibt es eine ukrainische oder unabhängige Bestätigung, berichtete Interfax. Die einen Tag zuvor erstellte ISW-Karte zur Kontrolle der strategisch wichtigen Stadt Pokrowsk, die Russland im Dezember eingenommen hatte, zeigt Solotyj Kolodjas innerhalb des ukrainischen Gegenangriffsgebiets und nicht unter russischer Kontrolle.

Swjatohirsk als Logistikzentrum

Die russischen Streitkräfte scheinen der tatsächlichen Entwicklung vorauszugreifen, während ihnen die Kontrolle über die umkämpften Städte entgleitet. Putin erklärte am ersten September im russischen Fernsehen, Swjatohirsk sei eingenommen worden. Sechs Tage später filmte sich der ukrainische Kommandeur Bilezkyj jedoch mit seinem Mobiltelefon im Stadtzentrum und forderte die Russen auf, „ihre Clownsnasen abzunehmen“. Er erklärte, die 60. mechanisierte Brigade seines Korps halte die Stadt.

Auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat eine solche Geste bereits mehrfach genutzt: Er reiste in umkämpfte Städte und ließ sich dort im Stadtzentrum fotografieren.

Die Gegenoffensive hat die nächstgelegenen russisch kontrollierten Gebiete inzwischen auf mehr als 20 Kilometer Entfernung von Swjatohirsk zurückgedrängt, wie AMK Mapping berichtet. Dem Militärblogger zufolge verringert dies die Gefährdung der Stadt durch Rohrartillerie. Swjatohirsk liegt damit mehr als doppelt so weit von den russischen Stellungen entfernt wie Slowjansk und Kramatorsk.

Nach Angaben von AMK Mapping wurden sämtliche konventionellen Brücken über den Siwerskyj Donez bei Lyman zerstört. Die Stadt sei zuletzt nur noch über Pontonbrücken oder mithilfe von Drohnen versorgt worden. Swjatohirsk kann nun als rückwärtiges Logistikzentrum dienen. Straßen aus der Oblast Charkiw führen in die Stadt und sorgen für eine erhebliche Entlastung der ukrainischen Streitkräfte. Dadurch nimmt auch der Druck auf Slowjansk im Süden und Borowa im Norden ab, während Lyman selbst deutlich leichter zu halten ist.

Drohnen vor der Infanterie

In der Vorbereitung auf die Operation Vivaldi konzentrierten sich die ukrainischen Streitkräfte darauf, russische Drohnenoperateure aufzuspüren und auszuschalten. Damit schufen sie die für den anschließenden Vormarsch benötigte Überlegenheit im Drohnenbereich, berichtete das ISW am 19. September.

Der ukrainische Bodenroboter Protector UGV bei einer Militärübung in Polen.

Der ukrainische Bodenroboter Protector UGV bei einer Militärübung in Polen.

© Artur Widak/imago

Nach Darstellung des Korps wurden Kampfdrohnen, Artillerie und Luftstreitkräfte koordiniert gegen die Einheiten eingesetzt, die für die russische Überwachung und Aufklärung verantwortlich waren, sowie gegen deren Startplätze. Die Angriffe wurden so lange fortgesetzt, bis die russischen Kräfte das vor ihnen liegende Gelände nicht mehr beobachten konnten. Gleichzeitig schützten elektronische Kampfführung und Luftverteidigung die vorrückende Infanterie.

„Bei Angriffsoperationen bewegen sich unbemannte Luftfahrzeuge und robotische Bodensysteme immer vor der Infanterie“, sagte Bilezkyj. Seinen Angaben zufolge war das dritte Armeekorps das erste weltweit, das Bodenroboter aus der Luft an die Front brachte.

An der Operation waren die Brigaden des Korps, die ukrainischen Spezialkräfte, der Grenzschutz und die militärische Nachrichtendiensteinheit Artan beteiligt. Sie standen unter einem gemeinsamen taktischen Kommando. Die Operation lief über Monate unter vollständiger Informationssperre, bevor sie öffentlich gemacht wurde.

Ein Soldat der Einheit Artan, der unter dem Rufnamen Derun bei Lyman kämpfte, erklärte, die größte Schwierigkeit habe darin bestanden, russische Soldaten aus so gut ausgebauten Stellungen zu vertreiben, dass die Verteidiger jeden Annäherungsweg einsehen konnten.

„Am schwierigsten ist es, ihn von dort zu vertreiben. Denn wenn eine Stellung fachgerecht vorbereitet ist, können sie alles sehen“, sagte er.

Ein Angriffstrupp müsse unter Beobachtung offenes Gelände überqueren und werde bereits aus der Entfernung bekämpft. Eine Möglichkeit zum Angriff entstehe erst, wenn die Verteidiger die Umgebung nicht mehr beobachteten.

Ein russischer Soldat steuert im April 2026 eine Drohne im Frontabschnitt Lyman.

Ein russischer Soldat steuert im April 2026 eine Drohne im Frontabschnitt Lyman.

© Sergey Bobylev/imago

„Wenn die russischen Truppen abgelenkt sind, kann uns das in die Hände spielen: Wir können uns gedeckt annähern, wenn er uns nicht sieht, und ihn aus kurzer Entfernung bekämpfen“, sagte Derun in einem Bericht, den Euromaidan Press am 19. September veröffentlichte.

Russische Panzerverbände und Drohneneinheiten werden für mechanisierte Angriffe im Herbst in Richtung Dobropillia verlegt, berichtete das ISW am 17. September. In diesem Frontabschnitt sollen etwa 1200 Drohnenteams des russischen Rubikon-Zentrums eingesetzt sein. Moskau kämpft seit Oktober 2025 um Kostjantyniwka, hat aber bislang keine der vier Städte des Festungsgürtels eingenommen.

Nach Angaben des dritten ukrainischen Armeekorps zerstörte die Operation Vivaldi die Logistik, Lager und Drohnenstartplätze der Rubikon-Einheit und zwang sie zum Rückzug aus dem Frontabschnitt Lyman–Borowa. Diese Darstellung wurde am 18. September von der Ukrainska Pravda veröffentlicht, konnte jedoch nicht unabhängig bestätigt werden.

Zwei „Jahreszeiten“ stehen noch aus

Die Operation Vivaldi hat eine russische Eroberung des restlichen Donbass schlagartig erheblich erschwert. Für Bilezkyj besteht das entscheidende Ergebnis darin, dass Moskau nun keine kostengünstige Möglichkeit mehr hat, in das Gebiet vorzudringen.

„Dann müssen sie die Ballungsräume Slowjansk–Kramatorsk und Druschkiwka–Kostjantyniwka frontal angreifen“, sagte er in einem Fernsehinterview, über das Euromaidan Press am 17. September berichtete. „Diese Städte frontal anzugreifen ist für sie ein sehr viel schmerzhafteres und kostspieligeres Unterfangen, als sie zu umfassen und faktisch kampflos einzunehmen.“

Seine Truppen kämpften nicht in erster Linie um Territorium als solches, sondern um bessere Verteidigungslinien, erklärte Bilezkyj. Die Operation Vivaldi bestehe aus vier „Jahreszeiten“, von denen bislang zwei öffentlich gemacht worden seien.

Der Militärblog Russia Matters beziffert die durchschnittlichen monatlichen Geländegewinne Russlands im vergangenen Jahr auf etwa 170 bis 190 Quadratkilometer. Die Berechnung beruht auf Daten des ISW und von DeepState. Der dort angegebene monatliche ISW-Durchschnitt lässt sich jedoch nicht mit der in derselben Tabelle genannten Jahressumme in Einklang bringen. Auch aus den umstrittenen Schätzungen zu Lyman lässt sich keine eindeutige Zahl ableiten, wie vielen Wochen durchschnittlicher russischer Geländegewinne die ukrainische Rückeroberung entspricht.

Zugleich leidet die Ukraine unter Personalmangel. Sie muss jeden Monat mindestens 30.000 Männer einziehen, nur um die derzeitige Stärke ihrer Armee aufrechtzuerhalten. Der ukrainische Haushaltsentwurf für 2027 sieht Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit in Höhe von 43,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vor. Gleichzeitig besteht eine geschätzte Finanzierungslücke aus dem Ausland von 32,6 Milliarden US-Dollar.

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen einer Kooperation zwischen der Ostdeutschen Medienholding und bne IntelliNews. Der Beitrag erschien zuerst hier auf Englisch.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner