Ukraine-Krieg

„Russlands Amazon“ in Flammen: Ukrainische Drohnen treiben Händler in Existenznot

Mehr als zehn Prozent der Lagerkapazität von Wildberries sind betroffen. Eine Modedesignerin verlor 16.000 Kinderkleider, andere Unternehmer fürchten um ihre Zahlungsfähigkeit.

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Rauch über St. Petersburg nach einem ukrainischen Drohnenangriff auf Logistikzentren von Wildberries. Drei Menschen wurden nach Behördenangaben verletzt.

Rauch über St. Petersburg nach einem ukrainischen Drohnenangriff auf Logistikzentren von Wildberries. Drei Menschen wurden nach Behördenangaben verletzt.

© Stringer/imago

Wildberries ist Russlands größter Onlinehändler. Für Zehntausende kleine Unternehmen ist die Plattform weit mehr als ein digitaler Marktplatz: Sie lagert ihre Waren, organisiert den Versand und bringt die Produkte zu Millionen Kunden. Das häufig als „Russlands Amazon“ bezeichnete Unternehmen ist damit ein zentraler Teil der russischen Konsumwirtschaft. Nun gehen seine Lager in Flammen auf.

Seit dem 18. Juli wurden acht Logistikzentren von Wildberries bei ukrainischen Drohnenangriffen getroffen. Zusammen stehen die Standorte für mehr als zehn Prozent der Logistikkapazität des Konzerns. Betroffene Händler berichten von existenzbedrohenden Verlusten. Einige können nach eigenen Angaben Kredite, Steuern und offene Rechnungen nicht mehr bezahlen.

Drohnenangriff auf Wildberries: 16.000 Kinderkleider zerstört

Besonders hart traf es die russische Modedesignerin Viktoria Terechowa. Wie sie der Nachrichtenagentur Reuters berichtete, hatte sie nahezu ihre gesamte Sommerkollektion für Kinder in ein großes Wildberries-Lager in Elektrostal östlich von Moskau liefern lassen. Nur wenige Tage später wurde die Halle bei einem ukrainischen Drohnenangriff zerstört.

Nach Terechowas Angaben verbrannten dort 12.000 Kleidungsstücke. Weitere 4000 Teile verlor sie bei Angriffen auf Wildberries-Standorte im Süden Russlands. Insgesamt seien damit rund 45 Prozent des Warenbestands ihrer Marke Fareal Kids vernichtet worden.

Den unmittelbaren Schaden bezifferte die Unternehmerin gegenüber Reuters auf zehn Millionen Rubel, umgerechnet rund 112.000 Euro. Die wirtschaftlichen Folgen gingen jedoch weit über den Wert der zerstörten Kleidung hinaus. Bis zu 70 Prozent ihrer Verkäufe wickelt Fareal Kids nach ihren Angaben über Wildberries ab.

Die Sommerkollektion war zudem mit geliehenem Geld produziert worden. Mit den Einnahmen wollte Terechowa noch offene Zahlungen begleichen und die nächste Kollektion finanzieren. Nun fehlen ihr sowohl die Waren als auch die bereits eingeplanten Erlöse.

„Wir können unsere bestehenden Verpflichtungen und Pläne nicht erfüllen“, sagte Terechowa Reuters. Der Angriff habe ihr Unternehmen damit weit stärker getroffen, als es der reine Warenwert erkennen lasse.

Unternehmer kann Kredite nicht mehr bedienen

Auch Oleg Kondratjew schilderte Reuters existenzbedrohende Folgen. Der Mitgründer der Bekleidungsmarke Airbase, die vor allem Trainingsanzüge für Frauen produziert, verlor nach eigenen Angaben Waren im Wert von rund fünf Millionen Rubel, umgerechnet etwa 56.000 Euro. Weil die Verkäufe über Wildberries zum Erliegen gekommen seien, könne sein Unternehmen derzeit keine Kredite zurückzahlen, sagte Kondratjew. Auch die nächsten Steuerzahlungen werde er voraussichtlich nicht leisten können.

Ohne Stundungen durch Banken oder Unterstützung des Staates könne er zum „nächsten insolventen Unternehmer“ werden, sagte Kondratjew Reuters. Zugleich kündigte er an, notfalls bis vor das höchste Gericht zu ziehen, um von Wildberries Ersatz für seine Verluste zu verlangen.

Wildberries zahlt an mehr als 88.000 Verkäufer

Der Onlinehändler hat nach eigenen Angaben damit begonnen, erste Entschädigungen an mehr als 88.000 betroffene Verkäufer auszuzahlen. Zunächst seien auch Händler mit kleinen Warenbeständen berücksichtigt worden, damit möglichst viele Unternehmen schnell Hilfe erhielten.

Die Finanz- und Banksparte des Konzerns setzte zudem die Rückzahlung aller Kredite betroffener Händler automatisch für drei Monate aus. Wie hoch die gesamten Entschädigungen ausfallen und welchen Anteil der tatsächlichen Verluste sie abdecken, teilte Wildberries nicht mit. Einige Händler beklagten nach Auswertungen russischer Verkäufergruppen bereits, dass die ersten Zahlungen deutlich unter dem Wert ihrer vernichteten Waren lägen.

Eine juristische Auseinandersetzung könnte für die Verkäufer schwierig werden. In seinen Geschäftsbedingungen schließt Wildberries eine Haftung bei höherer Gewalt aus. Drohnenangriffe werden darin ausdrücklich als ein solches Ereignis genannt.

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Selenskyj will den Krieg nach Russland zurückbringen

Die Angriffe auf Wildberries fügen sich in eine breitere ukrainische Kampagne gegen russische Infrastruktur, Logistik und Wirtschaftszentren ein. Wolodymyr Selenskyj erklärte in dieser Woche erneut, die Ukraine bringe den Krieg „zurück nach Russland“. Moskau wirft Kiew Terrorismus und den Versuch vor, das Land zu destabilisieren. Russland greift seinerseits weiterhin ukrainische Städte, Energieanlagen und Logistikzentren an.

Für die betroffenen Wildberries-Händler ist der Ukraine-Krieg damit unmittelbar in ihren Geschäftsalltag vorgedrungen. Ihr Risiko bestand bisher vor allem aus schwankender Nachfrage, steigenden Steuern und höheren Gebühren der Plattform. Nun können innerhalb weniger Minuten komplette Warenbestände verbrennen.

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