Umfrage: Kanzler-Partei liegt hinter CDU / Naturschutz für Bürger immer wichtiger

SPD büßt Umweltkompetenz ein

Jörg Michel
3 Min

BERLIN, 29. September. Es gab einmal Zeiten, da hatte die SPD noch etwas zu sagen beim Thema Umweltschutz. Mitte der Siebziger- jahre etwa, als Willy Brandt und Erhard Eppler die Ökologie als Thema entdeckten und als erste prominente Politiker in Deutschland vor den Folgen des ungehemmten Wachstums warnten. Oder gut zwanzig Jahre später, als der Solarpionier und heutige SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer für sein langes Engagement für erneuerbare Energien mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Grüne liegen vornZwar sind die glorreichen Zeiten der SPD-Umweltpolitik spätestens seit dem Aufkommen der Grünen vorbei. Dass die Sozialdemokraten aber in punkto Umweltkompetenz nach Meinung der Bürger einmal hinter die Union zurückfallen würden, hätte sich der SPD-Umweltveteran Erhard Eppler wohl nicht vorstellen können: Nach einer am Mittwoch vom Umweltbundesamt veröffentlichten Studie der Uni Marburg und des Meinungsforschungsinstituts Emnid haben nur noch 14 Prozent der Deutschen Vertrauen in die Umweltpolitik der SPD. Vor zwei Jahren waren es bei der selben Umfrage immerhin noch 25 Prozent. Zwar hat auch die Union seit 2002 an Kompetenz eingebüßt. Doch der Union trauen wenigstens 17 Prozent der Bürger die Lösung der drängensten Probleme beim Schutz vom Umwelt und Natur zu. Jürgen Trittin erklärt sich das Phänomen so: Beim Koalitionspartner gebe es eben Positionen, die mit dem Umweltschutz nur schwer in Einklang zu bringen seien, sagte der grüne Umweltminister bei der Vorstellung der Studie am Mittwoch in Berlin. Welche, sagte er zwar nicht. Doch die Versäumnisse der SPD liegen auf der Hand. Ob Emissionshandel, Windkraft oder Dieselrußfilter: Seit der Neuauflage von Rot-Grün haben sich die Sozialdemokraten und dabei vor allem Wirtschaftsminister Clement eher als Bremser denn als Motor in Sachen Umweltschutz hervorgetan. Und diese Botschaft scheint beim Volk angekommen zu sein. Wenig überraschend sind die Zahlen für die Grünen. Ihnen wird mit 43 Prozent Zustimmung die meiste Kompetenz beim Umweltschutz zugebilligt.Frappierend ist dagegen ein weiterer Befund: Trotz der politisch dominanten Debatten um Sozialreformen, Wirtschaftsprobleme und Terrorgefahren spielt der Umweltschutz im Bewusstsein der Bürger eine immer größere Rolle. Auf der Liste der wichtigsten Zukunftsprobleme landet die Ökologie nach der Arbeitslosigkeit und der wirtschaftlichen Lage auf Platz drei. Vor zwei Jahren war es Platz vier. Die Probleme bei Rente, Gesundheit und Kriminalität liegen klar dahinter. Gar nicht mehr auf der Liste ist - anders als 2002 - der Terrorismus."Die Umweltpolitik ist in den Augen der Bürger keineswegs unwichtig geworden", sagte der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, in Berlin. 92 Prozent der Bevölkerung halten den Umweltschutz für zentral, 70 Prozent befürworten Windräder, 59 Prozent wollen den Atomausstieg, 53 Prozent fürchten den Klimawandel. Doch Troge hat auch Grund zu Sorge. Denn sobald der Umweltschutz im Alltag der Bürger konkret wird, lässt das Bewusstsein nach. Nur 26 Prozent der Deutschen unterstützen die Ökosteuer auf Benzin, nur 33 Prozent kaufen gelegentlich Bioprodukte, 45 Prozent nennen ihr Auto das wichtigste Verkehrsmittel."Ein von konkreten Umweltproblemen in der eigenen Umgebung ausgelöstes Bewusstsein gibt es in Deutschland offenbar kaum mehr", so Troge. Verantwortlich dafür sind die Erfolge beim Umweltschutz seit den Tagen Epplers, meint der Umweltamt-Chef - so paradox es auch klingt. Die Flüsse in Deutschland sind sauber, Industrie-Abgase werden gefiltert, Müll wird verbrannt, Umweltprobleme bleiben unsichtbar. Das Ergebnis: 82 Prozent der Bürger beurteilen die Umweltqualität in Deutschland positiv. ------------------------------Grafik (2): Die wichtigsten Probleme in Deutschland. Die Terrorgefahr ist für die Bürger zurzeit kein wichtiges Thema.Vertrauen in Parteien (2002; 2004)

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