Weltfrieden

UN-Weltfriedenstag und die Realität: Mehr Kriege, mehr Rüstung, mehr Kriegsgeschrei

Die Zahl der Kriege und Kriegstoten wächst. SPD-Friedenspolitiker fordern die Rückkehr zu „gemeinsamer Sicherheit“. Und die „Falken“ verweigern die Debatte.

8 Min
Kriegsschauplatz Klessin im Oderbruch: Eine Skulptur aus rostigem Eisen erinnert an das Portal des Gutshauses.

Kriegsschauplatz Klessin im Oderbruch: Eine Skulptur aus rostigem Eisen erinnert an das Portal des Gutshauses.

© Patrick Pleul

Der Weltfriedenstag der Vereinten Nationen, offiziell Tag der Gewaltlosigkeit und des Waffenstillstands, wird alljährlich am 21. September gefeiert. An diesem Tag sollen alle feindseligen Handlungen ruhen; symbolisch wird im New Yorker UN-Hauptquartier die Friedensglocke geläutet.

So will es die Resolution 36/67 der Generalversammlung aus dem Jahr 2002. Russland und die Ukraine, die USA, Israel, der Iran und die anderen derzeit Krieg führenden Staaten sind dort Mitglieder. Mutmaßlich haben sie alle mit Ja gestimmt.

Wir dürfen annehmen, dass am Montag die Friedensglocke läutet. Der Rest der guten Absicht klingt wie Hohn. Friedensforscher zählen derzeit 65 aktive Konflikte, an denen mindestens ein Staat beteiligt ist. Das ist der höchste Wert seit 1945.

13 dieser Konflikte gelten formal als Krieg, so viele waren es seit 1990 nicht. Das Etikett wird verliehen, wenn eine militärische Auseinandersetzung in einem Jahr mehr als 1000 gefechtsbezogene Tote verzeichnet.

Zivilisten zählen extra

Sterben werden heuer in diesen Auseinandersetzungen – das Jahr ist noch lange nicht zu Ende – zwischen 150.000 und 230.000 Menschen. 2025 waren es rund 250.000; es war das zweitblutigste Jahr seit dem Völkermord in Ruanda 1994. Kriterium der Zahlen ist der direkte Tod durch organisierte, militärische Gewalt. Zivilisten, die verhungern oder auf der Flucht ums Leben kommen, zählen extra.

Noch ein zweiter Gedenktag in der kommenden Woche verdeutlicht, wie krass die Realität und die Sonntagsreden inzwischen auseinanderklaffen. Am 26. September wird der ebenfalls von den Vereinten Nationen ausgerufene Tag zur Abschaffung von Atomwaffen begangen. Offiziell besitzt die vollständige nukleare Abrüstung allerhöchste Priorität. Schon in der ersten UN-Resolution 1946 wurde eine Kommission zur Beseitigung von Atomwaffen gegründet.

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Die Realität: Die Gesamtzahl der weltweit existierenden Atomsprengköpfe sank zwar im vergangenen Jahr um 54 auf 12.187 – aber nur, weil die USA und Russland alte Bestände verschrotten. Der militärisch aktive Kernwaffenbestand wuchs um 131 auf 9745 Sprengköpfe. An die 2200 davon stehen rund um die Uhr alarmbereit, hauptsächlich in den USA und Russland, zunehmend auch in China.

Die Waffen, die rapide wachsenden Rüstungsausgaben, die Appelle an Wehr- und Kriegstüchtigkeit, die Forderungen nach der Fähigkeit zum „Fight Tonight“, die immensen Investitionen in kriegsverwendungsfähige Infrastruktur – das alles steht in einem Zusammenhang. Es ist wie im Theater. Wenn ein Gewehr an der Bühnenwand hängt, wird es in irgendeinem der Akte auch benutzt.

Wann kommt der Russe?

Wann kommt der Russe? 2028? 2029? Oder doch erst im nächsten Jahrzehnt? Wer das verlorene Gedächtnis auffrischen und sich ein Bild machen will, wie es beim letzten Mal war, dem sei die Fahrt nach Klessin empfohlen. Vom Reichstag in Berlin mit dem Auto sind es 119 Kilometer.

Klessin im Oderbruch, heute ein Ortsteil von Podelzig, war bis 1945 ein Rittergut mit Schweinezucht und Schafsviehwirtschaft. Im Osten des Reitweiner Sporns über dem Fluss gelegen, geht der Blick weit nach Polen hinein. So weit, dass Klessin zu Jahresbeginn 1945 der wichtigste Beobachtungsstützpunkt der deutschen Artillerie an der gesamten Oderfront war.

„Fällt Klessin, fällt auch Berlin“, lautete Heinrich Himmlers Parole. Der winzige, zuletzt von sowjetischen Truppen umzingelte Weiler wurde zur „Festung“ erklärt und den paar hundert Verteidigern jeder Ausbruch verboten. Bis zum 24. März wurde gekämpft; im Zweiten Weltkrieg war Klessin eines der intensivsten und verlustreichsten Gefechte auf deutschem Boden. Die Panzergrenadiere und Volkssturm-Männer durften ihre Kriegstüchtigkeit beweisen. Vielleicht hat eine Handvoll in Gefangenschaft überlebt.

Noch heute werden Knochen und Stahlhelme aus dem Boden geholt. Der lokale Heimatverein hat anschaulich rekonstruiert, wie ein winziges Dorf nach dem Beschuss mit 62.000 Granaten aussieht. Informationstafeln illustrieren den Rundgang durch eine Stätte des Grauens. Klessin sollte ein Pflichttermin für alle „Sicherheitsexperten“ sein, die glauben, die Logik des Friedens liege in Rüstung und Wehrbereitschaft.

In welchem Ausmaß die Diskussion um Frieden in Europa in puren Bellizismus kippt, dokumentiert das kürzlich im Westend Verlag erschienene Buch „Gemeinsame Sicherheit heute! Manifest für den Frieden“ der Herausgeber Gernot Erler und Ralf Stegner. Die beiden Sozialdemokraten und ihre elf Mitautoren gehören zum Erhard-Eppler-Kreis im Umfeld der SPD. Er wurde 2019 von dem inzwischen verstorbenen Vordenker der Friedensbewegung Erhard Eppler gegründet.

Dessen Erbe ist heute auch in der SPD hoch umstritten. Die Entspannungs- und Ostpolitik der alten Bundesrepublik gerät in Verruf, quer durch die Parteien der demokratischen Mitte. Die Rückkehr der Konfrontation, jetzt nicht mehr mit dem sozialistischen Lager, sondern mit den autoritär regierten Staaten, geht so weit, dass den Protagonisten der damaligen Entspannung sicherheitspolitischer Dilettantismus vorgeworfen wird. Ihr Glaube an „Wandel durch Annäherung“ wird höhnisch abgetan.

Mit entsprechenden Diffamierungen haben auch die Autoren des genannten Buchs zu kämpfen, darunter der ehemalige SPD-Fraktionsvorsitzende Rolf Mützenich. Der Eppler-Kreis vereint die letzten verbliebenen Entspannungsfreunde in der SPD. Wie das Fähnlein der Aufrechten widersetzen sie sich der bellizistischen Grundstimmung in der politisch-medialen Klasse. Und sie sind tapfer, ertragen verbale Prügel ebenso wie Shitstürme in den sozialen Medien.

Schon im Juni vergangenen Jahres hat der Eppler-Kreis mit dem Manifest „Friedenssicherung in Europa durch Verteidigungsfähigkeit, Rüstungskontrolle und Verständigung“ für Gegenwind gesorgt. Auf diesem Manifest fußt der jetzt vorgelegte Sammelband. Was ihn positiv auszeichnet, ist nicht nur die Abwesenheit pazifistischer Rhetorik, sondern der durchgehende Versuch einer historischen Perspektive. Auch der Ukraine-Krieg wird nicht primär als russischer Eroberungsfeldzug dargestellt, sondern im Kontext und als vorläufiger Höhepunkt von Fehlentwicklungen seit 1990.

Missachtung historischer Erfahrungen

Allein schon das Abstrahieren von der unmittelbaren Parteinahme und Empörung angesichts der russischen Aggression hilft dem Verständnis. Und daran, das unterstreichen die Autoren wiederholt, fehlt es insbesondere: am Verständnis für historische Zusammenhänge, am Verständnis für divergierende Interessenlagen, am Verständnis für Gleichgewicht und Stabilität.

In ihrer Einleitung zitieren die Herausgeber den britischen Historiker Eric Hobsbawm, der „im Zerbersten der Bindeglieder zwischen den Generationen, also zwischen Vergangenheit und Gegenwart“, einen Hauptgrund für die wachsende Missachtung historischer Erfahrung sieht. Es ist die „Verdrängung von Erfahrungen“, so die Herausgeber, die „jene nüchterne Analyse vergangener Eskalationszyklen, die Voraussetzung wäre, eine Wiederholung zu vermeiden und eine sichere Zukunft zu gestalten“, verhindert.

Ausgangspunkt des Buches ist der binnen weniger Jahre vollzogene, nahezu vollständige Bruch mit einem an Diplomatie, Interessenausgleich, Gleichgewicht und Rüstungskontrolle orientierten sicherheitspolitischen Denken. Dabei hat dieses Denken nicht nur das weitgehend unblutige Ende des Kalten Kriegs möglich gemacht. Es hat auch in den Jahrhunderten davor immer wieder bewirkt, dass konträre Interessen und instabile Verhältnisse im Miteinander der Staaten ohne Krieg, Sieg oder Niederlage aufgelöst und überwunden wurden.

Zentral ist diesem Denken das Konzept der „gemeinsamen Sicherheit“, des Gleichgewichts und des Interessenausgleichs. Sicherheit, die allein auf Abschreckung basiert, führt in die Rüstungsspirale und wird niemals nachhaltig sein. Stabile und nachhaltige Sicherheit ist nur gemeinsam mit dem potenziellen Gegner möglich. Diese Gemeinsamkeit wird durch Austausch und Diplomatie hergestellt. Deren Ziele sind Vertrauensbildung, Interessenausgleich und Abrüstung; anders ist proaktive Kriegsvermeidung nicht darstellbar.

Fehlen jeder Debatte

Ein weiterer Punkt, den die Autoren zu Recht monieren, ist das Fehlen jeder Debatte dazu. Politiker wie Erler, Stegner oder Mützenich werden als Putinfreunde und Appeaser diffamiert oder charakterlich herabgewürdigt: „Heute dominiert ein Konformismus, der abweichende Positionen marginalisiert. So entsteht jene angebliche Alternativlosigkeit, die in eine Katastrophe führen kann.“

Ein Beispiel für die Debattenverweigerung durch die angeblich „Alternativlosen“ ist die Initiative der Ostdeutschen Medienholding (OMH), Vertreter der bellizistischen Fraktion zum Austausch einzuladen. In den vergangenen Wochen haben wir die aus vielen Talkshows bekannten „Falken“ angeschrieben und um Beiträge gebeten. Höflich, wie es sich gehört, und unter Hinweis darauf, dass wir auch pointiert friedensbewegte Texte veröffentlichen und es eben darum geht: Debatte.

Katja Gloger, Roderich Kiesewetter, Nico Lange, Claudia Major, Carlo Masala, Georg Mascolo, Marie-Agnes Strack-Zimmermann – die meisten von ihnen haben trotz wiederholter Ansprache nicht einmal geantwortet. Für Kiesewetter hat ein Mitarbeiter „aus grundsätzlichen Überlegungen“ abgesagt. Frau Major hat keine Zeit.

Meinungsführer einer im Publikum äußerst heftig geführten Diskussion verweigern die Debatte? Unisono? Wahrscheinlich aus Kontaktangst. Ostdeutsche Publikationen durch und durch, das bedeutet für nicht wenige Westdeutsche auch: mutmaßlich kremlnah.

Ein einziger und entschiedener Transatlantiker fällt aus dem Rahmen, der General a.D. Klaus Wittmann. Er vertritt auch in dieser Zeitung seine Überzeugung, nimmt kein Blatt vor den Mund und wütende Leserbriefe in Kauf. Debattenverweigerung grassiert allenthalben. Auch die Alternativen der Alternativlosen stoßen sich an anderen Positionen, und jeder Text des Generals kostet uns regelmäßig ein, zwei Abonnements. Debatte hat ihren Preis.

In diese vergiftete Welt werfen die Autoren um Gernot Erler und Ralf Stegner mutig ihr Buch. Es ist umfassend, differenziert und höchst lesenswert. Ein Zitat von Erhard Eppler ist vorangestellt: „Wahrscheinlich hat man keine Zeit. Aber man muss so überlegt handeln, als habe man sie doch.“

Gernot Erler, Ralf Stegner (Hrsg.), „Gemeinsame Sicherheit heute! Manifest für den Frieden“, Westend Verlag, 203 S., 18 Euro

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