Friedrich Merz und ich haben etwas gemeinsam: Wir sind beide Vorsitzende unserer Parteien und beide sind wir im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt im Einsatz. So auch am Montag dieser Woche, als er in Quedlinburg auftrat und ich in Magdeburg. Und da enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Denn während ich am Montagabend gemeinsam mit der FDP-Spitzenkandidatin Lydia Hüskens vor rund 200 Interessierten eine offene und belebte Veranstaltung bestritt, zog sich der CDU-Vorsitzende und Bundeskanzler mit dem CDU-Kandidaten und ein paar regionalen Größen seiner Partei auf den Schlossberg in Quedlinburg zurück.
„Warum ist der Kanzler unsichtbar?“, fragte sich dazu nicht nur das ZDF, sondern eine verdutzte Öffentlichkeit. Wahlkampf machen, indem man sich vor den Bürgern versteckt, ist vielleicht eine neue Strategie, aber besonders klug scheint sie mir nicht.
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Dem Kanzler gehen alle landesväterlichen Qualitäten ab
Die Frage, die sich viele stellen, ist: Hat dieser Kanzler und CDU-Vorsitzende Angst vor den Bürgerinnen und Bürgern? Richtig erscheint mir jedenfalls, dass sein Umfeld vor dem Format „Kanzler trifft Bürger“ Angst haben sollte. Und das nicht nur wegen des Auftritts von Friedrich Merz in der RTL-Sendung „Am Tisch mit …“. Denn dort hat Merz noch einmal besonders eindrücklich bewiesen, dass ihm alle – wirklich alle – landesväterlichen Qualitäten abgehen, die auch ein Bundeskanzler haben sollte. Er ist im Kontakt mit den Bürgerinnen und Bürgern nicht nur extrem unbeholfen, sondern auch absolut unsouverän.
In der Sendung kam es zu einer Auseinandersetzung mit der Kinderärztin Bea Merscher. Diese hatte viel Kritik für den Bundeskanzler übrig. Davon war manches vielleicht überzogen, manches sehr hart oder meinetwegen ungerecht formuliert. Auf so eine Kritik zu reagieren, auch in vergleichbarer Härte, halte ich für normal und selbstverständlich. Aber Merz scheint dazu gar nicht imstande.
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Unbeholfen wie ein kleines Kind
Zunächst verstieg er sich in eine absolut peinliche Stilkritik, in der er der Kinderärztin auf den Gebrauch des Wortes „menschenverachtend“ entgegnete: „Das ist eine persönliche Herabsetzung – das geht zu weit.“ Statt die Diskutantin inhaltlich in den Senkel zu stellen – sofern er es könnte –, definiert er die sprachlichen Grenzen der Kritik. Ein Bundeskanzler sitzt im größten deutschen Privatsender und reagiert unbeholfen wie ein kleines Kind. Nun gut, daran haben wir uns ja schon irgendwie gewöhnt.
Dann verstieg er sich allerdings noch zu der These, dass die Kinderärztin ja „Nutznießerin“ des Gesundheitssystems sei. Sie könne ja immerhin ohne dieses Gesundheitssystem „nicht leben“. Das klingt ein bisschen so, als schmarotzte sich die deutsche Ärzteschaft auf Kosten der Kranken und Hilfebedürftigen durch. So wurde es zumindest von manchen Ärzten verstanden, die wiederum hart darauf reagierten. Unterstellen wir, der Kanzler habe es nicht so gemeint, so bleibt die Aussage doch von einer solchen blasierten Überheblichkeit und Unkenntnis, dass man sich wirklich fragen muss, in welcher Welt der CDU-Kanzler eigentlich lebt.
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Gibt es in anderen Gesundheitssystemen etwa keine Ärzte, die von ihrer Arbeit leben? Oder will er als Erfolg verbuchen, dass angesichts der schwierigen Bedingungen nicht alle Ärzte abgewandert sind? Ein merkwürdiges Signal an eine Ärzteschaft, um die jeder, der bei politischem Verstand ist, ringt. Derzeit gibt es verstärkt Überlegungen, wie die Ärzte, die sich dem Ruhestandsalter nähern, länger im Beruf gehalten werden können. Hierfür war der Auftritt des Kanzlers – vorsichtig formuliert – keine Werbung.
Nach Merz’schen Maßstäben ist auch Merz Nutznießer
Das Gesundheitssystem in Deutschland hat viele Errungenschaften und wir können froh sein über die medizinische Versorgung, die wir uns erarbeitet haben. Das ändert aber nichts daran, unter welchem enormen Druck der gesamte Sektor steht. Und es ändert auch nichts daran, dass dieser Druck bei den behandlungssuchenden Bürgerinnen und Bürgern längst angekommen ist. Sei es beim Suchen nach Facharztterminen oder bei der ärztlichen Versorgung auf dem Land.
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Friedrich Merz scheint diese Realität zu verkennen, weil er sich von ihr ungerecht behandelt fühlt. In dieser Realität ist nach Merz’schen Maßstäben auch der deutsche Bundeskanzler Nutznießer von jedem Einzelnen, der in diesem Land einer Beschäftigung nachgeht und Steuern zahlt.
Ich kann verstehen, dass die CDU in Sachsen-Anhalt den Kanzler auf dem Schlossberg versteckt. Wahrscheinlich hatte Sven Schulz Angst, dass der Eindruck entstehen könnte, sein Auftritt mit Dieter Hallervorden sei der seriöseste, den er zu bieten hatte.
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