BERLIN. Union und SPD mögen in vielen Sachthemen nicht mehr auf einen Nenner kommen, in einer Frage aber herrscht weiterhin völlige Einigkeit: Sie wollen ihre Koalition ordentlich zu Ende bringen. Die von FDP-Chef Guido Westerwelle ins Gespräch gebrachte vorgezogene Bundestagswahl wird es nicht geben. Es gehört zu den besonderen Berliner Aufgeregtheiten in heraufziehenden Wahlkampfzeiten, dass dennoch eine muntere Debatte über künftige Regierungsbündnisse entbrannt ist.Dazu hat vor allem Westerwelle beigetragen. Sowohl seine eher kuriose Forderung nach ganz schnellen Neuwahlen als auch seine beleidigte Reaktion auf etwas unfreundliche Worte der Kanzlerin an die Adresse seiner Partei haben mangels neuer Fakten zumindest die politischen Fantasien in der Hauptstadt angeregt.". ich morgen tot umfalle"Ihm sei aufgefallen, sagte Westerwelle gestern, dass sich Angela Merkel in ihrem Auftritt bei Anne Will schärfer mit der FDP auseinandergesetzt habe als mit den Sozialdemokraten. Er wertete das als weiteren Beleg für einen Linksrutsch der Union. Gleichzeitig aber ärgerte er Merkel ein wenig zurück, indem er sich nun etwas weniger kategorisch als bisher über die Möglichkeit einer Ampelkoalition mit SPD und Grünen äußerte. Auf die Frage, ob er sie ausschließe, sagte Westerwelle: "Ich sage, dass ich aus heutiger Sicht keine ausreichende Grundlage für eine sogenannte Ampel sehe. Aus heutiger Sicht, nach Lage der Dinge ist das ausgeschlossen. Aber ich kann natürlich auch nicht ausschließen, das ist die typische Frage, dass ich morgen tot umfalle." Eben.Die Grünen spielten auf eine etwas bizarre Weise auch gleich mit. Ihr Spitzenkandidat Jürgen Trittin forderte Westerwelle auf, sich die Option einer Ampel offen zu halten: "Was passiert denn, wenn sein Lieblingsziel schwarz-gelb nicht erreicht wird", fragte Trittin im ZDF. "Das ist die Auseinandersetzung, die wir jetzt führen müssen." Das hinderte allerdings die Parteivorsitzende Claudia Roth nicht, wenige Stunden später nach der Sitzung der Grünen-Führung zu erklären: "Wir geben kein Bekenntnis ab zu Ampeln oder anderweitigen Konstellationen." Das war die Reaktion auf eine klare Absage eines NRW-Landesparteitages vom Wochenende an jegliches Kokettieren mit der FDP. Also wiederholte auch Spitzenkandidatin Renate Künast ihre Aussage über eine mögliche Zusammenarbeit mit SPD und FDP ausdrücklich nicht: "Das kann ich jetzt nicht tun, weil wir gerade intern diskutieren. Da muss ich mich aller Prognosen enthalten." Gleichzeitig griff Künast die FDP scharf an. "In Zeiten der Krise fehlt denen der notwendige Ernst", sagte sie zu Westerwelles Wahlvorschlag "Das ist die Fortsetzung des Klamauks mit anderen Mitteln."Auch die SPD wies Westerwelles Vorstoß zurück. Das sei ein Ritual, aber nichts, was man wirklich ernst nehmen muss, sagte Generalsekretär Hubertus Heil. Merkel hatte den Vorschlag am Vorabend schon als schlicht absurd bezeichnet. Auch andere Unionspolitiker bemühten sich um Koalitionstreue. "Wir sind für die gesamte Strecke gewählt", sagte selbst ein Raubein wie CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer. "Hinter den Kulissen wird wesentlich sachlicher und respektvoll miteinander gearbeitet, als dies nach außen hin scheint." Politiker von Union und SPD hatten sich in den vergangenen Tagen öffentlich und heftig angegriffen, unter anderem wegen unterschiedlicher Auffassungen über die Opel-Rettung.Und auch die einzige Partei, die in keinerlei Koalitionsplänen vorkommt, hat eine Meinung zum Neuwahlwunsch der Oppositionskollegen von der FDP: "Das ist billiger Populismus", stellte der Bundesgeschäftsführer der Linken, Dietmar Bartsch, fest.------------------------------Bemerkenswerte VersprecherWas will die Kanzlerin? Zwei Mal bezeichnete sie sich am Sonntagabend bei Anne Will als Staatsoberhaupt, in dieser Eigenschaft habe sie den Holocaust-Leugnern in der katholischen Kirche entgegentreten müssen. Reine Versprecher, sagte ihr Sprecher Ulrich Wilhelm gestern.Mag sein, aber vielleicht doch der Freud'schen Art. Fühlt sie sich wegen ihrer Art der Amtsführung einfach so präsidial? Oder hätte sie vom Staatsoberhaupt Köhler ein klares Wort zum Papst erwartet? Oder träumt sie am Ende doch davon, Präsidentin zu werden?Ach wo, sagt Wilhelm: Merkel habe nur den "erfüllbaren Traum, weiter Kanzlerin zu bleiben". Von dem Amt träumt aber auch ihr Herausforderer Steinmeier. Man befinde sich hier "in der Domäne konkurrierender Träume", sagt sein Sprecher. Aber in gegenseitigem Respekt. Immerhin.------------------------------Foto: Der Mann an ihrer Seite - zumindest bis September und vielleicht sogar darüber hinaus: Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Angela Merkel (CDU).
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