Georg Wildegger ist in Kempten im Allgäu aufgewachsen. Doch seit 1997 ist Sachsen-Anhalt Teil seines Lebens. Der Unternehmer hat damals, nach Stationen bei der Deutschen Bank und der Beratergesellschaft KPMG, die Addinol Lube Oil GmbH mitgegründet. Sie gilt heute, fast 30 Jahre später, als einziger Hidden Champion Sachsen-Anhalts. Vor wenigen Tagen feierte man in Leuna Geburtstag und erinnerte an die Anfänge des Unternehmens, die neun Jahrzehnte zurückliegen.
Georg Wildegger nutzte das Fest mit Mitarbeitern Kunden und Lieferanten, um sich zu positionieren. Er mache sich große Sorgen um den Wirtschaftsstandort Sachsen-Anhalt, so Wildegger in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Die Wähler sollten sich daher sehr genau überlegen, wo sie am kommenden Sonntag ihr Kreuz setzen.
Er habe schon immer eine klare politische Haltung gehabt, so der Chef des Weltmarktführers. Doch damit habe er sich gegenüber der Belegschaft bewusst bedeckt gehalten. „Hier sollte sich keiner bevormundet fühlen“, sagt der Unternehmer im Interview. Im Osten sei man da ja besonders sensibel.
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Grassierender Vertrauensverlust in die Demokratie
Wildegger geht also in die Offensive und macht damit etwas, was im Osten selten ist. Ostdeutsche Unternehmen seien im Engagement um die Demokratie defensiver. Die Sorge vor Polarisierung und Boykotten bremse die öffentliche Positionierung, so die Analyse eines vor wenigen Tagen veröffentlichten Kurzberichtes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Die Autoren sind Knut Bergmann und Matthias Diermeier. Gerne hätte die Ostdeutsche Allgemeine mit den beiden Wissenschaftlern gesprochen. Doch die ließen auf eine Anfrage durch die Presseverantwortliche schmallippig mitteilen: „danke für Ihre Interesse an einem Gespräch, wir passen hier aber“.
Auftraggeber der größer angelegten Studie ist die Bertelsmann Stiftung, die unter dem Titel „Unternehmen in der Demokratie: besorgt, willens, gefordert“, wissen will, welche Bedeutung Demokratie für die Firmen hat und was sie bereit sind, zu tun, um diese zu erhalten. Befragt wurden im Zeitraum vom 9. Februar bis zum 13. März dieses Jahres insgesamt 903 Unternehmen, 138 ostdeutsche und 765 westdeutsche Betriebe.
Die Kernbotschaft der Studie ist eindeutig. Deutsche Unternehmen stehen zwar mit klarer Mehrheit fest hinter der Demokratie, sehen diese jedoch massiv unter Druck und tun sich in der Praxis schwer mit sichtbarem politischen Engagement. Neun von zehn Unternehmern bemerken einen grassierenden Vertrauensverlust in demokratische Institutionen, der zu einer realen Gefahr für das System werden könnte. Wirklich aktiv werden sie aber selten und wenn, dann vor allem nach innen.
Angst vor Boykotten und Hasskommentaren
Der jetzt vorgelegte Kurzbericht offenbart deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Ostdeutsche Betriebe agierten deutlich defensiver und scheuten den Schritt in die politische Öffentlichkeit – oft aus Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen. Man sorge sich hier deutlich stärker vor Boykotten, Hasskommentaren oder internen Konflikten in der Belegschaft sowie mit Kunden und Lieferanten.
Georg Wildegger war dann auch über den Applaus nach seiner Rede überrascht und über die vier, fünf Mitarbeiter, die direkt danach zu ihm gekommen seien, die ihm gedankt hätten für das klare Bekenntnis. Er hatte nach der letzten Bundestagswahl schon Anrufe von Kunden aus dem Ausland, die wissen wollten, ob man denn bei ihm, ob man in Deutschland überhaupt noch Waren bestellen könne angesichts der politischen Entwicklungen. Abgesprungen sind sie bis heute nicht. Aber mit der Landtagswahl sei man jetzt an „einem Kipppunkt“, so Wildegger.
Der Unternehmer weiß aber auch, dass es Firmenchefs gibt, die anders denken als er, Mittelständler, die erkennbar mit der AfD sympathisieren. Weil sie frustriert sind, so seine Diagnose. Frustriert von der überbordenden Bürokratie, von all den Auflagen und unzähligen Dokumentationspflichten. Und dafür habe er sogar Verständnis.
Dass die wirtschaftliche Lage schwierig sei, ist unumstritten, so der Addinol-Chef. Das liege aber oft genug an den Unternehmern selbst. Es habe sich in vielen, gerade westdeutschen, Firmen eine gewisse Selbstzufriedenheit breitgemacht. Man sei gesellschaftlichen Trends hinterhergelaufen und habe schlicht vergessen, sich um die Wertschöpfung zu kümmern. Die Folgen seien jetzt spürbar.
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