Schon beim Zuhören wird klar, wie tief der gegenseitige Respekt zwischen Maoz Inon und Aziz Abu Sarah reicht. Selbst bei schweren Themen blitzt Humor auf.
Beide verbindet der Verlust naher Angehöriger. Inons Eltern Bilha und Yakovi wurden am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen in ihrem Haus in Netiv HaAsara getötet. Abu Sarah verlor seinen Bruder Tayseer, als er zehn Jahre alt war. Er starb während der Ersten Intifada an den Folgen israelischer Haft.
Im Sommer 2024 reisten die beiden acht Tage durch Israel und das Westjordanland. Ihr Buch „Die Zukunft ist Frieden“ erschien im September bei Altneuland Press. In Berlin sprachen sie über Empathie nach drei Jahren Krieg und ihre Erwartungen an die Bundesregierung.
Herr Inon, Herr Abu Sarah, wenn Sie unsere Leser zu einer Station Ihrer Reise mitnehmen könnten, wohin ginge es?
INON: Da werden wir uns uneinig sein. Ich würde nach Nazareth fahren, in die größte palästinensische Stadt in Israel. Dort habe ich 2005 das Gästehaus Fauzi Azar Inn eröffnet. In Nazareth habe ich zum ersten Mal Palästinenser kennengelernt. Ich habe ihre Geschichte gehört, ihren Schmerz, ihre Verluste und ihre Träume. Das ist der erste Schritt zu Frieden und Versöhnung. Man muss den Mut haben, einander in die Augen zu sehen und zuzuhören. Von da an ist alles möglich.
ABU SARAH: Ich komme aus Jerusalem, also nehme ich die Leute mit nach Jerusalem. Im Namen der Stadt steckt das Wort Frieden. In Jerusalem sehen Sie die schlimmsten Momente des Konflikts und zugleich viel Hoffnung. In der Altstadt liegen beide Seiten an derselben Stelle. Sie sehen die Siedlungen. Sie sehen aber auch Juden, Muslime und Christen, die jeden Tag miteinander zu tun haben.
Zu den Personen
Wie haben Sie beide sich kennengelernt?
INON: Wir kommen beide aus der Tourismusbranche. Aziz hat Mejdi Tours mitgegründet, ich das Abraham Hostel. 2014 haben wir uns dort in Jerusalem zehn Minuten lang getroffen und uns danach auf Facebook befreundet. Geschrieben haben wir uns nie. Wenige Tage nach dem 7. Oktober meldete sich Aziz und sprach mir sein Beileid aus. Meine Eltern gehörten zu den ersten Opfern des Hamas-Angriffs. Er schrieb, er stehe an der Seite meiner Familie. Ich wusste, dass auch er seinen Bruder verloren hatte, nach Folter in einem israelischen Gefängnis. Seit drei Jahren bauen wir gemeinsam unsere Organisation InterAct auf. Heute kann ich sagen, am 7. Oktober habe ich meine Eltern verloren, Freunde und Menschen, die ich mein ganzes Leben kannte. Und ich habe Aziz als Bruder gewonnen.
Herr Abu Sarah, was hat Sie bewogen, ihm zu schreiben?
ABU SARAH: Ob ich schreibe, war für mich keine Frage. Ich habe meinen Bruder mit zehn Jahren verloren. Mein Leben hat sich verändert, weil sich acht Jahre später jemand an mich wandte, meine Hebräischlehrerin. Als Friedensaktivist habe ich gelernt, wie wichtig es ist, auf Menschen in ihrem Leid zuzugehen. Ich habe nur überlegt, wann. Sofort oder in ein, zwei Wochen? Ich habe die Nachricht gleich geschickt. Zu meiner Überraschung antwortete Maoz sofort. Eine Woche später sagte er im Fernsehen, er weine auch um die Kinder, die in Gaza sterben. Damals hatten viele Menschen Angst, so etwas öffentlich zu sagen. So hat unsere Zusammenarbeit begonnen.
Ist die Empathie für die jeweils andere Seite drei Jahre nach dem 7. Oktober größer oder kleiner geworden?
ABU SARAH: Das weiß ich nicht. Wenn etwas immer weitergeht, gewöhnen sich die Menschen daran. Das ist furchtbar. In Israel und Palästina herrscht eine Politik der Angst. Wer Mitgefühl zeigt, verliert angeblich die Legitimität für die eigene Geschichte und die eigene Trauer. Das halte ich für falsch. Im vergangenen Jahr ist die Friedensbewegung allerdings deutlich aktiver geworden. Bei der Olivenernte, die gerade läuft, helfen so viele Israelis und internationale Freiwillige wie nie zuvor. Mit anderen Organisationen sind wir an der Initiative Protect the Harvest beteiligt. Hunderte Freiwillige aus aller Welt, auch aus Europa, kommen für eine Woche und pflücken Oliven mit palästinensischen Bauern.
„Ich kannte keinen Juden, der nicht Siedler oder Soldat war“
Was bewirkt das?
ABU SARAH: Je mehr wir so etwas tun, desto mehr wächst die Empathie. Israelische Freiwillige zeigen damit, dass sie Siedlern nicht die Deutung überlassen, wer sie als Volk sind. Und die palästinensischen Bauern erleben Juden auf neue Weise. Als ich aufwuchs, kannte ich keinen Juden, der nicht Siedler oder Soldat war. Mit acht Jahren wurde auf mich geschossen, neben unserem Haus wurden Autos angezündet. Jetzt leben jüdische Freiwillige bei den Bauern im Haus, als schützende Präsenz gegen gewalttätige Siedler. Das verändert alles. Deshalb wundert es mich nicht, dass die Regierung dagegen ist und Siedler die Freiwilligen angreifen. Smotrich hat gesagt, man werde die Palästinenser loswerden, indem man sie davon überzeugt, dass es keine Hoffnung gibt. Wir tun das Gegenteil. Wir schaffen Hoffnung.
Welche Botschaft wollen Sie mit Ihrem Buch an die Deutschen richten?
INON: Wir erzählen unsere eigenen Geschichten und die unserer Völker. Wir können uns dafür entscheiden, Rache in Versöhnung zu verwandeln. Wir können Verzweiflung in Hoffnung verwandeln und Trauma in Heilung. Mit unserem Buch beweisen wir das. In Berlin sagen wir gern, zwei Wochen vor dem Mauerfall hielten alle ihn für unmöglich. Also erklärt uns nicht, Frieden zwischen Israelis und Palästinensern sei unmöglich. Wir sind immer zwei Wochen vom Frieden entfernt. Wann genau er kommt, wissen wir nicht. Mit Ihrer aktiven Partnerschaft werden wir ihn erreichen.
Was erwarten Sie konkret von der Bundesregierung?
INON: Deutschland muss zwischen den Menschen in Israel und der rechtsextremen Regierung unterscheiden. Diese Regierung muss sanktioniert werden. Derzeit verhindert Deutschland, dass solche Sanktionen auf EU-Ebene beschlossen werden. Wir rufen die Bundesregierung auf, Sanktionen gegen die Regierung und die Siedlungen zu unterstützen und sogar anzuführen. 2024 haben die G7-Staaten, darunter Deutschland, zugesagt, die Zivilgesellschaft in Israel und Palästina zu stärken. Deutschland hat daraus nichts gemacht. Großbritannien, Kanada und Australien haben vor einigen Monaten einen israelisch-palästinensischen Friedensfonds geschaffen. Deutschland sollte diesen Fonds anführen und ihn mit seinem politischen Gewicht ausbauen.
„Wer heute Juden hasst, hasst morgen Muslime“
Welche Rolle sehen Sie für die Menschen in Deutschland?
INON: Jüdische und israelische Diaspora sollten mit der palästinensischen Diaspora und mit Muslimen in Deutschland zusammenarbeiten und gemeinsam gegen Rassismus kämpfen. Wer heute Juden hasst, hasst morgen Muslime. Und wer heute Muslime hasst, hasst morgen Juden. Wenn es eine Trennlinie in der Menschheit geben soll, dann zwischen denen, die für Gerechtigkeit und Frieden eintreten, und denen, die es noch nicht tun.
In Ihrem Buch verwenden Sie die Formel „From the river to the sea“. Auf Berliner Straßen hört man sie mit einer anderen Bedeutung. Was meinen Sie damit?
ABU SARAH: Für uns ist das Geografie, vom Jordan bis zum Mittelmeer. In diesem Gebiet passieren gute und schreckliche Dinge. Unsere Vision ist, dass dort alle frei sind, Palästinenser wie Israelis. Frei von Besatzung und Unterdrückung, frei von Angst, frei vom Zwang, mit 18 zur Armee zu gehen. Alle sollen gleichberechtigt, sicher und in Würde leben. Der Streit über einen oder zwei Staaten führt meist ins Leere. Die Leute, die ihn führen, sitzen ohnehin nie im Verhandlungsraum. Wichtiger ist das Fundament jeder Lösung, und das ist Gleichheit. Das zeigen wir in unserem Buch. Wir erkennen die Geschichte des anderen an, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Eine Lösung auf diesem Fundament wird gelingen. Wer dagegen fragt, wie er den anderen besiegen kann, wird scheitern. Dann folgt ein Abkommen auf das nächste, und jedes scheitert wieder.
Ein Passant auf den Dächern der Jerusalemer Altstadt, dahinter Felsendom und Ölberg. Die heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen liegen hier dicht beieinander.
© Simon Beni/Imago
Die palästinensischen Wahlen wurden verschoben, in Israel wird kommende Woche gewählt. Was erwarten Sie?
ABU SARAH: Hätte man auf die Verschiebung der palästinensischen Wahlen wetten können, hätte ich mein ganzes Erspartes gesetzt. Im vergangenen Monat war ich in New York, und alle sagten, die Wahl finde statt. In Palästina habe ich kein einziges Plakat gesehen. Es gab keinen Wahlkampf. Die Ankündigung war ein Feigenblatt. Ich bin 46 Jahre alt. Die letzte landesweite Wahl in Palästina fand statt, als ich 26 war. Seit 15 Jahren höre ich, nächstes Jahr werde gewählt. Europa fordert in Erklärungen Wahlen von der Palästinensischen Autonomiebehörde, übt aber nie Druck aus. Als ich 2018 für das Bürgermeisteramt in Jerusalem kandidierte, hat Europa nicht geholfen. Weder bei meiner Sicherheit noch gegen die Verfolgung durch die israelische und die palästinensische Seite. Die Autonomiebehörde braucht eine junge Führung. Alle, die heute im Amt sind, sollten gehen. Dafür braucht es aber auch Druck von außen.
INON: Deutschland ist der größte Geldgeber der Autonomiebehörde. Es muss diese Hilfe an offene, demokratische und saubere Wahlen knüpfen. Deutschland ist bereits beteiligt, durch seine Zahlungen an die Autonomiebehörde und durch Waffenlieferungen an die israelische Regierung. Wenn sich diese Politik nicht ändert, wird es noch schlimmer als in den vergangenen drei Jahren. Für die israelische Wahl habe ich keine Wünsche. Wir sind sehr praktisch denkende Menschen. Frieden kommt, die Frage ist nur, wann. Unabhängig vom Ergebnis muss die Zivilgesellschaft gestärkt werden. Und wer sich für Zerstörung, ethnische Säuberung und Entmenschlichung entscheidet, muss sanktioniert werden.
Warum spielt das Wahlergebnis für Sie keine große Rolle?
INON: Politiker sind die flexibelsten Menschen, die es gibt. Ariel Sharon sagte vor seiner Wahl, das Fortbestehen der Siedlungen in Gaza sei so sicher wie Tel Aviv. Dann zog er Israel aus Gaza ab. Menachem Begin lehnte als Oppositionsführer die Versöhnung mit Deutschland und Verhandlungen mit arabischen Staaten ab. 1977 empfing er Präsident Sadat, der Israel wenige Jahre zuvor im Jom-Kippur-Krieg überfallen hatte. Begin sagte damals sinngemäß, man könne den nächsten Krieg verhindern, den Frieden aber nicht. Dazu brauchte es allerdings auch den Druck von US-Präsident Jimmy Carter. Ohne internationale Unterstützung und ohne starke Zivilgesellschaft wird die Lage schlechter, egal wer gewinnt.
Was braucht es, in wenigen Worten, für einen dauerhaften Frieden?
INON: Sanktionen gegen Extremisten, ob Präsident, Premierminister oder Generalstabschef. Und Anreize für die Friedensbewegung und die Zivilgesellschaft. Das ist alles.
ABU SARAH: Und unsere Stimmen müssen in Deutschland regelmäßig zu hören sein, auch wenn Maoz und ich gerade nicht zu Besuch sind. Es gibt viele von uns, manche sprechen sogar Deutsch. Friedensaktivisten sollten im Bundestag regelmäßig Briefings geben. Maoz und ich haben gerade vor dem UN-Sicherheitsrat in New York gesprochen. In Nordirland und in Liberia saßen Friedensaktivisten mit im Verhandlungsraum. Deshalb waren diese Abkommen erfolgreich. Präsident Emmanuel Macron hat 200 israelische und palästinensische Friedensaktivisten für einen ganzen Tag eingeladen. Das würde ich mir auch vom Bundeskanzler wünschen. Deutschland hat so viel Geld und politisches Gewicht im Spiel. Politik sollte mit uns gemacht werden und nicht nur mit Kommentatoren und Strategen.
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