Vergleich

US-Regierung appelliert an Iraner: Denkt an den Mauerfall 1989

Sanktionen gegen Iran: Bessent kündigt „Operation Economic Outcast“ an und beruft sich auf DDR-Grenzsoldaten. Die Quellenlage sagt etwas anderes.

3 Min
Bei dieser Pressekonferenz am 24. August 2026 in Washington wandte sich US-Finanzminister Scott Bessent an Irans Soldaten – und erinnerte sie an den Fall der Berliner Mauer.

Bei dieser Pressekonferenz am 24. August 2026 in Washington wandte sich US-Finanzminister Scott Bessent an Irans Soldaten – und erinnerte sie an den Fall der Berliner Mauer.

© Imago

Scott Bessent stand am Montag im Cash Room des US-Finanzministeriums und sprach über Gold und Schiffsregister. Dann wandte sich der Minister direkt an iranische Soldaten.

„An die einfachen Soldaten, die dieses Regime unterstützen: Wenn immer mehr eurer Gehaltszahlungen ausbleiben oder angeblich nur verspätet ausgezahlt werden, fragt euch, ob eure Kommandeure euer Land zum Sieg oder in den Ruin führen“, sagte Bessent laut dpa. Dann kam der Satz über Berlin: „Erinnert euch daran, dass die Berliner Mauer fiel, als einfache Soldaten beschlossen, nicht auf ihre eigenen Landsleute zu schießen.“

Das ist als Aufforderung gemeint. Es ist auch eine Geschichtsdeutung, und die lässt sich überprüfen.

Sanktionen gegen Iran: „Operation Economic Outcast“

Anlass war der Start einer Sanktionskampagne, die das Ministerium in seinem Redemanuskript „Operation Economic Outcast“ nennt. Bessent stellte sie ausdrücklich in die Tradition der Landung in der Normandie.

Betroffen sind fünf Bereiche: digitale Vermögenswerte, Technologie, Gold, Luftfahrt und Schifffahrt. Dazu kommen mehr als 60 sanktionierte Firmen, Personen und Schiffe. Wer Geldwäsche für Teheran abwickle, werde aus dem Dollar-System entfernt, sagte Bessent. Jede Filiale der Bank Melli müsse schließen.

Der iranische Rial fiel am selben Tag auf ein Rekordtief von rund 2,02 Millionen pro Dollar.

Mauerfall 1989: Es gab gar keinen Befehl

An der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße war Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger in jener Nacht diensthabender Leiter. Er telefonierte stundenlang mit Vorgesetzten und bekam keine Anweisung. Gegen 23 Uhr ließ er die Kontrollen einstellen, befehlswidrig.

Waffen lagen bereit, Maschinenpistolen samt Magazinen, wie der Historiker Hans-Hermann Hertle rekonstruiert hat. Nur standen ein paar Dutzend Grenzer Zehntausenden gegenüber.

Entscheidend war etwas anderes: Niemand in der DDR-Führung wollte die Verantwortung für einen Schusswaffeneinsatz übernehmen. Der Befehl, den die Grenzer hätten verweigern können, wurde nie erteilt.

Leipzig: 8000 Sicherheitskräfte ziehen ab

Der eigentliche Wendepunkt lag einen Monat früher. Am 9. Oktober 1989 zogen rund 70.000 Menschen über den Leipziger Ring. Polizei, Staatssicherheit und Armee standen bereit und griffen nicht ein.

Auch hier fehlte der Einsatzbefehl aus Ost-Berlin. Der Leiter der Volkspolizeidirektion holte sich beim Innenminister die Genehmigung, sich auf Eigensicherung zu beschränken. Dazu kam der Gewaltverzichts-Appell der „Leipziger Sechs“ um Kurt Masur, verbreitet über den Stadtfunk.

Die Staatsmacht wich zurück, weil oben niemand mehr führte.

Warum der DDR-Vergleich beim Iran nicht trägt

Irans Sicherheitskräfte haben die Entscheidung, die Bessent ihnen nahelegt, längst getroffen. Seit Ende Dezember 2025 geht das Regime gegen landesweite Proteste vor. Teheran bestätigt 3117 Tote. Amnesty International hat Videos verifiziert, die gezielte Schüsse auf Fliehende zeigen. Menschenrechtsgruppen nennen weit höhere Zahlen, unabhängig prüfbar sind sie wegen der Internetsperren kaum.

Dazu kommt die Lage selbst. Die DDR-Grenzer standen 1989 unbewaffneten Landsleuten gegenüber, ihr Staat wurde von außen nicht angegriffen. Der Appell an Irans Soldaten kommt von der Regierung, deren Streitkräfte das Land seit dem 28. Februar bombardieren.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Teheran und Peking reagieren

Irans Außenminister Abbas Araghtschi nannte den Druck aus Washington ein Zeichen von Verzweiflung.

China lehnt die Sanktionen ab. Ein Wirtschaftskrieg verschärfe Konflikte und störe die globale Finanzordnung, sagte Außenamtssprecher Lin Jian. Omans Außenminister reiste am Dienstag nach Teheran, auch Pakistan vermittelt.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner