Väter, Mütter und der Preis der Freiheit

Jutta Kramm
4 Min

Es ist noch gar nicht lange her, da lebten die Familien in unserer Gesellschaft nicht mit geringeren Schwierigkeiten, aber immerhin waren die Formen geordneter, geregelter, überschaubarer. Ehen wurden früh geschlossen und mussten ein Leben lang halten; Kinder wurden geboren, ob die Eltern dies nun geplant und gewollt hatten oder nicht; die Männer mussten sich in die Vaterschaft ergeben und die Kinder ihrer Frau mit erziehen und finanzieren, auch wenn sie gelegentlich argwöhnten, nicht der Erzeuger der Kinder zu sein. Für diese Männer gab es nur einen Ausweg, wenn sie nicht für ein fremdes Kind aufkommen wollten: Sie mussten sich lossagen von Frau und Nachwuchs und die Vaterschaft vor Gericht anfechten, meist ohne einen sicheren Beweis zu haben. Das war ein schmerzlicher Schritt für alle in einer Familie, und diesen haben nur wenige getan.Doch die Verhältnisse haben sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert, radikal geändert. Immer häufiger werden Ehen geschieden, immer mehr Kinder werden in uneheliche Partnerschaften geboren und immer mehr Eltern und Kinder leben in sogenannten Patchworkfamilien, immer öfter wechseln erwachsene Menschen, ohne in Scham und Schande zu verfallen, ihre Partner. Hinzu kommt eine technische Neuerung, die eine alte Maxime endgültig zunichte gemacht hat: Einmal Vater, immer Vater, das gilt nicht mehr seit den Entdeckungen der Gendiagnostiker. Seit einigen Jahren können Männer durch einem simplen, zuverlässigen und wenig kostspieligen Gentest überprüfen lassen, ob sie "ihre" Kinder tatsächlich gezeugt haben oder nicht.Nur eines hat sich nicht geändert: das deutsche Recht. Es hinkt den gewachsenen gesellschaftlichen Vagheiten und den verbesserten technischen Gewissheiten deutlich hinterher. Väter sind immer noch gezwungen, das zu billigen, was ihnen ihre Frauen sagen - sie müssen eine Vaterschaft klaglos anerkennen, wollen sie sich nicht sofort mit der Familie überwerfen. Nur: das akzeptieren immer weniger Väter. Rund 50 000 Vaterschaftstests werden in deutschen Genlaboren schätzungsweise im Jahr vorgenommen, viele tausend davon heimlich, ohne Wissen oder Einwilligung von Mutter und Kind.Vor Gericht haben diese heimlichen Abstammungstest zu Recht keinen Bestand - das hat das Bundesverfassungsgericht gestern klar bestätigt. Denn ein solcher Gentest verletzt das Grundrecht des Kindes auf seine informationelle Selbstbestimmung: Niemand darf heimlich die genetischen Daten eines anderen, und sei es auch die eines Kindes, ohne dessen Einwilligung überprüfen lassen und für seine eigenen Zwecke nutzen. Für die Männer, die Zweifel an der biologischen Abstammung ihrer rechtlichen Kinder haben und die sich von ihren Unterhaltspflichten befreien wollen, hat das Verfassungsgericht dennoch eine Handhabe verlangt, damit sie die Vaterschaft leichter legal überprüfen können. Bis März 2008, so das Gericht, muss ein Gesetz vorliegen.Das Bundesverfassungsgericht hat damit dem Gesetzgeber aufgetragen, sich nicht länger der Lebenswirklichkeit in dieser Gesellschaft zu verweigern: Frauen sind eben nicht mehr auf Gedeih und Verderb der Autorität ihrer Männer unterworfen; andererseits können Männer nicht länger in eine Versorgungsgemeinschaft und gemeinsame Elternpflichten mit einer Frau gezwungen werden, der sie nicht vertrauen und deren Kinder sie möglicherweise nicht gezeugt haben. Längst sind die alten Zwänge und Abhängigkeiten passé. Mit den neuen Freiheiten und Ungewissheiten zurechtzukommen müssen alle lernen. Aufgabe des Staates ist es dabei, die Regeln des Zusammenlebens für die Beteiligen - Väter, Mütter, Kinder - gerecht zu gestalten. Bis gestern waren die Mütter im Vorteil. Das wird sich nun ändern. Es ist der Preis der Emanzipation.Leichter wird das Zusammenleben in manchen Familien mit dem vorgeschriebenen Gesetz sicherlich nicht. Bisher war die Hürde hoch, die Vaterschaft überprüfen zu lassen oder gar gerichtlich anzuzweifeln. Das neue Gesetz, das jedem Mann die Abstammungskontrolle ermöglichen dürfte, mag für viele eine regelrechte Einladung zur raschen und billigen Überprüfung ihrer vagen Zweifel sein. Wie sie dann mit eventuell gewonnenen Gewissheit umgehen, nicht der Vater jener Kinder zu sein, mit denen sie seit Jahren lebten, das dürfte für viele eine schwere Prüfung werden. Das ist der Preis der Freiheit. Auch die Kinder müssen ihn nun bezahlen.------------------------------Einmal Vater, immer Vater: Das gilt nicht mehr seit den Entdeckungen der Gendiagnostiker.

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