Vassil Terziev ist Tech-Millionär und Bürgermeister von Sofia. Er spendet sein Gehalt und führt die bulgarische Hauptstadt wie ein Startup.
Vom erfolgreichen Tech-Gründer zum obersten Stadtgestalter: Vassil Terziev verkaufte sein Unternehmen Telerik einst für 262 Millionen US-Dollar in die USA, bevor er sich entschied, in der Politik Verantwortung für seine Heimatstadt zu übernehmen. Seit Ende 2023 steht der finanziell unabhängige Unternehmer als Erster Bürgermeister an der Spitze Sofias – sein Gehalt spendet er bis auf einen symbolischen Euro für gemeinnützige Projekte.
Für die Rubrik „Gen Est“ spricht Mode-Insider und Editor-At-Large Julian Daynov mit Persönlichkeiten, die Bulgarien nachhaltig verändern. Im Interview verrät Vassil Terziev, warum er ein Rathaus wie ein Startup führt, welche Visionen er für Sofias Infrastruktur verfolgt und wie er die zurückgekehrte, internationale Generation ermutigen möchte, die Demokratie aktiv mitzugestalten.
Vassil, du warst Unternehmer, Investor und Manager, bevor du zum Bürgermeister von Sofia gewählt wurdest. Warum der Schritt in die Politik?
Für mich war das keine plötzliche Entscheidung, sondern eine konsequente Entwicklung. Ich bin überzeugt, dass erfolgreiche Menschen sich irgendwann in den Dienst der Gesellschaft stellen sollten. Erfolg bedeutet nicht nur persönlicher Wohlstand, sondern auch Verantwortung gegenüber den nächsten Generationen. Wenn kompetente Menschen die Politik meiden, überlassen sie Entscheidungen anderen, die dafür möglicherweise weniger geeignet sind. Deshalb wollte ich selbst Verantwortung übernehmen.
Du verzichtest weitgehend auf dein Bürgermeistergehalt und spendest es für gemeinnützige Projekte. Warum?
Das erschien mir selbstverständlich. Ich bin finanziell unabhängig und brauche dieses Einkommen nicht. Während des Wahlkampfs habe ich angekündigt, symbolisch einen Euro Gehalt zu behalten und den Rest zu spenden. Zurzeit sammle ich Geld für ein größeres Projekt: Gemeinsam mit einem Freund möchten wir den Schulhof der Schule sanieren, die ich selbst besucht habe. Das ist mir ein persönliches Anliegen.
Wie unterscheidet sich die Führung einer Stadt von der eines Unternehmens?
Es gibt erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Man braucht eine klare Vision, gute Strategien, motivierte Mitarbeiter und funktionierende Prozesse. Der größte Unterschied besteht darin, dass man mit öffentlichen Mitteln arbeitet und gegenüber allen Bürgern Verantwortung trägt. Man kann sich seine „Kunden“ nicht aussuchen. Politik bedeutet, Entscheidungen auch für Menschen zu treffen, deren Perspektiven man vielleicht nicht teilt. Dafür braucht es Empathie und Geduld.
Verzicht auf das Gehalt für das gemeinnützige Wohl: Bürgermeister Vassil Terziev investiert in Schulen, Transparenz und die Infrastruktur seiner Heimatstadt.
© Zlatimir Arakliev
Sofia wächst rasant. Wie lässt sich dieses Wachstum steuern?
Das ist eine unserer größten Herausforderungen. Über viele Jahre wurde die Stadt eher punktuell entwickelt als nach einem langfristigen Plan. Wir arbeiten deshalb an einer neuen Form der Stadtentwicklung, die Infrastruktur, Wohnungsbau, Schulen, Grünflächen und Verkehr gemeinsam denkt. Ziel ist eine verlässlichere Planung – sowohl für die Bürger als auch für Investoren.
Worauf bist du nach zweieinhalb Jahren im Amt besonders stolz?
Wir treiben den Ausbau der Metro voran, schaffen neue Parks, investieren in Kindergärten und Schulen und modernisieren die städtische Infrastruktur. Am wichtigsten ist mir aber etwas anderes: Ich möchte die Kultur innerhalb der Verwaltung verändern. Die Bürger sind nicht unsere Bittsteller, sondern unsere Auftraggeber. Deshalb öffnen wir Verwaltungsdaten, beziehen die Menschen stärker in Entscheidungen ein und schaffen mehr Transparenz.
Wenn du dir etwas von anderen europäischen Städten abschauen könntest – was wäre das?
Vor allem eine engagierte Zivilgesellschaft. Die besten Städte entstehen dort, wo die Menschen Verantwortung übernehmen und nicht darauf warten, dass Politik alle Probleme löst. Jeder kann einen Beitrag leisten – sei es durch ehrenamtliches Engagement oder einfach dadurch, Verantwortung für den öffentlichen Raum zu übernehmen. Wenn jemand auf der Straße ein Stück Müll aufhebt, obwohl es nicht sein eigener ist, dann zeigt das, dass er sich mit seiner Stadt identifiziert. Genau dieses Verantwortungsgefühl wünsche ich mir für Sofia.
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Immer mehr internationale Unternehmen entdecken Sofia. Worin liegt die Stärke der Stadt?
In der Kombination aus hoher Lebensqualität und wirtschaftlichen Chancen. Sofia bietet attraktive Bedingungen für Unternehmen, gleichzeitig ist die Stadt sicher, grün und international. Hinzu kommt eine wachsende kreative Szene. Immer mehr Bulgaren, die im Ausland studiert oder gearbeitet haben, kehren zurück und bringen Wissen, Erfahrung und Netzwerke mit. Diese Entwicklung verändert die Stadt nachhaltig.
Du hast einen Teil deiner Kindheit in den USA verbracht. Wie hat dich das geprägt?
Ich hatte das Glück, verschiedene Welten kennenzulernen. Mein Vater war Diplomat, deshalb lebte ich viele Jahre in Washington. Ich besuchte dort eine russische Schule in der sowjetischen Botschaft und wuchs gleichzeitig mit amerikanischer Kultur auf. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, dass Menschen weltweit viel mehr verbindet als trennt. Deshalb versuche ich, Vorurteile zu vermeiden und anderen mit Offenheit zu begegnen.
Viele junge Menschen kennen Europa nur mit offenen Grenzen. Was möchtest du ihnen mitgeben?
Dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeit sind. Die Generation meiner Kinder wächst mit Reisefreiheit, Meinungsfreiheit und offenen Grenzen auf. All das musste von früheren Generationen erkämpft werden. Deshalb sage ich oft: Demokratie ist teuer. Sie verlangt Engagement und Verantwortung. Jede Generation muss sie neu verteidigen und weiterentwickeln.
Würdest du deine Kinder ermutigen, ins Ausland zu gehen?
Unbedingt. Sie sollen die Welt entdecken, studieren und Erfahrungen sammeln. Gleichzeitig hoffe ich, dass sie eines Tages zurückkehren und ihr Wissen hier einbringen. Das ist die Zukunft Bulgariens: offen für die Welt zu sein, ohne die eigenen Wurzeln zu vergessen.
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