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Auf keiner Tafel an der früheren Badeanstalt Wernigerodes steht, dass hier in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 31 Eckart Friedrichson zur Welt kam, der als Meister Nadelöhr Fernsehgeschichte schrieb. Bei seiner Geburt 1930 ist Anna, die Mutter, 26 Jahre alt und hätte ihr Kind weiß Gott nicht außerehelich zur Welt bringen wollen, aber ihr Vater, Bademeister Karl Schliephake, verbietet jeglichen Kontakt zum Erzeuger. Was bleibt ihr, die den Friseursalon im elterlichen Haus betreibt, anderes übrig, als sich zu fügen.
1939 zieht der Hamburger Ingenieur Henri Friedrichson nach Wernigerode, um als Oberbauleiter der Rautal-Werke tätig zu werden. Er heiratet Anna Schliephake; die Halbbrüder Jan und Peter werden geboren. Mit zehn muss sich Eckart beim „Deutschen Jungvolk“ wie alle Pimpfe einer Mutprobe unterziehen. Mancherorts war sie ein mit verbundenen Augen geforderter Sprung in einen Abgrund, andere mussten durch endlose Betonröhren kriechen.
Für Eckart ist die Mutprobe von traumatischer Wirkung: Mit 13 Jahren wird Diabetes festgestellt und ihm eine verbleibende Frist von „vielleicht zwei Jahren“ prophezeit. Die Eltern tun alles, um Insulin-Ampullen zu beschaffen, veräußern Wertsachen, um Eckart ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen.
Ein Besessener war er, ein Filou. Halbwüchsig versprach er seiner Laienspielgruppe, die fehlende Dekoration zur Premiere noch zu besorgen. Die Eltern hatte er weit vor Beginn der Aufführung bestellt, damit Zeit für den Transport blieb. Sie staunten doppelt: über ihre Stubenmöbel auf der Bühne und das Talent des Sohnes.
Nach Kriegsende kann Wernigerode endlich sein Theater wiedereröffnen. Der Ziehvater, der einen Betrieb gegründet hat, der Handwagen und Möbel baut, kann Eckart für seine Nachfolge allerdings streichen: Das „Bühnenjahrbuch 1945/48“ verzeichnet ihn gleich auf zwei Positionen: als „Schauspieler Herren“ und als Bibliothekar.
„Wir waren die Undermodels“: Von stetem Hunger, Knebelverträgen und mächtigen Männern
Von Langhoff ans Deutsche Theater geholt
Mit 19 Jahren verlässt Eckart die Stadt. Nach einer Schauspielausbildung in Quedlinburg und Rostock landet er 1953 am Theater der Freundschaft in Berlin. Wie stark sein Charisma und seine sprachliche Präsenz wirken, zeigt sich daran, dass er von Wolfgang Langhoff ans Deutsche Theater geholt wird.
Die Hochzeit mit der Schauspielerin Katharina Matz verändert beider Leben. Als gleichaltrige Träumernaturen voller Elan hatten sie sich in dem Henny-Porten-Film „Carola Lamberti – eine vom Zirkus“ in Nebenrollen bewiesen. Katharina Matz wird von Ida Ehre nach Hamburg geholt, wo sie zu einer Charakterdarstellerin avanciert. Und Eckart überflügelt 1955 beim Deutschen Fernsehfunk in Probeaufnahmen für die Figur eines Märchen erzählenden Schneiders den Mitbewerber Kurt Schmidtchen. Dabei hatte der gerade bei der Defa „Das tapfere Schneiderlein“ gespielt. Dennoch bekommt Friedrichson den Zuschlag für den Fernseh-Schneider. Nicht ahnend, dass es die Rolle seines Lebens werden würde. 21 Jahre lang: „Schnippel-die-schnappel-die-Scher‘ – Der Meister Nadelöhr!“
Eine Figur, mit der er ab dem 23. November 1955, immer wieder samstags, ganze Familien in den Bann des Fernsehens zieht, das damals bis auf Filme alles live senden muss, denn elektronische Möglichkeiten zur Aufzeichnung gibt es erst zehn Jahre später. Alles muss für die starren Kameras zentimetergenau geprobt werden. Dazu die Lieder, die ein in der Kulisse sitzender Gitarrist original begleitet.
Denn so flink dieser Nadelöhr das Spiel auf seiner Zauber-Elle auch imitierte – wirklich Gitarre spielen kann er nicht. Dafür kann er begnadet gut singen und so unglaublich sanft, verständnisvoll und augenzwinkernd mit den ihn umgebenden Figuren umgehen. Mit der Schnatter-Ente, dem Bummi, dem Amazonas-Papagei Feffi, als auch mit dem jegliche Erwärmung fürchtenden Schneemann Eimerhut oder Meister Briefmarke von der Schneckenpost nebenan.
Keiner merkt den Spielern die Strapazen der Live-Übertragungen an. In der Höllenhitze des von Scheinwerfern übervollen Fernsehstudios, in Schneiderrobe mit Weste drunter, Perücke auf dem Kopf, angeklebtem Spitzbart und perfekt gelerntem Text so quietschfidel diese Szenen erblühen zu lassen – Hut ab!
Hochzeitsfoto: Katharina Matz und Eckart Friedrichson
© Archiv Matthias Thalheim
Umzingelt von Ballett, Orchester und Kinderchor
Hinter Nadelöhrs Rücken duckt sich Friedgard Kurze, die Schnatterinchen auf seiner Schulter führt. Unter dem Tisch hockt Heinz Schröder, der seine Bummi-Handpuppe – ab 1962 den Pittiplatsch-Kobold – durch Nadelöhrs Ellbogenbeuge nach oben geschoben, möglichst lustig animiert. Zu allem Wahnsinn stehen auf dem Tisch zwei Vogelkäfige mit den lebenden Kanarienvögeln Zwirnchen und Röllchen. Manchmal pfeifen sie so durchgängig, dass man Nadelöhrs Dialog mit Meister Briefmarke kaum versteht.
Mit und gegen Kanaris Kinderfernsehen zu spielen – allein dafür wäre ein Nationalpreis fällig gewesen. Aber den bekommt Friedrichson nicht. Er hat ein freches Mundwerk, ist kein Mitglied der SED, sondern der LDPD.
Bald wird er mit der Hauptrolle eines 17-jährigen Volkssturmmanns betraut. Er spielt also einen dieser Kindersoldaten, die in Adolf Hitlers letztem Aufgebot sinnlos verheizt wurden. „Opfer“ ist der Titel jenes Fernsehspiels von Günter Görlich, das für den 7. Mai 1958, den Vorabend des „Tags der Befreiung“, gedacht ist. Am Nachmitttag findet die Generalprobe noch eine wohlwollende Abnahme – da kommt via stellvertretendem Intendanten von ganz oben das Verbot der Sendung.
Das Kriegsstück wirke zu verschreckend, zu pazifistisch. Wie soll man da Jungen für die NVA gewinnen? Unter Vorgabe einer „technischen Störung“ wird statt des Fernsehspiels ein Archivfilm ausgestrahlt. Die Darsteller und der Dramaturg Müncheberg sind empört. Diskussion zwecklos.
Bekannt wie ein bunter Hund
Meister Nadelöhr ist so gefragt, dass er im Dezember 1958 auf die 30-Meter-Bühne des Friedrichstadt-Palastes geholt wird. Nun muss sich „Ecke“ vor 3000 Zuschauern in einer Revue beweisen. In einer Handlung mit einem Braunbären und Zirkus-Elefanten zur Seite. Umzingelt von Ballett, Orchester und Kinderchor.
„Ecke“ ist einer, der unentwegt in allen Mundarten Witze erzählt. In den Raucherecken oder im Künstlerklub Möwe. Bekannt wie ein bunter Hund bei allen Pförtnern und Polizisten, die seinen Opel Rekord bestaunen. Ein Geschenk seiner Ehefrau, die am Hamburger Staatstheater die härtere Mark verdient. Ein Zeichen ihrer unverminderten Liebe, auch wenn inzwischen klar wird, dass eine Ehe zweier Schauspieler über solche Entfernung nicht aufrechtzuerhalten ist.
Grab von Eckart Friedrichson in Berlin-Karow
© Matthias Thalheim
Mit einer Sonder-Sichtkarte durchs Brandenburger Tor
Welchen Rang Meister Nadelöhr einnimmt, zeigt sich, als er 1959 nach Wien zu den VII. Weltfestspielen der Jugend und Studenten entsendet wird. Die gedrehten Filmrollen werden per Nachtzug nach Berlin ins Adlershofer Kopierwerk gebracht. Als die Ankunft des US-amerikanischen Sängers Paul Robeson auf dem Wiener Flughafen durchsickert, schafft es „Ecke“, im Kostüm des Biedermeier-Schneiders mit seinem Opel Rekord auf dem Rollfeld bis an die Gangway zu fahren, um dort eine Begrüßung zu drehen. Später gewinnt er den Weltstar sogar, den Abendgruß „Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein!“ in deutscher Sprache zu singen.
Ein Jahr darauf ist Nadelöhr Reporter einer Bulgarien-Reise und der gute Geist der Expedition, um dessen Wohl alle bangen, wenn sein Etui mit den Insulin-Spritzen liegen geblieben ist oder er weinselig bei einem Dorffest mit der schönsten Braut Bulgariens verlobt zu werden droht. Auch wenn ihm für den Nationalpreis die eherne Treue zur DDR fehlt, honoriert man seinen Einsatz. Verleiht ihm den „Silbernen und Goldenen Lorbeer“ des DFF.
Seine zweite Ehefrau wird die Tänzerin Isolde Pötzsch von der Komischen Oper. In Nadelöhrs Festtagssendungen tanzen Osterhasen und Schneemänner, choreografiert von Isolde, die auf Eckarts Tanztalent bei schwierigen Schrittfolgen zählen kann. Inzwischen ist Eckart vom Deutschen Theater ins Darstellerensemble des Deutschen Fernsehfunks gewechselt. Wenn er nach Babelsberg zur Defa muss, fährt er mit dem Auto quer durch West-Berlin, das heißt, direkt durchs Brandenburger Tor über die damals noch nicht abgeriegelte Grenze. Als Meister Nadelöhr hat er eine Sonder-Sichtkarte zum Passieren dieses Kontrollpunkts per Pkw.
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Ein teuflisch loses Mundwerk
Zum „Tag des Kindes“ 1964 erscheint eine Zehn-Pfennig-Briefmarke (damaliges Postkartenporto) mit „Nadelöhr“ samt Kanarienvogel, von Professor Klemke konterfeit, Auflage: sechs Millionen! Außerdem heiratet Eckart in diesem Jahr seine dritte Frau: Margitta, eine Krankenschwester. Als Peter Friedrichson, der jüngste Halbbruder, eine Schauspieler-Laufbahn antritt, hilft Eckart über Ulrich Thein. Unter dessen Regie debütiert Peter 1968 mit der Hauptrolle im Fernsehfilm „Mitten im kalten Winter“.
Eckes Frohsinn wird von den Kollegen geschätzt. Dafür nehmen sie auch seine Eskapaden hin. Er kann respektlos und unbotmäßig sein. Er hat ein teuflisch loses Mundwerk. 1966 fliegt er aus disziplinarischen Gründen aus seiner Festanstellung beim Fernsehfunk. Aber Nadelöhr geht weiter. Als Freischaffender auf Honorar. Dazu Gastspiele übers Land. Oft mit mehr als 40.000 Jahreskilometern auf dem Tacho seines Simca Aronde.
Halbbruder Jan erinnert sich an die Sorge um Eckart, als ihn in Wernigerode das Gerücht erreicht, Meister Nadelöhr habe sich das Leben genommen, weil er seinen Sohn überfahren habe. Jan eilt zu einem Telefon und ist erleichtert, Eckarts Stimme zu hören. Auch im Osten waren Prominente vor Gerüchte-Köchen nicht gefeit.
Besonderen Raum nehmen die Fernsehspiele ein, die alljährlich zu Heiligabend die Wartezeit bis zur Bescherung verkürzen. Solche aufwendigen Märchenland-Produktionen gibt es 17-mal – von 1959 bis 1975. Hier kommen Wiederholungen nicht in Betracht.
Friedrichson stirbt mit 46 Jahren am Montag, dem 7. Juni 1976, in Berlin. An Herzinfarkt infolge verkalkter Gefäße. Seine Ärzte haben immer gerätselt, wie Eckarts von Diabetes geschwächte Physis dieses ruhelose Dasein durchstehen ließ. Sein Leben folgte einem eigenen Maß. Nur war es viele Schneider-Ellen lang zu kurz.
Matthias Thalheim, Jahrgang 1957, Studium der Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität, Hörspieldramaturg beim Rundfunk der DDR, SachsenRadio, 1992–2020 bei MDR Kultur, seit 2024 Zeitzeugen-Guide im Funkhaus Nalepastraße.
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