Es muss kurz nach dem Interview gewesen sein, das Matthias Lilienthal der Berliner Zeitung zur Eröffnung seiner Intendanz gab. Darin behauptet er, noch nie einen Berliner getroffen zu haben, der meckert. Da klingelte das Telefon in der Volksbühne, und die Polizei war dran.
Wie der Intendant der Berliner Zeitung auf Anfrage mitteilt, habe sie ihn davon in Kenntnis gesetzt, dass mehrere Anwohner, darunter auch eine nahe gelegene Kita, Strafanzeigen angedroht hätten.
Die Beschwerden richteten sich gegen die Darstellung eines überlebensgroßen weiblichen Genitals auf dem Dach der Volksbühne. Dort war zum Eröffnungsspektakel am 1. Oktober ein aufgeblasener Frauentorso angebracht. Die Skulptur stammt aus Florentina Holzingers Inszenierung „A Year Without Summer“ und wurde für das Nacktputz-Happening der österreichischen Performerin dort oben installiert, wir berichteten.
Ein Bild, das sich seit 1866 versteckt
Die Darstellung geht auf ein berühmtes Gemälde von Courbet mit dem Titel „Der Ursprung der Welt“ zurück. Der malte es 1866 für den Diplomaten Khalil-Bey, der es in seinem Ankleidezimmer hinter einem grünen Vorhang verbarg und nur ausgewählten Gästen zeigte. Erst seit 1995 wird es im Musée d’Orsay dauerhaft ausgestellt und stößt auf Interesse und Kritik. Ein Facebook-User wurde 2011 gesperrt, nachdem er das Kunstwerk verbreitete, und vor gut zwei Jahren besprühten zwei Aktivistinnen im Centre Pompidou Metz, wo das Bild als Leihgabe hing, das Original hinter seiner Glasscheibe mit rotem „MeToo“.
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MehrRote Fahne als Kompromiss
Um die Strafanzeigen abzuwenden und Rücksicht auf die Gefühle der Leute zu signalisieren, entschied das Haus, den sich stadtwärts öffnenden Spalt zwischen den Beinen des Torsos tagsüber mit einem roten Tuch abzudecken und erst zur Show zu enthüllen.
Die Farbe Rot liefert nun gleich mehrere Interpretationsrichtungen, die etwa auf die kämpferische Geschichte des Rosa-Luxemburg-Platzes und auf das benachbarte Karl-Liebknecht-Haus der Berliner Linken abzielen könnten – oder aber auf Menstruationsblut-Tabus, was möglicherweise einen neuerlichen Polizeianruf zur Folge haben könnte.
Lilienthal sagt, dass ihn die Reaktion auf die Darstellung eines weiblichen Geschlechtsorgans im öffentlichen Raum, einer Darstellung, die ihm im Übrigen eher abstrakt und nicht besonders realistisch erscheine, überrascht habe.
Das wäre schon die zweite Überraschung nach dem rechten Shitstorm zu dem Schwimmnachmittag im Volksbad nur für Schwarze. Seinen Eindruck von den Berlinern will Lilienthal – auch nach den kräftig durchwachsenen Kritiken der Eröffnung – gegenüber der Berliner Zeitung nicht korrigieren. Die Stadt empfange ihn liebevoll, man sehe es auch daran, dass bis Mitte November so gut wie alles ausverkauft ist.
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