Zwei Tage vor dem Spiel hatte Mauro Lustrinelli noch ein Lächeln auf den Lippen. Auf der Pressekonferenz vor der schwierigen Auswärtspartie beim FC Bayern wurde der Trainer des 1. FC Union Berlin auf die Probleme seiner Mannschaft angesprochen, die an den ersten drei Spieltagen offenbar auch mit der eigenen Systematik gefremdelt hatte. Der Schweizer hatte die Metapher eines kleinen Kindes benutzt, das die ersten Male auf dem Fahrrad sitzt, dabei immer wieder stürzt und sich blutige Knie abholt. Was Lustrinelli sagen wollte: Union braucht Zeit.
Weit mehr als ein Betriebsunfall
Am späten Freitagabend lächelte Lustrinelli nicht mehr. Mit 0:7 (0:3) war seine Mannschaft gerade in der Allianz Arena in ihre Einzelteile zerlegt worden, hatte nach wehrhaftem Beginn spätestens in den letzten 20 Minuten das Verteidigen komplett eingestellt. Die höchste Bundesliga-Niederlage des Klubs war weit mehr als ein Betriebsunfall und – um in der Bildsprache zu bleiben – weit mehr als ein Kratzer oder eine Schürfwunde. Union war nicht gestürzt, sondern mit Volldampf in den Gegenverkehr gefahren. Ohne Helm und Knieschützer.
Union Berlin im freien Fall: Für Mauro Lustrinelli wird die Zeit knapp
Nach vier Spieltagen hat die Lustrinelli-Elf 17 Gegentore kassiert. Der Tiefstwert, den bislang der FC Schalke 04 in diesem Zeitraum mit 16 Gegentoren aus der Saison 2020/21 gehalten hatte, wird damit noch unterboten.
In München bahnte sich eine derart heftige Schlappe zumindest in der ersten Viertelstunde nicht an. Die Berliner verteidigten tief, mit Ausnahme der einzigen Spitze Emmanuel Latte Lath standen die neun Feldspieler dicht vor dem eigenen Tor. Es brauchte für die Bayern einen maximal präzisen Abschluss aus der Distanz, um den Union-Riegel zu brechen. Jamal Musiala fasste sich aus halblinker Position ein Herz und zimmerte den Ball unhaltbar für Frederik Rönnow rechts ins Eck (18.).
Frederik Rönnow (l.) ist gerade von Bayern-Torjäger Harry Kane bezwungen worden.
© IMAGO/Philippe Ruiz
Auch danach taten sich die Gastgeber einen Tag vor Beginn des Münchner Oktoberfests schwer, auch, wenn Rönnow nun deutlich mehr unter Beschuss stand. Drei Chancen konnte der Däne noch vereiteln, dann besorgten Harry Kane mit einem verwandelten Foulelfmeter (39.) und Michael Olise (43.) die 3:0-Halbzeitführung des Rekordmeisters. Das Spiel war für Union verloren, aber der klare Auftrag stand, sich in der zweiten Halbzeit zumindest noch achtbar aus der Affäre zu ziehen.
Das Union-Zeugnis: Historische Niederlage, historische Noten!
„Ich könnte jetzt eine lange Analyse machen, aber am Ende haben sie auch gegen gefestigte Mannschaften wie Stuttgart oder Bodø/Glimt in der Champions League fünf Hütten geschossen. Und wir sind nicht gefestigt, das muss man so ehrlich sagen“, suchte Christopher Trimmel hinterher nach Erklärungen. Der Kapitän, der aufgrund des Ausfalls von Josip Juranovic erstmals in dieser Saison in der Startelf stand, verwies auf weitere hohe Siege der Bayern, wohlwissend, dass Union auch in den Spielen gegen Frankfurt (3:3), in Leverkusen (0:4) und gegen Schalke (1:3) in der Defensive immer wieder in ungewohnte Verlegenheiten gestürzt war.
So war es in München auch. Kane (54.), der eingewechselte Ismael Saibari (70.) und Olise (73., 76.) legten bis zum Abpfiff vier weitere Treffer nach und besiegelten einen aus Union-Sicht historisch negativen Abend. Die bislang höchste Niederlage in der Bundesliga hatte es für die Eisernen bislang im Februar 2025 gesetzt. Da war Union noch unter Lustrinellis Vorgänger Steffen Baumgart beim 0:6 in Dortmund chancenlos.
Der Preis, den Union gerade zahlt, ist zu hoch
Es stellt sich zwangsläufig die Frage, ob Mauro Lustrinelli der richtige Trainer für diese Mannschaft ist. Ganz offensichtlich hat der frühere Meistertrainer des FC Thun noch nicht die passenden Werkzeuge gefunden, um den Profis seine Spielidee zu vermitteln. Na klar, eine Umstellung in der grundsätzlichen Herangehensweise auf dem Platz braucht eine gewisse Zeit. Den Preis, den der Verein dafür gerade zahlt, ist allerdings deutlich zu hoch.
Bis zum nächsten Bundesliga-Spiel gegen Aufsteiger SV Elversberg (10. Oktober, 15.30 Uhr) hat Union aufgrund der langen Länderspielpause eine ganze Menge Zeit. Ein Sieg gegen die so furios gestarteten Saarländer ist Pflicht, sonst dürften die Zweifel am neuen Trainer schon früh in der Saison ins Unermessliche steigen. Die Hoffnung ruht zumindest darauf, dass Zielstürmer Andrej Ilic bis dahin wieder richtig fit und einsatzfähig ist. In der Frühphase der Saison war sein Ausfall in der Offensive nicht zu kompensieren. Die Hauptprobleme, das wurde in München offensichtlich, liegen aktuell aber trotzdem woanders.
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