Alltagsheldin

Vom jüdischen Zigarrenfabrikanten zum Theaterstück: Die Geschichte ihres Großvaters in Döbeln

Die Holländerin Hella Rottenberg hat das Leben ihres Großvaters recherchiert und gestaunt, wie er den Nazis die Stirn bot. Aus ihrem Buch darüber wurde nun auch ein Theaterstück in Sachsen.

Claudia Lord
Claudia Lord
8 Min
Hella Rottenberg recherchierte die Lebensgeschichte ihres Großvaters in Deutschland und schrieb darüber ein Buch.

Hella Rottenberg recherchierte die Lebensgeschichte ihres Großvaters in Deutschland und schrieb darüber ein Buch.

© Claudia Lord/Ostdeutsche Allgemeine

Solche Zufälle gibt es nicht oft, dass man über das Leben eines nahen Familienangehörigen so wenig weiß. Aber wenn sich die Seiten der Geschichte entblättern, dann reicht der Stoff für ein Buch und sogar ein Theaterstück, wie es diesen Sommer in Döbeln/Sachsen uraufgeführt wurde.

So erging es Hella Rottenberg aus Amsterdam. Die 71-Jährige stieß 2014 durch den besagten Zufall auf eine Anzeige in einer jüdischen Wochenzeitung in Holland. „Darin wurden Nachfahren gesucht, die Ansprüche auf jüdischen Besitz in der DDR hatten“, erinnert sie sich im Gespräch mit dieser Zeitung. „Der Fonds war nur noch einen Monat offen, dann wären alle Ansprüche erloschen“, ergänzt sie.

„Meine Mutter hatte mir erzählt, dass Opa eine Fabrik in Deutschland hatte. Aber wo, wann und was er da produzierte, war uns nicht bekannt“, erzählt die pensionierte Journalistin in bestem Deutsch. Doch die Neugier war geweckt, nun endlich hinter Opas Geschichte zu steigen. Denn sie lebte als Kind mit ihm fast 15 Jahre Tür an Tür. „Doch über den Krieg und die Zeit davor erzählte er nichts. Er verlor fast seine ganze Familie. Auch mein Vater und seine Geschwister hatten mir und meinen Geschwistern nichts erzählt – alle haben geschwiegen“, erzählt Rottenberg.

Opa, der Zigarren-Pionier

Also begannen Hella und ihre Cousine Sandra eine akribische Reise in die Vergangenheit ihrer Familie und die sächsische Geschichte, die sogar zu Verbindungen bis ins niederländische Königshaus führte. Sie recherchierten in Bundes- und Stadtarchiven, trafen Zeitzeugen in Sachsen und junge Menschen, denen die Vergangenheit ebenfalls nicht egal war. Hella und Sandra waren fasziniert von der Fülle an Material, das sie dort fanden. Opas Fabrik stand in Döbeln und war damals die einzige automatisierte Zigarrenfabrik Deutschlands.

Isay Rottenberg war ein polnischer Jude und lebte bis 1918 in Berlin. Dann zog er nach Amsterdam. In Döbeln eröffneten 1930 die Krenter-Werke, benannt nach ihrem Gründer Salomon Krenter – dem Vorgänger Rottenbergs in der Zigarrenfabrik.

Döbeln war damals schon über ein halbes Jahrhundert „Tabak-Stadt“. 1846 wurde hier die erste Zigarrenfirma gegründet. 25 Jahre später sind es schon elf Fabriken, die 50 Millionen Zigarren jährlich produzieren. Kurz vor der Jahrhundertwende waren es gar 32 Werke, die dann durch den Ersten Weltkrieg und die sich anschließende Wirtschaftskrise wieder auf zehn Werke im Jahre 1929 schrumpften.

Hollands König Willem-Alexander mit seiner Frau Maxima und Tochter Alexia bei der Formel 1 in Zandvoort. Seine Wurzeln reichen bis nach Sachsen.

Hollands König Willem-Alexander mit seiner Frau Maxima und Tochter Alexia bei der Formel 1 in Zandvoort. Seine Wurzeln reichen bis nach Sachsen.

© IMAGO

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Holländisches Königshaus mit Verwandtschaft in Sachsen

Die Döbelner Heimatfreunde, die die Rottenberg-Cousinen auf ihren Recherchen trafen, konnten stolz von einer Verbindung der Stadt ins niederländische Königshaus berichten: Georg Freiherr von dem Bussche-Haddenhausen war Offizier im Infanterieregiment, das in Döbeln stationiert war. Er wohnte einst in der Döbelner Bahnhofstraße 22. Hier kam 1902 auch seine Tochter Gösta zur Welt – die Großmutter väterlicherseits des heutigen holländischen Königs Willem-Alexander.

Eine nette Episode, die Hella und ihre Familie willkommener machen sollte in einem Deutschland, das sie als Kind noch als „Feind“ wahrnahm.

Als Salomon Krenter im Oktober 1930 sein modernes Werk eröffnete, hatte er Ambitionen, es zur „größten Zigarrenfabrik Europas“ zu machen. So steht es zumindest in den Zeitungsarchiven, die sie durchforsteten. Zigarrenherstellung war bis dahin reine Handarbeit und brachte vor allem vielen Frauen zumindest einen kleinen Lohn ein. Krenters offizieller Werbefeldzug für die Marke Indianer stieß Anfang der 30er-Jahre auch auf Widerstand.

Krenter hatte sich für Döbeln als Standort für seine Fabrik entschieden, nachdem ihm die Stadtverwaltung Steuervergünstigungen und die Verfügbarkeit von genügend Arbeitskräften versprochen hatte. Die Gewerkschaft stimmte damals sogar Dumpinglöhnen unter Tarif zu, damit Arbeitsplätze in der sächsischen Stadt geschaffen wurden. Die Sonderbehandlung brachte nicht nur die Konkurrenz, sondern auch den Döbelner Stadtrat damals auf.

In einer Ausgabe des NS-Blattes „Der Freiheitskampf“ fanden Rottenbergs Nachfahren ein Foto eines Schaufensters in einem Dresdner Tabakgeschäft. Es ist als Protest gegen Krenters neue Wickeltechnik dekoriert und zeigt den Slogan: „Deutsche Handarbeit bringt Brot, amerikanische Maschinenarbeit mehr Not.“ Darunter sieht man die Zeichnung eines Trappers, der mit einem Gewehr auf Indianer schießt.

Doch Krenter ließ sich nicht beirren, kaufte weitere Zigarrenwickelmaschinen in den USA, die jedoch nicht nach zehn Wochen eintrafen, sondern erst nach fünf Monaten. Das dauerte zu lange – im August 1932 musste seine Firma Insolvenz anmelden.

So wurde vor knapp 100 Jahren im Döbelner Zigarren-Werk der Tabak gedreht.

So wurde vor knapp 100 Jahren im Döbelner Zigarren-Werk der Tabak gedreht.

© Stadtarchiv Döbeln

Die Vorgeschichte ist wichtig, um zu verstehen, warum Hellas und Sandras Großvater mehr Erfolg mit der ersten automatisierten Zigarrenfabrik Deutschlands hatte, als er sie 1932 übernahm. Während er nach Sachsen zog, „blieben seine Frau und die drei Kinder in Holland“, erzählt seine Enkelin Hella.

Er benannte die Fabrik in „Deutsche Zigarrenwerke“ um und verkaufte die Zigarren fortan als Zigarillos. Er war eher der tüftelnde, in die Produktion involvierte Firmenchef, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der den Erfolg über das Marketing suchte.

Hitlers Maschinenverbot für die Tabakindustrie

Der Unternehmer Rottenberg sollte knapp drei Jahre unter den Nazis Geschäfte machen dürfen, bis er im August 1935 verhaftet und enteignet wurde. Denn als am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, begann die Jagd auf Juden. Es begann mit einem lokalen Boykott jüdischer Geschäfte und des Zigarrenwerkes durch die Döbelner Verwaltung und kulminierte vorerst in einem von Hitler persönlich erlassenen Maschinenverbot ausgerechnet für die Zigarrenindustrie.

Isay Rottenberg schickte nach dem erlassenen Maschinenverbot sofort einen Brief an Kurt Schmitt, den damaligen Wirtschaftsminister in Berlin, an Minister in Dresden, die Industrie- und Handelskammer sowie die NSDAP-Kreisleitung in Döbeln und machte eine einfache Rechnung auf: Wenn das Gesetz zur Anwendung käme, dann müsste er 650 Mitarbeiter entlassen, die in der Folge Sozialhilfe bei der Stadt beantragen würden. Die Deutschen Zigarrenwerke waren damals der zweitgrößte Arbeitgeber der Stadt. Er bat nicht um Vergünstigungen, sondern nur darum, weiterarbeiten zu dürfen. All die Recherchen zum Widerstand ihres Großvaters gegen die Nazis schrieben seine Enkelinnen in ihrem Buch „Isay Rottenbergs Zigarrenfabrik“ auf.

Es funktionierte, die Döbelner Stadtverwaltung bat in Berlin um einen Fortbestand der Fabrik. Auch die Behörden in Dresden gaben mit einer eiligst eingeführten Tabak-Quote, die zu produzieren sei, der Fabrik eine Chance. Döbelns damaliger Bürgermeister Herbert Denecke, NSDAP-Mitglied, schrieb Isay Rottenberg einen bemerkenswerten Brief, der seine Nachfahren lange beschäftigte.

Hella (l.) und ihre Cousine Sandra Rottenberg besuchten diesen Sommer erneut Döbeln, schossen ein Erinnerungsfoto vor dem Rathaus.

Hella (l.) und ihre Cousine Sandra Rottenberg besuchten diesen Sommer erneut Döbeln, schossen ein Erinnerungsfoto vor dem Rathaus.

© privat

NSDAP-Bürgermeister kämpft für jüdische Fabrik

Denecke schreibt an Rottenberg: „Wir nahmen mit Bedauern davon Kenntnis, dass teilweise aus recht durchsichtigen Gründen von gewissen nicht unbeteiligten Kreisen ein Kampf gegen Sie mit nicht zu billigenden Mitteln in Szene gesetzt wird in der offenbaren Absicht, das Werk zu zerschlagen. Soweit uns Fälle bekannt werden, wo in unverantwortlicher Weise gegen Sie gehetzt wird, werden wir dafür Sorge tragen, dass diesen Leuten das Handwerk gelegt wird.“

„Das war für uns erstaunlich, dass die NS-Behörden es so wichtig fanden, einen jüdischen Unternehmer gegen die Konkurrenten zu verteidigen, um die Arbeiter in Lohn und Brot zu behalten. Und umgekehrt, dass unser Großvater auch nach der Nazi-Machtübernahme geblieben ist, um seine Fabrik weiterzuführen“, sagt Hella Rottenberg.

Hella fragte sich lange, ob ihr Opa wirklich der Halbgott war, den er für sie als Kind dargestellt hatte. Auf ihre Fragen damals bekam sie keine Antworten, Opa schwieg, und die jüdische Familie sah Deutschland noch lange nach dem Holocaust als Feind. „Denn Opa konnte zwar 1935 aus Deutschland nach Amsterdam fliehen und dann 1942 weiter in die Schweiz. Aber große Teile seiner Familie wurden ausgelöscht.“ Er  nahm seine Geschichte mit ins Grab, als er 1971 in Amsterdam starb.

Aus dem Buch wurde nun auch ein Theaterstück, das ein Flyer diesen Sommer bewarb.

Aus dem Buch wurde nun auch ein Theaterstück, das ein Flyer diesen Sommer bewarb.

© Claudia Lord/Ostdeutsche Allgemeine

Jetzt erzählt ein Theaterstück davon

Doch seine Enkelin findet es wichtig, sie zu erzählen. Sie sagt es, während sie in diesem Sommer auf einer Bank in der Sächsischen Schweiz sitzt, wo sie gerade Urlaub macht. Zuvor kam sie aus Döbeln, wo sie mit dem dortigen Lessing-Gymnasium sogar ein Schulprojekt über die Geschichte ihres Großvaters angeschoben hat. „Alle Schüler haben das Buch über meinen Großvater gelesen, das gibt es jetzt auch in Deutsch.“

Mithilfe des Döbelner Vereins Treibhaus e.V. wurden Fördermittel für eine Theaterproduktion eingeworben, die die Gymnasiasten vorbereiteten. Hella und Sandra Rottenberg bekamen eine kleine Rolle darin, als es diesen Sommer uraufgeführt wurde. Es soll auch in Amsterdam gastieren.

Hella Rottenbergs Fazit: „Ich bin in Döbeln sehr freundlich empfangen worden. Die Reisen nach Deutschland haben mich versöhnt. Meine Eltern konnten nie nach Deutschland reisen, für mich hatte Deutschland lange etwas Ängstliches. Aber die Leute hier waren so interessiert an der Geschichte der Zigarrenwerke, sie ist ein Teil der Stadtgeschichte geworden.“

Das alte Fabrikgebäude in Döbeln steht noch heute und produzierte bis in die 80er-Jahre Zigarren, „danach war es eine Süßwarenfabrik“, erzählt Hella. Es gehört heute wieder einem Zigarrenhersteller, der Firma Dannemann aus Nordrhein-Westfalen. Die Geschichte des Gebäudes und damit ihrer eigenen Familie steht wie ein Mahnmal in Döbeln. Ihr Buch wird bleiben, auch wenn die Fabrik abgerissen werden sollte. 

Ein kleines Detail fasziniert Hella Rottenberg bei all dem Kampf ihres Großvaters für seine Zigarrenfabrik auch heute: „Er hat nie selbst Zigarren geraucht.“

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