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Zwischen Holodomor, Gulag und DDR: das wichtige Werk von Autor Andreas Großmann

Der Schriftsteller bereichert mit seinen Büchern die Literatur über deutsche Emigranten in der Sowjetunion und ihr späteres Leben in Ostdeutschland.

Thomas Naumann
Thomas Naumann
6 Min
Jahr für Jahr gedenken die Menschen den Opfern des Holomodor, zu denen auch die Eltern von Andreas Großmann zählen.

Jahr für Jahr gedenken die Menschen den Opfern des Holomodor, zu denen auch die Eltern von Andreas Großmann zählen.

© Danylo Antoniuk/Imago

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Andreas Großmann, 1929 in der Ukraine geboren und 2025 in Berlin verstorben, fügt mit seinen Büchern „Anton“ und „Drei Koffer“ den Erinnerungen an das deutsche Exil in der Sowjetunion und an das Leben in der DDR ein ungewöhnliches Zeugnis hinzu.

Sein Leben beginnt dramatisch: Im Alter von drei Jahren verliert er in der vom Sowjetsystem verursachten Hungersnot – dem Holodomor – seine Eltern. Er wird zu einem der zehntausenden „Besprisornije“, heimatlosen, obdachlosen und verwahrlosten Straßen­kindern, die auf den Landstraßen und Eisenbahnwaggons durch das Land irrten. Schutzlos, hungrig und entwurzelt gerät er nach Moskau, wo er bettelnd das Mitleid einer deutschen Emigrantin erweckt. Sie und ihr Mann nehmen ihn auf und geben ihm ein Zuhause.

Antons neue Mutter stammte aus einem wohl­habenden deutschen Elternhaus. In den Zwanzigerjahren trat sie der KPD bei, lernte Russisch und wurde als Reporterin einer linken Zeitung nach Moskau geschickt, wo sie nach Hitlers Machtergreifung blieb. Ihr Mann war der Sohn eines deutschen Juden mit russischer Staatsbürgerschaft, der als Prawda-Korrespondent in Deutschland arbeitete. Er wurde in Leipzig geboren, arbeitete wie sein Vater als Journalist, ging 1927 nach Moskau und lernte dort seine zukünftige Frau kennen.

Trotz Stalins beginnendem Terror führt Anton das normale Leben eines Moskauer Jungen. Großmann beschreibt präzise und mit fast journalistischer Distanz die unterschiedlichen Wirkungen des allgegen­wärtigen Terrors auf seine Eltern: „Russland verformte die Menschen, die einen konkav, die anderen konvex. Anton betrachtete sein Abbild … um festzustellen, in welche Richtung er verbogen war.“

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„Anton – In der Ukraine geboren, in Russland aufgewachsen, in Ostdeutschland gelebt“
Henrik Bäßler-Verlag

„Anton – In der Ukraine geboren, in Russland aufgewachsen, in Ostdeutschland gelebt“

Erschienen im Jahr 2022 im Henrik Bäßler-Verlag, 18 Euro. Der Roman erzählt von der Zerrissenheit eines Emigranten zwischen zwei Systemen und gibt zugleich Einblick in das wissenschaftliche Leben der DDR von den Fünfziger- bis in die Achtzigerjahre.

Subtile Schilderung

Subtil schildert Großmann, wie besonders Antons Mutter versucht, mit der für viele Kommunisten typischen Festigkeit am Glauben an die „große Sache“ festzuhalten, den Terror zu verdrängen und zu entschuldigen. In dieser Mischung von naivem Fortschritts­glauben und diffuser Angst lebten auch mein Vater Friedrich Wolf und meine Halbbrüder Markus und Konrad in dieser Zeit des Terrors als Emigranten in Moskau und blieben bis zu ihrem Tode fest im Glauben.

Doch mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion ändert die Moskauer Kindheit: Die junge Familie wird evakuiert und muss Moskau verlassen. Anton wird in ein Kinderheim in den Nordural geschickt, die Eltern in entgegengesetzter Richtung in den Nordkaukasus. Erst nach einem Jahr bringt ihn ein Freund zu seinen Eltern. Es folgt eine dreijährige Flucht bis in den Süden Kasachstans, geprägt von Angst, Hunger und Not.

Drei Koffer – das Schicksal einer deutschen Emigranten-Familie in Stalins Reich
Henrik Bäßler-Verlag

Drei Koffer – das Schicksal einer deutschen Emigranten-Familie in Stalins Reich

Erschienen im Jahr 2025 im Henrik Bäßler-Verlag, 18 Euro. Andreas Großmann schildert in diesem Buch, wie er als Kind im Holodomor seine Eltern verliert und in Moskau von deutschen Emigranten aufgenommen wird. Doch mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 endet für ihn und seine Adoptiv-Eltern diese kurze Phase der Sicherheit.

Nach dem Krieg hoffen alle auf Wiederaufbau und Frieden. Doch Stalin beginnt seine antisemitischen Exzesse. Der Vater wird 1948 grundlos verhaftet und zu fünf Jahren Verbannung nach Magadan in die Eiswüste Kamtschatkas verurteilt. Genau und eindrucksvoll schildert der Autor seine vom Krieg und Stalins Terror geprägte Kindheit und das Leben seiner Eltern.

Nach dem Krieg studiert er an der Lomonossow-Universität in Moskau Chemie. In „Anton“ beschreibt er seinen zweiten Lebensabschnitt. 1955 übersiedelt er mit seinen Eltern nach Ostberlin. Über die aus der Sowjetunion in die DDR zurückgekehrten Emigranten schreibt er: „Seelisch verschrumpelt lebten sie in der ständigen Angst, die kleinen Vorteile von Emigranten aberkannt zu bekommen. Das Damoklesschwert der sowjetischen Vergangenheit schwang über ihnen.“

Promotion an der Humboldt-Universität

Anfangs arbeitet Großmann am Institut für anorganische Chemie der Akademie der Wissenschaften der DDR und nach seiner Promotion an der Humboldt-Universität bis zur Wende am Zentralinstitut für physikalische Chemie in Berlin-Adlershof. Doch Deutschland und die Deutschen werden ihm nie zur Heimat. Immer wieder quälen ihn die Ängste seiner Kindheit als Waise des Holodomor und seiner Jugend als Opfer von Stalins Terror und Hitlers Krieg.

Köstlich beschreibt Großmann, wie er am Tag des Mauerbaus überraschend und gegen seinen Willen Mitglied der SED und am selben Tage auch Mitglied ihrer Kampfgruppen wird und die neue Staatsgrenze schützen muss. Immer wieder stellt er ernste Fragen. Haben sich das deutsche und das russische Volk gleichermaßen schuldig gemacht, weil sie eine Tyrannei nicht nur ertragen, sondern auch getragen haben? Ist die durch kein Verbrechen ihrer Partei getrübte Festigkeit vieler Kommu­nisten in ihrem Glauben heroisches Märtyrertum oder dogmatische Unterwerfung unter die „Große Sache“?

In den letzten Jahren veröffentlichten die Kinder deutscher Emigranten mehrere Bücher über das Leben in der Sowjetunion in den Zeiten des Terrors und des Krieges. Eugen Ruge schrieb „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ und „Metropol“, Sergei Lochthofen „Schwarzes Eis“ und „Grau“. Loretta Walz und Annette Leo dokumentierten 2011 in ihrem Dokumentarfilm „Im Schatten des Gulag“ das Schicksal von acht Kindern deutscher Exilanten und Bernd Böhlich 2019 in seinem Film „Und der Zukunft zugewandt“ das Schweigen deutscher Kommunistinnen nach ihrer Rückkehr aus Stalins Gulag in die frühe DDR. Und doch bereichert Großmann die Literatur über deutsche Emigranten in der Sowjetunion und ihr späteres Leben in der DDR um ein wichtiges und gut lesbares Werk.

Thomas Naumann ist Physiker und lehrte Teilchenphysik an der Universität Leipzig. Er schrieb auch über Einsteins Dialog mit Gott, das Multiversum und Brecht und die Bibel. Sein Vater Friedrich Wolf und dessen Söhne Markus und Konrad lebten wie der Buchautor im Moskauer Exil.

„Anton“ und „Drei Koffer“, erschienen im Henrik Bäßler-Verlag, Berlin, in den Jahren 2022 und 2025, jeweils 18 Euro

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