Halbleiterindustrie

Vom Magnetbandfertiger Orwo zum Weltmarktführer: Die Erfolgsgeschichte von Allresist

Der Strausberger Mikroelektronikausrüster Allresist hat es mit seiner grünen Prozesschemie zum Marktführer gebracht. Die Nachfrage steigt, das Unternehmen wächst im Stillen, aber mit großer Beharrlichkeit.

8 Min
Der Strausberger Mikroelektronikausrüster Allresist bleibt in Familienhand. Anfang 2027 geht das Unternehmen über die Gründer Brigitte und Matthias Schirmer an ihre Tochter Ulrike.

Der Strausberger Mikroelektronikausrüster Allresist bleibt in Familienhand. Anfang 2027 geht das Unternehmen über die Gründer Brigitte und Matthias Schirmer an ihre Tochter Ulrike.

© Andreas Prinz für Prinzmedia

Es ist ein spätsommerlicher Nachmittag in Strausberg, einer Kleinstadt östlich von Berlin. Der Tag schlägt eine Brücke zwischen zwei Welten, die auf den ersten Blick kaum zueinanderpassen wollen. Auf der einen Seite: Hightech-Industrie, globale Lieferketten und molekulare Präzision im Nanometerbereich. Auf der anderen Seite: die vertrauten Klänge von Silly, City und Engerling sowie der Duft von Thüringer Bratwurst aus dem Burgenlandkreis. Es ist eine Atmosphäre, die eher an ein herzliches Laubenpieperfest erinnert als an das Richtfest eines global agierenden Hightech-Unternehmens.

Der Strausberger Mikroelektronikausrüster feiert sein Richtfest für die neuen Hallen zünftig mit Bratwurst und Grillkäse.

Der Strausberger Mikroelektronikausrüster feiert sein Richtfest für die neuen Hallen zünftig mit Bratwurst und Grillkäse.

© Andreas Prinz für Prinzmedia

Doch genau dieser Kontrast erzählt die ganze Geschichte eines wunderbaren Beispiels für die Vergeblichkeit westdeutschen Hochmuts, vorsätzlich verschenkte Chancen nach der Wende sowie ostdeutschen Anstand, Kreativität, Demut und Dankbarkeit. Hier, im Schatten der großen Berliner Metropole, schließt sich nach 34 Jahren Unternehmertum ein Kreis. Es ist die Geschichte der Familie Schirmer und ihres Betriebes – im Westen würde man sie ohne Zögern als familiengeführten Hidden Champion bezeichnen.

Während die deutsche Wirtschaft flächendeckend den wachsenden Konkurrenzdruck aus dem Fernen Osten und hohe Energiepreise bejammert, brummt hier der Laden. Die Erweiterungsbauten werden fristgerecht und im Kostenrahmen fertiggestellt, die nächste Generation steht bereit zur Übergabe. Und ein fast vergessenes Stück DDR-Know-how wurde nicht nur gerettet, sondern erfolgreich im Weltmarkt verankert.

Die Wurzeln dieses Erfolgs reichen tief in die Wirtschaftsgeschichte der DDR zurück. Die Gründer des Unternehmens waren das, was man heute im modernen Management-Deutsch als „High Potentials“ bezeichnet. Im Umfeld der Hightech-Chemie des Ostens arbeiteten sie damals bei Orwo, einem fotochemischen Betrieb in Berlin-Köpenick, als die Wende kam.

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Ihre Aufgabe war von strategischer Bedeutung für den gesamten Ostblock (RGW): die Bereitstellung der notwendigen Spezialchemikalien für die heimische Mikroelektronik. Wer glaubt, diese Technologie sei mit dem Mauerfall veraltet, irrt fundamental. Die damaligen physikalischen und chemischen Anforderungen haben sich im Wesentlichen bis heute nicht verändert – zumindest, solange wir auf der Basis von Siliziumchips und Boole’scher Algebra rechnen.

Auch moderne KI-Chips und hochentwickelte Rechnerarchitekturen ändern daran nichts; sie besitzen lediglich eine höhere Packungsdichte, folgen jedoch in ihrer Grundarchitektur der klassischen, 1944 entwickelten Von-Neumann-Architektur.

Unter den Gästen war auch die amtierende Strausberger Bürgermeisterin Carolin Langner (M.), die dem Unternehmerehepaar für ihren Mut und ihren Fleiß dankte, der der Stadt seit Jahren verlässliche Gewerbesteuereinnahmen sichert.

Unter den Gästen war auch die amtierende Strausberger Bürgermeisterin Carolin Langner (M.), die dem Unternehmerehepaar für ihren Mut und ihren Fleiß dankte, der der Stadt seit Jahren verlässliche Gewerbesteuereinnahmen sichert.

© Andreas Prinz für Prinzmedia

Heute bedient das Unternehmen weltweit rund 500 Kunden mit mehr als 200 Produkten. Die Kundenliste liest sich wie das
Who’s who der globalen Hightech-Welt, darunter auch zahlreiche namhafte Forschungseinrichtungen. Praktisch in jedem Smartphone weltweit tauchen die Moleküle aus Strausberg im Verlauf der Fertigung auf. Es handelt sich um hochspezialisierte Fixierungsmoleküle für mikroelektronische Chips. In der modernen Fertigung wird nicht mehr klassisch gelötet; Chips werden mit Molekülen in speziellen Lacken fixiert.

Das Schweigen der klugen Köpfe

Man hätte aus dieser Erfolgsstory bereits unmittelbar nach der Wende eine viel größere Geschichte machen können. Doch wie viele kluge Ostdeutsche blieben auch die Schirmers leise und vorsichtig, demütig vor den Herausforderungen der sozialen Marktwirtschaft. In den wilden Nachwendejahren drohten unterstellte politische Kontaminationen, das immense technologische Potenzial im Keim zu ersticken – ein weiteres Beispiel dafür, dass manche Historiker und Ideologen endlich ins Museum, aber definitiv nicht in die gestaltende Politik gehören.

Das Misstrauen der neuen Elite gegenüber den klugen Köpfen aus dem Osten war groß. Das Unternehmen wurde in der Anfangszeit sogar von der Fraunhofer-Gesellschaft herabgesetzt – „zu ostdeutsch, zu klein, zu unsicher“ lautete das damalige schnell gefasste Urteil. Doch diese Herablassung wirkte wie ein Katalysator. Sie motivierte die beiden Gründer erst recht, sich und der Welt zu beweisen, was in ihnen steckt.

Wer wollte, konnte sich die neuen Hallen anschauen. Sie kommen ganz ohne Dachstuhl aus und ihr Energiebedarf wird aus nachhaltigen Quellen gedeckt.

Wer wollte, konnte sich die neuen Hallen anschauen. Sie kommen ganz ohne Dachstuhl aus und ihr Energiebedarf wird aus nachhaltigen Quellen gedeckt.

© Andreas Prinz für Prinzmedia

Anstand statt Skalierung um jeden Preis

Der Erfolg gab ihnen recht, wie die zahlreichen Industriepreise der vergangenen Jahrzehnte belegen. Das bemerkenswerteste Merkmal der Schirmers ist jedoch ihre Wirtschaftsphilosophie. Sie haben ihr Unternehmen nie radikal skaliert, weil sie im Herzen Linke geblieben sind, die den Anstand und die Humanität stets über die reine Profitabilität gestellt haben. Mit einem Jahresumsatz von rund fünf Millionen Euro agieren sie vollkommen unabhängig von Bankkrediten.

Die neue Logistikhalle hat ein Investitionsvolumen von etwas mehr als zwei Millionen Euro. Hinzu kommen Modernisierungsarbeiten im Bestandsgebäude von etwa 800.000 Euro. Insgesamt also ein Investment von knapp drei Millionen Euro, die das Unternehmen komplett ohne Fremdkredite stemmt. „Das unterstreicht unsere ausgezeichnete wirtschaftliche Situation“, so die Geschäftsführerin Brigitte Schirmer.

In einer rein westdeutsch geprägten Struktur würde ein solches Unternehmen vermutlich 500 Millionen Euro Umsatz machen, in den USA durch Risikokapital auf eine Milliarde Dollar aufgebläht sein. Doch die Schirmers wählen den soliden, eigenen Weg – und das bei einer Exportquote von 70 Prozent.

Das bedeutet, sie verdienen echte Steuern und erwirtschaften realen Wohlstand: nicht nur für die eigene Familie, sondern ganz direkt für ihre Gemeinde. Ihr Ziel war nie die Gewinnmaximierung, es waren faire Gehälter für die Beschäftigten und ein echter sozialer Ausgleich. Große Teile des Ertrages fließen als Spenden an Menschen in Not, darunter lokale Projekte wie „Kinder in Not“ in Strausberg, aber auch an globale Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“.

Wie extrem die technologischen Anforderungen sind, macht ein Blick auf den Baupartner deutlich. Das neue Gebäude wurde vom Industriebauriesen Goldbeck errichtet. Dessen Niederlassungsleiter für Berlin-Brandenburg war sichtlich stolz, in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Elon Musks Tesla-Gigafactory in Grünheide auch für Kunden wie die Schirmers bauen zu dürfen. Bei diesem Projekt galt es, Toleranzen von 3,6 Nanometern als selbstverständlich einzuhalten. Der Bauleiter scherzte bei seiner Rede, er wäre froh, wenn er bei den Abnahmen mal wieder auf den klassischen Millimeter zurückgehen könnte – schließlich entsprechen 3,6 Nanometer gerade einmal 0,0000036 Millimetern.

Ulrike Schirmer übernimmt ab Januar 2027 die alleinige Geschäftsführung bei dem Strausberger Mikroelektronikausrüster Allresist.

Ulrike Schirmer übernimmt ab Januar 2027 die alleinige Geschäftsführung bei dem Strausberger Mikroelektronikausrüster Allresist.

© Andreas Prinz für Prinzmedia

Von Nachhaltigkeit und ehrlicher Politik

Das Besondere an dem Neubau ist seine Nachhaltigkeit. Die spielt bei der Allresist GmbH ohnehin eine große Rolle. Das Unternehmen stattet die neue Halle mit einer hocheffizienten Wärmepumpe, einem modernen Batteriespeicher und einer zusätzlichen Photovoltaikanlage mit rund 40 kWp aus. Damit sei Allresist nahezu energetisch autark.

Diese Investition in eine CO₂-reduzierte Infrastruktur ist die Fortsetzung einer konsequenten Nachhaltigkeitsstrategie, mit der sich das Strausberger Unternehmen derzeit mit einigen seiner Produkte um den Deutschen Nachhaltigkeitspreis (DNP) bewirbt. Dafür, so Brigitte Schirmer, sei ein Bruch mit den traditionellen Denkmustern in der Mikroelektronik nötig. „Bloß nichts ändern, was funktioniert – damit kommt man nicht weiter, schon gar nicht in Fragen der Nachhaltigkeit.“

Zu Recht stolz auf die Entwicklung ihres 1992 gegründeten Unternehmens sind Brigitte und Matthias Schirmer, deren Produkte für die Handyherstellung unverzichtbar sind.

Zu Recht stolz auf die Entwicklung ihres 1992 gegründeten Unternehmens sind Brigitte und Matthias Schirmer, deren Produkte für die Handyherstellung unverzichtbar sind.

© Andreas Prinz für Prinzmedia

Diese technologische Spitzenklasse zeigt sich auch in der hauseigenen Medusa-Produktreihe. Hier wird versucht, Hightech und Umweltschutz in Einklang zu bringen, um die Gesundheit der Mitarbeiter im Reinst-Raum optimal zu schützen. Mit dem in Strausberg entwickelten HSQ-Resist-System Medusa 84 SiH sowie dem passenden Choline-Entwickler will die Allresist GmbH beweisen, dass Hochleistungs-Lithografie auf giftige Gefahrstoffe verzichten kann. Durch den systematischen Austausch kritischer Chemikalien wie etwa des Lösungsmittels Tetramethylammoniumhydroxid (TMAH) spart Allresist in den Lieferketten seiner Kunden künftig jährlich mindestens 15 Tonnen hochgiftiger Entwickler ein und ersetzt sie durch gesundheitlich unbedenkliche, umweltverträgliche Alternativen.

Gleichzeitig ist genau diese Produktreihe der Schlüssel für die nächste Computergeneration: die Quantencomputer. Wenn diese neue Ära der IT anbricht, gehören die Strausberger bereits jetzt zu den validierten Lieferanten – eine Tatsache, die selbst Branchenkenner im positiven Sinne sprachlos macht.

Zum Richtfest zeigte sich auch, dass lokale Politik anders, nahbarer funktionieren kann. Die amtierende Bürgermeisterin von Strausberg, Karolin Langner, legte ihr vorbereitetes Manuskript kurzerhand beiseite. Sie sagte schlicht: „Danke für den Mut, danke für den Fleiß, danke für die Gewerbesteuern, die verlässlich in den Stadthaushalt fließen, und danke für die tief empfundene Menschlichkeit in der Zusammenarbeit.“

Mit der Kapazitätserweiterung rüstet sich das  Strausberger Unternehmen für die Zukunft. Die KI wird die Nachfrage nach der Prozesschemie aus Brandenburg weiter ansteigen lassen.

Mit der Kapazitätserweiterung rüstet sich das  Strausberger Unternehmen für die Zukunft. Die KI wird die Nachfrage nach der Prozesschemie aus Brandenburg weiter ansteigen lassen.

© Andreas Prinz für Prinzmedia

In diesem Moment agierte sie wie eine Politikerin, die die realwirtschaftlichen Zusammenhänge nicht nur verstanden hat, sondern auch in der Lage ist, dies ehrlich und öffentlich zu artikulieren. Als Unternehmer ist man in solch einem Moment gewillt, danke für dieses Danke zu sagen. Man ertappte sich bei dem Gedanken, dass eine Politikerin wie Frau Langner in ihrem Rollenverständnis, ihrer Professionalität und ihrer Empathie den Spitzenpolitikern auf Bundesebene – wie etwa einem Friedrich Merz – haushoch überlegen ist. Es gibt sie also noch, die begabten und fähigen Köpfe in der Politik.

Am Ende bleibt das Bild eines Festes, das in seiner tiefen, ehrlichen „Ostigkeit“ berührte. Es war kein unterkühlter Hightech-Empfang, sondern ein Fest der Menschen, die diesen Erfolg mit ihren eigenen Händen und ihrer eigenen Intelligenz aufgebaut haben. Ein Triumph der Substanz über den Schein.

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