Chipfabrik

Meilenstein für Europas Mikroelektronikbranche: ESMC feiert Richtfest in Dresden

Der Wald der Kräne lichtet sich im Dresdner Norden. Auf einer der größten Baustellen Europas wurde Richtfest gefeiert. Ab Mitte 2027 sollen hier die ersten Chips gefertigt werden.

5 Min
Der Neubau der Dresdner Mikrochip-Fabrik von ESMC kostet rund zehn Milliarden Euro. Am Montag wurde 25 Monate nach dem Spatenstich das Richtfest gefeiert.

Der Neubau der Dresdner Mikrochip-Fabrik von ESMC kostet rund zehn Milliarden Euro. Am Montag wurde 25 Monate nach dem Spatenstich das Richtfest gefeiert.

© Robert Michael/dpa

Das Richtfest für eine Halbleiterfabrik und für ein Einfamilienhaus unterscheidet sich vielleicht in den Dimensionen, nicht aber bei den mitgebrachten Geschenken. Blumen, gerne auch im Topf, haben sich dabei bewährt. Und so gab es am Montagmittag durchaus Gäste, die eine Orchidee mit auf das Werksgelände von ESMC brachten.

Vor gut zwei Jahren war hier im Dresdner Norden der Grundstein für eine hochmoderne Chipfabrik gelegt worden. Die European Semiconductor Manufacturing Company (ESMC) ist ein Joint Venture des taiwanesischen Halbleiterherstellers TSMC, der mit 70 Prozent die Mehrheit der Anteile hält. Bosch, Infineon und NXP teilen sich die verbliebenen 30 Prozent.

2000 Mitarbeiter sollen hier ab kommendem Jahr reife Halbleiter produzieren, die gezielt für die Automobilindustrie, den Industriesektor und IoT-Anwendungen (Internet der Dinge) optimiert sind. Die mit etablierten, älteren Herstellungsverfahren gefertigten Mikrochips sind robust und langlebig. Sie werden beispielsweise für die Motorsteuerung in Fahrzeugen oder für Maschinensteuerungen benötigt. In Dresden, dem übrigens kleinsten Werk des Mutterkonzerns TSMC, will man sich auf eine Größe von 40 Nanometern konzentrieren, erklärt der Präsident von ESMC, Dr. Christian Koitzsch.

Gut 25 Monate sind seit der Grundsteinlegung vergangen. Das ist ein beeindruckender Zeitraum auch vor dem Hintergrund, dass kalte und schneereiche Winter die Arbeiten erschwert haben. „Wir sind im Zeit- und im Kostenplan“, verkündete Koitzsch dann auch nicht ohne Stolz. 2000 Beschäftigte aus über 100 Nationen arbeiten auf der 60.000 Quadratmeter großen Baustelle, sieben Tage die Woche, 24 Stunden.

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Auch die, die die Arbeit machten, hatten am Montag allen Grund zum Feiern. Es gab wahlweise Bratwurst – auch vegetarisch – oder Putengulasch mit Brötchen in der Mittagspause im Sonnenschein. Lag am frühen Morgen über Dresden noch eine dicke Wolkendecke, aus der es beharrlich nieselte, hatten sich die Schauer zu Beginn des Richtfestes verzogen. Ein gutes Zeichen? Vielleicht.

Geschichte der Mikroelektronik fortschreiben

Ganz ohne Aberglauben kommt auch eine erfolgreiche Wirtschaftsnation wie Taiwan nicht aus. Werkleiter Koitzsch erinnerte an den Spatenstich. Damals hieß der Bundeskanzler noch Olaf Scholz (SPD). „Wir haben allen Teilnehmern gesagt, sie sollen die Schaufeln schön voll machen“, so Koitzsch. Das sei in Taiwan ein Zeichen für Erfolg und Furchtbarkeit und fruchtbar sei in den vergangenen Jahren auch die Zusammenarbeit mit dem Freistaat Sachsen, der Landeshauptstadt Dresden, den Umlandgemeinden und den Infrastrukturbetreibern wie der Sachsenenergie gewesen.

Zehn Milliarden Euro kostet der Neubau der Chipfabrik, etwa die Hälfte des Geldes steuert der Bund zu. Doch damit nicht genug. Das Silicon Saxony im Dresdner Norden mit Infineon, Global Foundries, Bosch und bald auch ESMC braucht eine stabile Stromversorgung und viel Wasser. Für 300 Millionen Euro wird deshalb in Dresden bis 2030 ein Flusskraftwerk an der Elbe entstehen. Die Hälfte der Kosten finanziert der Versorger Sachsenenergie. 100 Millionen Euro kommen vom Land und 50 Millionen Euro hat die Stadt Dresden zugesagt.

Sie muss sich zudem auf den Zuzug von Familien vorbereiten. Wie viele es am Ende genau sein werden, ist noch ungewiss. Aber dass Kindergartenplätze, Kapazitäten in Schulen und vor allem Wohnraum vorgehalten werden müssen, ist unstrittig. Ein Kraftakt, den Dresden nicht allein schultern kann und deshalb schon seit Längerem den Schulterschluss mit den Umlandgemeinden Radeburg, Moritzburg und Weinböhla im Nachbarlandkreis Meißen sucht.

Zur Wahrheit gehört auch, dass die Großansiedlung nicht überall von vornherein begrüßt wurde. Vor allem der Energiehunger und der hohe Wasserbedarf der Chipindustrie wurden kritisch gesehen.

Die Ansiedlung macht Dresden zum wichtigsten Standort für die Chipindustrie in Europa. Sie sichert Lieferketten und garantiert Wertschöpfung. Neben TSMC hatte auch der amerikanische Chipbauer Intel eine Investition in Europa erwogen, die schließlich platzte. „Wir haben den Leuten von Bosch, von Infineon vertraut, die gesagt haben, TSMC ist die Spitze der Technologie im Bereich der Mikroelektronik. Mit denen möchten wir etwas gemeinsam machen“, so Sachsen Ministerpräsident Michael Kretschmer, der sich bei dem Unternehmen auch für das Vertrauen bedankte. „Wir werden hier in Dresden, in Sachsen von der Ansiedlung profitieren und gemeinsam die Zukunft, die Geschichte der Mikroelektronik weiterschreiben“, so Kretschmer.

Die Ansiedlung könne ein Anfang für vieles sein, was noch in der Zukunft passiere. Wir werden aber schließlich nur erfolgreich sein, wenn wir nicht nur besser sind als andere, sondern wenn wir es auch kostenmäßig hinbekommen“, betont der Ministerpräsident auch mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen bei Volkswagen – die für ihre Werke in Zwickau ab 2031 keine Auslastung mehr haben – und den Impfstoffhersteller GlaxoSmithKline, der sein Dresdner Werk bis zum Sommer 2028 komplett schließen will.

Neue Berufsschule für Elektronikberufe in Dresden

Ein Halbleiterwerk braucht Mitarbeiter, nicht nur in der Startphase, sondern auch mittelfristig. Deshalb wird in Dresden eine neue Berufsschule für Elektronikberufe entstehen. Rund eine Million Euro wird investiert und der Spatenstich soll in wenigen Wochen im November sein. Insgesamt, so die Schätzungen des Branchenclusters Silicon Saxony, könnten im Umfeld von ESMC bis zu 11.000 weitere Jobs bei Zulieferern und Dienstleistern entstehen. Zahlen, die die Wirtschaftsförderer allmählich ins Schwitzen bringen, denn der Landeshauptstadt gehen so langsam die Gewerbeflächen aus.

Für Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) ist der Bau des Chipwerks aber kein rein wirtschaftliches Investment. Mit dem Chiphersteller komme auch die taiwanesische Kultur in die Stadt. Sie werde zu einer Bereicherung führen, ist sich der Oberbürgermeister sicher.

Unterdessen hat auch die rosafarbene Orchidee ihren neuen Eigentümer gefunden. Bis sie ihren endgültigen Platz auf dem Schreibtisch in der Chipfabrik findet, dürfte es allerdings noch etwas dauern.

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