Nicht nur eine. Aber die bekannteste ist wohl die "Provinz" gewesen, gleich gegenüber vom Kanzleramt. Gerüchte sagen, von dort aus ist Gerhard Schröder damals losgezogen und hat am Zaun gerüttelt. Sie wissen schon: Diese "Ich-will-hier-rein"-Geschichte. Sie sind also auf du und du mit der Bonner Politprominenz? Nun, damals hatten wir noch eine sozial-liberale Koalition, und diese Leute saßen eben oft bei uns. Ich bin ja selbst Mitglied meiner Lieblingspartei, der SPD. Und in der "Provinz" gab es Hintergrundgespräche und Treffen mit Journalisten. Deshalb wurde ich oft als "Promi-Wirtin" beschimpft. Den Gerhard Schröder zum Beispiel kenne ich seit 21 Jahren.Und? Duzen Sie ihn?Also, früher habe ich "Gerhard" gesagt, und heute würde ich bestimmt nicht "Herr Bundeskanzler" sagen. Aber wir haben uns hier in Berlin bislang auch nur kurz gesehen. Und da gibt es unter uns Sozialdemokraten dieses uralte Begrüßungswort "Grüß dich!". Irgendwann aber werde ich mal zu ihm ins Kanzleramt gehen.Jetzt sind Sie in Berlin und arbeiten im Büro der Grünen-Abgeordneten Margareta Wolf. Warum der Wechsel ins Bürofach?Anfang der Neunziger hatte ich die "Provinz" verpachtet, mit einer anderen Kneipe war ich pleite gegangen, ich war zum ersten Mal in meinem Leben arbeitslos. Aber irgendwie bin ich dann relativ schnell im Parteivorstand der SPD gelandet, später im Büro von Margareta Wolf. Obwohl ich keine Ahnung von Compis hatte!Und jetzt Berlin. Wie finden Sie es hier?Saugut. Aber ich bin ja auch eine fröhliche Rückkehrerin und war immer auf dem Laufenden, was Berlin anging. Ich war von 1964 bis 1973 in Berlin, weil ich Willy Brandt so liebte und hier sein wollte. Am Savignyplatz habe ich gewohnt und in Kreuzberg. Schon damals habe ich übrigens in Büros und Kneipen gearbeitet. In unserer linken Kreuzberger Kneipe hatten wir Agitpropkunst an den Wänden und immer einen warmen Kaffee für die Plakatekleber übrig. Ja, damals haben wir richtig gelebt, haben nichts ausgelassen. Also war Bonn eigentlich nur ein Zwischenstopp für Sie wenn auch 25 Jahre? Ich bin damals meinem Mann nach Bonn gefolgt, und unsere Freunde haben gelästert: Was wollte ihr denn da? Bonn ist doch nur halb so groß wie der Friedhof von Chicago, aber doppelt so tot. Damals stimmte das. Dennoch würde ich es heute nicht so sagen wie Gerhard Schröder, der meint, er weine Bonn keine Träne nach. Eine kleine schon. Aber wenn ich ehrlich bin, wollte ich schon am 9. November 1989 nach Berlin. Ich hatte Angst, was zu verpassen. Aus Ihnen spricht die Leidenschaft Ehrlich gesagt, war ich noch nie in einen Kerl so verknallt wie in diese Stadt. Aber ich bin auch eine sentimentale Kuh Das ehrt Sie.Danke. Aber auch bei Kollegen und anderen Umzüglern habe ich nur wenige traurige Gesichter gesehen. Viele lassen da ja einiges zurück, ganze Lebensjahre, Freundeskreise. Aber nochmal zurück zu Ihren gastronomischen Ambitionen. Haben Sie dem Dasein als Wirtin denn nun ganz abgeschworen?Im Moment ja. Mein Alterswerk in Berlin könnte vielleicht so aussehen: Ich mache einen Waschsalon auf, vielleicht am Savignyplatz, vielleicht im legendären "Zwiebelfisch". Die Kneipe haben mein verstorbener Mann und ich 1969 aufgemacht. Da gibt s dann auch einen Fernseher und eine Leihbücherei, und ich bediene die Heißmangel. Den Savignyplatz mögen Sie also immer noch. Ist es Ihnen da nicht zu etabliert?Ich finde dort viel mehr Gemisch als in Prenzlauer Berg. Da wohnt doch nur noch "jung, schön und erfolgreich". Ich bin zurück zu meinen alten Plätzen, aber auf höherem Niveau. Die Kreuzberger Zeiten sind vorbei. Ich bin älter geworden, ich habe Falten gekriegt, ich habe meine Ansprüche. Und ich will keinen Ofen mehr heizen. Noch ein Wort zum alten Tanker SPD und dessen momentaner Schieflage? Tja, ich kann nur hoffen, die machen letztlich alles richtig. Aber man muss es nüchtern sehen: Nach der Wahl ist vor der Wahl.DIE EHEMALIGE BONNER WIRTIN // Seit Anfang der Neunziger arbeitet Heike Stollenwerk, 55, im Bundestag, davor war sie Mitarbeiterin im SPD-Vorstand. Lange Jahre vorher aber war sie selbst SPD-Mitglied Wirtin der Bonner Politikerkneipe "Provinz".Heute ist sie Mitarbeiterin im Büro der Grünen-Abgeordneten Margareta Wolf. Ambitionen, eine ähnliche Restauration in der Hauptstadt zu etablieren, hat sie momentan nicht.
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