Mit knapp zehn Monaten komme ich in die Wochenkrippe. Meine Oma nimmt sich den Montag meist frei, um mich zu betreuen. So erzählt es meine Mutter ein halbes Jahrhundert später. Bei der Aufnahme werde ich ärztlich untersucht. „Zustand: gut. Gewicht: 10,3 kg. Länge: 70 cm.“
Dienstagfrüh holt mein Vater meine Oma und mich zu Hause ab. Er hat als Einziger in der Familie ein Auto und der Weg ist weit. Während mein Vater im Auto sitzenbleibt, gibt meine Oma mich an der Tür ab. Meine Mutter ist schon auf Arbeit, ihr Dienstbeginn um 7 Uhr ist üblich. Ich bleibe über Nacht in der Wochenkrippe. Am Freitagnachmittag werde ich wieder abgeholt. Ich soll freitags zu Hause, so wird später erzählt, erst alle Räume und Ecken der Wohnung abgelaufen sein und erst am Samstag wieder begonnen haben zu sprechen.
Mir selbst fällt es schwer, meine Gefühle zu spüren
Bin ich krank, bleibt meine Mutter mit mir zu Hause. Und ich bin oft krank, wie fast alle Wochenkrippenkinder. Meine Mutter bleibt gerne mit mir zu Hause, wird sie später erzählen.
Wie hat meine Mutter selbst die Zeit empfunden? „Natürlich fand ich das nicht toll, dass ich ihn da weggeben musste, aber ich musste ja auch versuchen, selbst gesund zu bleiben. Konnte nicht von früh bis abends jammern, mein Kind ist jetzt in der Wochenkrippe. Ich habe gehofft, dass es ihm dort gut geht“, erzählt sie.
Lange hoffte ich auf eine Entschuldigung. Meine Mutter ist warmherzig und empathisch, wir haben ein gutes Verhältnis. Trotzdem fällt es mir nicht leicht, ihre Zuneigung anzunehmen. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass sie verpasst hat, wie ich laufen lernte, meine ersten Worte gesprochen und meine ersten Zähne bekommen habe.
Mir selbst fällt es schwer, meine Gefühle zu spüren, wie es in der gewaltfreien Kommunikation heißt. In Workshops sollen alle Teilnehmer manchmal eine Ankommensübung machen. Auch ich soll dann in mich hineinspüren, erkunden, wie es mir geht. Ich mache dann den Gag: „Aber was, wenn da nichts ist?“ Hinter jedem Spaß steckt ein Körnchen Wahrheit und nicht selten bitterer Ernst.
Der Autor und sein Buch
Es gibt viele Fotos aus der Zeit. Mein Vater besitzt eine Kamera, damals eine Seltenheit, und entwickelt die Abzüge selbst im abgedunkelten Bad. Auf einem Foto stehe ich in meinem Strampler im Bett, halte mich am Gitter fest und lächle mit Pausbacken und großen Augen in die Kamera. Auf dem weißen Strampler sind Tiermotive aufgedruckt.
Ich würde mich gern an meine frühe Kindheit erinnern, ich kann es aber nicht. Meine frühesten Kindheitserinnerungen setzen mit sechs Jahren ein. Die meisten Menschen können sich dagegen an Begebenheiten aus ihrem dritten Lebensjahr erinnern. Vorher ist es oft nicht möglich. Fachleute sprechen von frühkindlichem Gedächtnisverlust oder „infantiler Amnesie“.
Viele Wochenkinder wollen sich gerne an ihre früheste Kindheit erinnern, die wenigsten schaffen es. Manche versuchen es mit Hypnose, mit erstaunlichen Ergebnissen. Ich habe das noch nicht probiert. Diese Zeit ist wie bei allen in meinem Körper abgespeichert. Doch den wenigsten Menschen gelingt es, sich diese Erinnerungen bewusst zu machen.
Ohne meine Familie allein im Gitterbett
Mein einziger Anhaltspunkt aus dem Innenleben der Wochenkrippe sind die Entwicklungsbögen. Meine Mutter hat sie aufgehoben. Sie sind eine Rarität, viele Wochenkinder kennen ihre Entwicklungsbögen nicht. Es muss sie aber gegeben haben, sie wurden verpflichtend geführt. Standardisiert wurde auf gelbem Papier der Stand der Entwicklung einmal alle drei Monate festgehalten.
Zum Beispiel in Quartal I in Rubriken wie „Hebt Kopf, stützt sich auf Unterarme“ oder „Schläft nachts durch“. Meine ersten Eintragungen finden sich in Quartal IV. „Steht kurze Zeit frei“ ist blau eingekringelt. Das bedeutet – ich muss es können und kann es auch. Bei „Trinkt aus der Tasse“ ist dagegen ein roter Rand, was bedeutet: Ich muss es können und kann es noch nicht.
In Quartal V sind alle Rubriken wie „Ißt selbständig Brei“ blau eingekreist. Quartal VI hat zahlreiche rote Umrandungen, zum Beispiel bei „Treppensteigen im Nachstellschritt mit Festhalten an einer Hand“ oder „Benötigt tagsüber keine Windelpackung mehr“. Blau markiert sind „Kennt seine Kleidung“ und „Ordnet Hohlwürfel nach Größe ein“. In Quartal VIII schaffe ich es nicht, „Perlen auf einen Kunststofffaden“ aufzufädeln oder mir die „Nase zu putzen“. Dafür bin ich in der Lage, mich „allein zu waschen und abzutrocknen“, auch „drehen und schrauben“ kann ich.
„Ich war geschockt, dass es zur Gesundheit der Wendekinder keine Forschung gab“
Ein fast normales Leben trotz DDR-Wochenkrippe
In den Entwicklungsbögen sind auch ärztliche Untersuchungen festgehalten. „Dick, Genitale o.B., Skelet o.B., Haut sauber, 7 Zähne“, heißt es da beispielsweise über mich. O.B. steht vermutlich für „ohne Befund“ oder „ohne Beanstandung“. Die Leiterin der Einrichtung notiert: „Alexander ist sehr ruhig, bei Beschäftigungen oft desinteressiert.“
Auf der Rückseite des Entwicklungsbogens stehen unter „Wie ist das Kind aufgrund der vorhandenen Leistungen zu fördern“ mehrere handschriftliche Anmerkungen. Am 19.12.1973 heißt es: „Alexander muss es noch lernen, auch beim Mittagsschlaf sauber zu bleiben. Er ist auch auf dem Gebiet der Spieltätigkeit mit didaktischem Material ungeschickt. Alexander auf dem Gebiet der Sprachentwicklung fördern. Auch beim Singen muß Alexander noch mehr Interesse zeigen.“
Einen Tag später feiere ich meinen zweiten Geburtstag. Nur wie? Der 20.12.1973 war ein Donnerstag. Ich habe mir diese Frage nie gestellt – erst als ich das Datum sehe. Es fühlt sich nicht gut an. Ich frage bei meiner Mutter nach: „War ich zum Geburtstag zu Hause, mitten in der Woche?“ Sie schaut mich mit großen Augen an. Manchmal ist keine Antwort auch eine.
Alexander Teske als Kleinkind
© privat
Die Erkenntnis, den Tag damals ohne meine Familie allein im Gitterbett verbracht zu haben, versetzt mir einen Stich. Vielleicht begreift man mit zwei noch nicht die Bedeutung eines Geburtstages. Trotzdem habe ich die Geburtstage mit meinen eigenen Kindern zelebriert, wie viele Eltern. Man macht sich Tage vorher Gedanken, wie der Tag verlaufen könnte, besorgt Geschenke, backt einen Kuchen. Es ist auch ein Feiern der eigenen Elternschaft, ein Bewusstmachen der kleinen Gemeinschaft, die man miteinander bildet. Es nicht zu tun, sagt etwas über den eigenen inneren Zustand aus.
Ich prüfe jedes Datum im Entwicklungsbogen: An welchem Wochentag waren die Untersuchungen? Tatsächlich werde ich fündig, der 19.03.1973 ist beispielsweise ein Montag. Die Geschichte, meine Oma hat mich jeden Montag abgeholt, bekommt Risse.
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Unterschrieben wurden die Entwicklungsbögen alle drei Monate von einer anderen Person: Stöber, Hain, Habicht oder Reimann. Ein Name ist unleserlich, er könnte Laddei lauten. Dies zeugt von der großen Fluktuation in der Einrichtung, der Beruf ist anstrengend und schlecht bezahlt. Wer kann, sucht sich etwas Neues. Teilweise suchte sich jede zweite Erzieherin innerhalb der ersten fünf Jahre eine neue Arbeitsstelle.
Zudem wechsle ich – wie alle – die Gruppe, je älter ich werde. Die Erzieherinnen wechseln nicht mit. Man kann nur erahnen, was das für mein Bindungsverhalten bedeutet. Je jünger Kinder sind, desto eher benötigen sie eine feste Bezugsperson. Je weniger Wechsel, desto besser.
Meine Mutter schreibt in dieser Zeit einen Brief an meine Oma, als diese zur Kur ist: „A. kann schon ‚Haus‘ sagen, endlich sagt er jetzt auch Mami, aber zum Ausgleich auch zum J. Den Unterschied MAMA – PAPA will er einfach nicht begreifen. Ob das sich später legt?“ Ich bin zu diesem Zeitpunkt 22 Monate alt. Die meisten Kinder lernen ihre ersten Wörter zwischen dem 12. und 18. Monat. Mit 24 Monaten können Kinder meist einfache Sätze bilden.
„Meldet sich, wenn es auf die Toilette muß“
Um seinem Kind beim Sprechen lernen zu helfen, wird empfohlen, mit seinem Kind so viel wie möglich zu sprechen. Deutlich und langsam. Man soll sein Kind fragen, was es möchte oder gerade macht, ihm vorlesen und vorsingen. Nach allem, was ich über die Wochenkrippe weiß, hat dort niemand mit mir oder anderen Kindern sprechen geübt.
Im gleichen Brief heißt es am 30.10.1973: „A. ist jetzt fast sauber; selbst nachts schreit er mörderisch, wenn er merkt, dass die Hosen nass sind.“ Der Satz löst eine Kaskade an unangenehmen Erinnerungen aus. Auch im Entwicklungsbogen wird zwei Monate später bei mir die Rubrik „Meldet sich, wenn es auf die Toilette muß“ rot eingekringelt. Es ist also ein Defizit, mit 24 Monaten nicht sauber zu sein.
Das offizielle Ziel war es, dass die Kinder mit einem Jahr sauber waren – früher als heute. Ich kämpfte damit jahrelang, noch im Grundschulalter schämte ich mich für mein Fehlverhalten. Heute ist es Allgemeinwissen, dass solche Rückfälle Folgen belastender Situationen sein können, man solle seinem Kind auf jeden Fall keine Vorwürfe machen. Aus England und Wales wird berichtet, dass ein Viertel der Erstklässler noch auf Windeln angewiesen ist – ein Phänomen, das es mittlerweile auch in Deutschland gibt.
Alexander Teskes neues Buch
© mm
Dann lese ich das Buch meiner Mutter noch einmal – und stolpere über folgende Passage: „Am 19.03.74 wird ihm bescheinigt, das altersgerechte Ziel ohne Schwierigkeiten zu erreichen und per 19.06.74 ist er auch konstant beim Tagesschlaf sauber. Hilfe benötigt er noch beim Auf- u. Zuknöpfen der Kleidung. Bei einer an ihn gerichteten Frage muss er noch lernen, seinen vollständigen Namen selbst zu nennen. Die erlernten Fähigkeiten beim Umgang mit dem Flachpinsel sind noch zu festigen.“
In einer Tageskrippe gibt es keinen Entwicklungsbogen. Woher kommt also diese Einschätzung nach meiner „Entlassung“? Ich sehe mir den eingescannten Entwicklungsbogen genauer an. An der unteren Kante steht noch etwas. Mit viel Fantasie könnte es 19.03.74 lauten.
Anruf bei meiner Mutter: „Ja, da kann man umklappen. Stimmt, da steht noch was.“ „Aber dann war ich ja länger als gedacht da, oder? Es ist nicht schlimm, ich will es nur korrekt wissen.“ „Hm, stimmt. Aber im September 1974 hast du wegen Krankheit nicht an der Untersuchung teilgenommen, steht hier.“ Ich war also, bis ich in den Kindergarten gekommen bin, in der Wochenkrippe – ein Jahr länger als gedacht. Es schockt mich nicht. Auch wenn es jetzt wieder in der Hand kribbelt.
Sie dachten, es geht uns gut
Ich halte solche Erinnerungslücken für menschlich. Unbequemes wird verdrängt, je länger die Zeit zurückliegt, umso stärker der Effekt. Unangenehm ist es trotzdem, wenn die Wahrheit scheibchenweise ans Licht kommt. Fast alle Wochenkinder können ein Lied davon singen. Ihre Eltern betonen stets: Es war normal, alle haben das gemacht. Sie mussten doch wieder arbeiten gehen. Es sei ihnen schwer gefallen. Sie dachten, es geht uns gut. Die Erzieherinnen waren alle freundlich. Das Haus hatte einen schönen Garten. Wir waren nur kurz in der Wochenkrippe. Oft wurden wir eher abgeholt, später gebracht, blieben krank zu Hause …
Einiges davon wird sicher stimmen. Meine Mutter gerät in Not, wenn ich sie damit konfrontiere, und ich verstehe das. Jede Mutter möchte eine gute Mutter gewesen sein. Ich wollte auch ein guter Vater sein. Gleichzeitig musste auch ich mich für meine Erziehung, mein Verhalten in der Kindheit meiner Kinder rechtfertigen. Auch ich hatte zeitweise über einen längeren Zeitraum keinen Kontakt zu meinen Kindern. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Und doch sind die Parallelen, die Kontaktabbrüche über Generationen hinweg, auffällig.
Die Frage, wie viel Trauma ich weitergegeben habe, lässt mich nicht los. Die Theorie der transgenerationalen Traumata habe ich noch vor zwei Jahren als Hokuspokus abgetan. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die Psychiatrie „Klapse“ hieß. Wer nach „Dösen“ kam, war „nicht richtig in der Birne“. In Leipzig-Dösen war das Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie untergebracht. Niemand ging freiwillig zu einem Psychologen. Dabei hätten wir alle auf die Couch gemusst. Zuerst aber unsere Eltern.
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