BERLIN. Es ist sein Versuch, sich als Wirtschaftspolitiker darzustellen, der über den Tag hinaus denken kann. Sein Versuch, ein würdiger Nachkomme Karl Schillers zu werden. Das war Anfang der 70er-Jahre der SPD-Superminister für Wirtschaft und Finanzen unter Bundeskanzler Willy Brandt. Der habe das Große und Ganze gesehen, wenn er über Wirtschaft sprach, sagt jetzt der SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier an seinem Rednerpult im Bärensaal des Alten Stadthauses in Berlin. Für Schiller "fand Wirtschaft eben nicht nur in der Wirtschaft statt".Soziale Marktwirtschaft 2.0Dass er genauso denkt und auch genauso handeln will, das möchte Steinmeier jetzt den knapp 400 Zuhörern vermitteln, die sich - wie passend - zu der Veranstaltung der Karl-Schiller-Stiftung eingefunden haben. Sein "Deutschland-Plan" sei ein Kursbuch "für den Neustart der sozialen Marktwirtschaft", sagt Steinmeier. "Nur mit neuen Ideen und einem klaren Kurs können wir es schaffen, dass die Krise nicht in eine langanhaltende Schwächephase mit vielen Hunderttausenden zusätzlichen Arbeitslosen mündet."Geht es aber nach seinem Plan, dann sollen bis zum Jahr 2020 vier Millionen neue Arbeitsplätze entstehen - ein regelrechtes Jobwunder soll da geschehen und damit der Zustand der Vollbeschäftigung erreicht werden. Mehrere Monate lang hat Steinmeiers engster Beraterkreis an dem Papier gearbeitet. Jetzt kann der Kanzlerkandidat, dessen Partei in Umfragen weit abgeschlagen hinter der Union von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) liegt, die Inhalte präsentieren und hoffen, das diese Inhalte der SPD Schub bringen.Zwei Millionen neue Industrie-Arbeitsplätze sollen durch die Verknüpfung traditioneller Produktion mit umweltschonenden Technologien entstehen. Kein Land auf der Welt habe bessere Voraussetzungen, "zum Ausrüster der Welt für neue energiesparende Produkte und Maschinen zu werden". Dazu noch eine Million neuer Arbeitsplätze in der Gesundheitswirtschaft und 500 000 in der Kreativwirtschaft, worunter Steinmeier die Mode- und Filmbranche, die Architekten, die Künstler und die Publizisten versteht. Und dazu noch einmal 500 000 Jobs in der Logistik, im Handel und im Tourismus.Steinmeiers Kontrahenten haben die Zahlenangaben des SPD-Kandidaten selbstverständlich sofort als Werk der Illusion gewertet, als das neueste Fahrgeschäft im Fantasia-Land der Sozialdemokratie. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt etwa spottet: "Jetzt kommt Steinmeiers Fünf-Jahres-Plan: heute vier Millionen Jobs, morgen beitragsfreie Krankenversicherung und übermorgen Rente mit 50 bei 20-Stunden-Woche."In seiner Berliner Schiller-Rede versucht der SPD-Kandidat nun, seinen Aussagen den heilsbringenden Ton des Versprechens zu nehmen. Wer behaupte, Vollbeschäftigung zu versprechen, sei unseriös, der habe recht. Er habe aber nichts versprochen, sagt Steinmeier. Er habe lediglich ambitionierte, aber realistische Ziele formuliert und wolle nur versprechen, sehr hart für Vollbeschäftigung zu arbeiten. "Vollbeschäftigung ist möglich", sagt Steinmeier, um doch hinzufügen: "Aber nur als Ergebnis einer gemeinsamen Anstrengung."Der Satz ist angebracht. Konkrete Arbeitsplatz-Versprechen sind in der Vergangenheit meist auf den Urheber zurück gefallen. Das erlebten etwa die Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und Gerhard Schröder (SPD). Deren vollmundigen Ankündigungen führten alsbald zu einem drastischen Urteil in der Öffentlichkeit: Wortbruch.Steinmeier will geschickter vorgehen. Er sagt nicht: Ich werde Arbeitsplätze schaffen. Er sagt: Wir können Arbeitsplätze schaffen. Mag sein, dass dennoch die Zahl von vier Millionen Jobs im öffentlichen Gedächtnis hängen bleibt.Steinmeier jedenfalls lässt sich nun kräftig beklatschen. Er hat eine kämpferische Rede gehalten. Es sei Steinmeiers Verdienst, als erster Bewerber um den Spitzenposten in der Republik Inhalte in den Wahlkampf gebracht zu haben, heißt es in seiner Umgebung.Die empfindet an diesem Abend ohnehin noch eine kleine Genugtuung. Kaum sei die Sache mit Steinmeiers Deutschland-Plan in der Welt gewesen, habe auch schon Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) ein eigenes Industriekonzept angekündigt, sagen Steinmeiers Leute und grinsen.------------------------------Foto: An der Börse steht der Bär für fallende Kurse. Steinmeier sprach gestern im Bärensaal des Alten Stadthauses.
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