BERLIN, 11. August. Irgendwie müssen sich CSU-Generalsekretär Markus Söder und sein Chef Edmund Stoiber gewaltig missverstanden haben. Am Donnerstag noch hatte Söder großspurig und unabgestimmt die Zielmarke 45 Prozent für die Bundestagswahl ausgegeben - verbunden mit der Erwartung, die CDU müsse im Osten stärkste Kraft werden. Stoiber aber schien sich darum wenig zu scheren. Gleich am späten Mittwochabend machte er auf einer Wahlkampfveranstaltung im oberpfälzischen Schwandorf deutlich, was er vom Osten hält. Er wolle nicht, dass die Wahl noch einmal im Osten entschieden werde, wurde Stoiber vom Bayerischen Rundfunk zitiert. Wenn es überall so wäre wie in Bayern, so der Ministerpräsident, dann gäbe es keine Probleme. "Wir haben leider nicht überall so kluge Bevölkerungsteile wie in Bayern", so Stoiber. Die Stärkeren müssten die Schwächeren "ein Stück mitziehen".Stoibers Äußerungen fielen nicht im luftleeren Raum. Zu diesem Zeitpunkt nämlich war gerade ein Zitat des CSU-Chefs vom Donnerstag vergangener Woche aufgetaucht. "Ich akzeptiere nicht, dass erneut der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird", soll Stoiber da gesagt haben. "Es darf nicht sein, dass die Frustrierten über das Schicksal Deutschlands bestimmen." Die Zitate des letzten Unions-Kanzlerkandidaten reihten sich nahtlos ein in die unglücklichen Erklärungsversuche des brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm (CDU) zur sozialen Situation in Ostdeutschland - und entfachten den gerade abgeflauten Sturm der Entrüstung von Neuem.Vor allem in der CDU-Zentrale, herrschte am Donnerstag Sprachlosigkeit und Kopfschütteln. Generalsekretär Volker Kauder, der am Vorabend im Interview des Heute-Journals keine glückliche Figur bei Fragen zu Stoibers Äußerungen gemacht hatte, bemühte sich um Schadensbegrenzung. Er startete einen Rundruf bei den Ost-Ministerpräsidenten mit der Bitte um Zurückhaltung bei Reaktionen auf Stoiber. In einem Interview gefragt, ob sich der CSU-Chef entschuldigen solle, verneinte Kauder dies nicht, sondern entgegnete: "Es ist nicht meine Aufgabe, dem bayerischen Ministerpräsidenten Ratschläge zu erteilen."Dabei hatte das Strategietreffen vom Vortag einen Neustart des Wahlkampfes symbolisieren sollen. Eines Wahlkampfes, der lange schon entschieden schien und dann durch Schönbohm und Tapsigkeiten der Unions-Kanzlerkandidatin Angela Merkel wieder spannend wurde. Am Donnerstag mussten sich Unions-Politiker abermals vorwerfen lassen, für den Osten nichts übrig zu haben. Und auch die Theorie, nach der die mächtige Männerriege der Union Merkel noch mehr Steine in den Weg legt, hat plötzlich wieder Konjunktur. "Das war kein Ausrutscher, kein Fauxpas, sondern Strategie", diagnostizierte der Chemnitzer Parteienforscher Eckhard Jesse. Stoiber, so Jesse, wolle im Westen Pluspunkte sammeln. "Er hat die Hoffnung, als starker Mann nach Berlin in die Regierung zu kommen und Angela Merkel, falls erforderlich, als Bundeskanzlerin abzulösen." Stoiber sage sich wohl, zwei Prozent Verluste im Osten werden aufgewogen durch 0,5 Prozent Stimmengewinne im Westen", sagte Jesse.Forsa-Chef Manfred Güllner rechnet damit, dass die Union im Osten weiter Wähler an die Linkspartei verliert. Und der Ostkenner und Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz urteilt, das Vorhaben, im Osten stärkste Kraft zu werden, sei "mit so einer Bemerkung praktisch erledigt." Die bayerischen Querschüsse zum Beginn der heißen Wahlkampfphase werden in der CDU mit zunehmender Nervosität registriert. Stoiber hatte mit dem Außenpolitiker Wolfgang Schäuble und seinem Innenminister Günther Beckstein auch schon vorab einige Mitglieder des Merkelschen Kompetenzteams ausgeplaudert. "Wir brauchen keinen Nebenkanzler, der da reinfunkt", meinte der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Günter Nooke. (mit sch.)------------------------------ZITIERTEine Auswahl an Zitaten von Unionspolitikern über den Osten Deutschlands:"Ich akzeptiere nicht, dass erneut der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird. Es darf nicht sein, dass die Frustrierten über das Schicksal Deutschlands bestimmen."CSU-Chef Edmund Stoiber auf einer Wahlveranstaltung am 4. August 2005"Wenn es überall so wäre wie in Bayern, hätten wir überhaupt keine Probleme. Nur, meine Damen und Herren, wir haben leider nicht überall so kluge Bevölkerungsteile wie in Bayern. Die Stärkeren müssen manchmal die Schwächeren ein Stück mitziehen. Das ist nun halt mal so. Defizite in Sachsen und Sachsen-Anhalt müssen ausgeglichen werden. Ich will nicht, dass noch einmal im Osten die Wahl entschieden wird."CSU-Vorsitzender Edmund Stoiber am 10. August 2005 in einer Wahlkampfrede in Schwandorf"Die ländlich strukturierten Räume Ostdeutschlands sind stärker verproletarisiert als ein eher städtisch geprägtes Land wie Sachsen, wo ein Teil des Bürgertums die SED-Diktatur überlebt hat. Jetzt werden natürlich wieder viele sagen, der Wessi tritt uns Ossis ins Kreuz. Aber ich glaube, dass die von der SED erzwungene Proletarisierung eine der wesentlichen Ursachen ist für Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft ...Mit der Kollektivierung der Landwirtschaft durch die SED in den 50er-Jahren ging der Verlust von Verantwortung für Eigentum einher, für das Schaffen von Werten. Das freie, selbstverantwortliche Bauerntum wurde vertrieben."Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) am 3. August 2005 über mögliche Hintergründe der Kindstötungen von Brieskow"Wenn den Menschen in Bayern für einen schuldenfreien Landeshaushalt einiges zugemutet wird, dann ist die Bereitschaft gering, weitere Leistungen an die neuen Bundesländer abzuzweigen."CSU-Wirtschaftsexperte Johannes Singhammer lehnt 2004 eine Erhöhung der Ost-Förderung ab"Ich stelle fest, dass überall dort, wo die PDS Einfluss gewonnen hat, in Mecklenburg-Vorpommern, in Sachsen-Anhalt, die Staatsfinanzen aufgebläht werden. Diese Regierungen erwarten, dass der Bund und die anderen Länder sie dann schon nicht absaufen lassen. Da wird sozialistische Politik auf Kosten der finanzstarken Länder gemacht. Dazu sind wir nicht bereit."Bayerns Staatskanzleichef Erwin Huber (CSU) stellt 1999 die Finanzhilfen für PDS-regierte Länder in Frage------------------------------Entscheidung OstDie Bundestagswahl 2002 wurde im Osten entschieden. Vor allem im Zusammenhang mit dem Flutmanagement gewann die SPD dort signifikant Stimmen hinzu, während die Union schlechter abschnitt.Im Osten leben 11,5 Millionen Wahlberechtigte, das sind 20 Prozent der gesamten Wählerschaft. Wenn eine Partei im Osten zehn Prozentpunkte gewinnt oder verliert, ergibt das bundesweit zwei Punkte mehr oder weniger. Nach jüngsten Umfragen liegt die Union im Osten über 30 Prozent.------------------------------Grafik: Anteil an den Wahlberechtigten bei der Bundestagswahl 2002------------------------------Foto: Mir san mir - auch fern der Heimat: Mit Gamsbart und Lederhose erklimmt eine Besuchergruppe aus Bayern die Kuppel des Reichstags.
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