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„War die DDR die gute alte Zeit?“ – Tomatolix fährt in den Osten und landet im Sexshop mit Honecker-Bild

Tomatolix startet „Inside: Wilder Osten“ auf YouTube: Die erste Folge zeigt Sexshop, Sex-Gefängnis und Simson. Warum Ostdeutsche Klischees beklagen.

5 Min
Ein Wegweiser zu einem Erotikshop in Thüringen. Solche Läden auf dem Land waren nach der Wende ein Boom, heute gibt es nur noch wenige. (Symbolbild)

Ein Wegweiser zu einem Erotikshop in Thüringen. Solche Läden auf dem Land waren nach der Wende ein Boom, heute gibt es nur noch wenige. (Symbolbild)

© Bodo Schackow/dpa

Über den Pornoheften aus den Neunzigern hängt Erich Honecker, im Hinterzimmer schwimmen Zierfische. Mit diesem Laden an einer Landstraße bei Herzberg in Südbrandenburg beginnt die neue Serie des YouTubers Tomatolix über Ostdeutschland.

Die erste Folge von „Inside: Wilder Osten“ steht seit dem 11. Oktober auf YouTube und hat schon mehr als eine Million Aufrufe. Viele Kommentatoren stellen sich als Ostdeutsche vor, und viele von ihnen sind verärgert.

Was Tomatolix mit seiner Ostdeutschland-Serie will

Felix Michels, wie Tomatolix bürgerlich heißt, lebt in Köln. Sein Bild vom Osten stamme vor allem aus den Medien, sagt er im Ankündigungsvideo. Er reist im knapp 40 Jahre alten Mini-Camper und hat nach eigenen Angaben Redakteure aus dem Osten für die Recherche engagiert. Der nächste Westreporter, der zeigt, wie schlimm dort alles sei, will er ausdrücklich nicht sein.

Die Idee verdient Respekt. Michels erreicht ein junges Publikum, das sonst kaum ins Elbe-Elster-Land käme. Wer Ost und West einander näherbringen will, findet kaum eine größere Bühne.

Felix Michels ist als Tomatolix einer der erfolgreichsten YouTuber Deutschlands. Für seine neue Serie reist er quer durch Ostdeutschland.

Felix Michels ist als Tomatolix einer der erfolgreichsten YouTuber Deutschlands. Für seine neue Serie reist er quer durch Ostdeutschland.

© Imago/Christoph Hardt

Der erste Stopp: ein Sexshop, der auch Fische verkauft

Der Auftakt arbeitet allerdings gegen das eigene Versprechen. Patrick Heidler führt den Laden seit August 1990. Ob die DDR die gute alte Zeit gewesen sei? Im Großen und Ganzen ja, sagt er sinngemäß.

Danach schimpft er lange über Vorschriften aus Brüssel und Berlin. Ein Kommentar mit mehr als 6000 Likes benennt den Widerspruch: Wer Bevormundung beklagt, hängt sich ausgerechnet Honecker an die Wand.

Michels lässt das liegen. Er fragt auch nicht, ob Heidler wegen des Lieferkettengesetzes je eine Strafe zahlen musste.

Neu ist der Laden übrigens nicht. Uta Bretschneider und Jens Schöne haben ihn für ihr Buch „Provinzlust“ porträtiert, die Fotos sind bis 25. Oktober in einer Ausstellung in Erfurt zu sehen. Die beiden erzählen solche Läden als Wendegeschichte von Menschen, die nach 1990 ihre Arbeit verloren und sich selbstständig machten, bis Ketten und Internet ihnen das Geschäft nahmen. Bei Tomatolix bleibt davon nur das Skurrile.

Faktencheck: Lieferkettengesetz und Gleitgel

Lieferkettengesetz: Heidler fürchtet Strafen, falls seine Fischlieferanten in Asien Kinder arbeiten lassen. Das Gesetz gilt aber nur für Firmen mit mindestens 1000 Beschäftigten im Inland, wie der Börsenverein erläutert. Die EU-Richtlinie zielt inzwischen nur noch auf Konzerne mit mehr als 5000 Beschäftigten und über 1,5 Milliarden Euro Umsatz, umgesetzt ist sie noch nicht.

Gleitgel: Die EU habe harmloses Gleitmittel zum Medizinprodukt gemacht, deshalb verkaufe er keines mehr. Viele Gele sind tatsächlich so eingestuft, verboten ist der Verkauf aber nicht. Rossmann führt eines für unter vier Euro.

Heizung: Auch eine Pflicht, funktionierende Heizungen auszutauschen, wie Heidler sie fürchtet, gab es nie.

Fair bleibt festzuhalten: Händler müssen Kennzeichnungen tatsächlich prüfen. Und beim Ärger über Graureiher an Fischteichen hat Heidler einen wahren Kern, Brandenburg zahlt Teichwirten dafür sogar Schadensausgleich.

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Ein Engländer im Sex-Gefängnis von Großenhain

Im sächsischen Großenhain hat der Brite Nick Osbourne ein altes Gefängnis gekauft. Gäste lassen sich dort freiwillig durchsuchen und einsperren, teils mit BDSM-Bezug. Zum Schluss erzählt er, er unterstütze die AfD. Michels findet das „wild“ und vertagt das Thema Rechtsextremismus auf später.

Osbourne gehört zur ostdeutschen Gegenwart wie jeder Zugezogene. Spannend wäre die Frage gewesen, warum so ein Geschäft gerade hier funktioniert. Die Folge stellt sie nicht, sie bleibt beim Staunen über die Gummizelle.

Die Simson-Szene zeigt, wie es gehen könnte

Der beste Moment entsteht zufällig. Der Camper springt nicht an, ein Simson-Schrauber namens Mario hilft beim Anschieben und zeigt danach seine Werkstatt. Michels fährt zum ersten Mal mit dem DDR-Moped über die Felder.

Auch die Simson ist ein bekanntes Ostmotiv. Hier aber erzählen die Menschen selbst, was ihnen das Schrauben bedeutet. Das ist kein Kuriosum, sondern gelebter Alltag.

Warum das Etikett „Wilder Osten“ das Problem ist

Schräge Läden gibt es auch im Westen. Unter dem Titel „Deutschlands verrückteste Orte“ hätte sich niemand beschwert, schreibt ein Zuschauer sinngemäß.

Erst das Etikett macht aus einem Einzelfall ein Sinnbild für eine ganze Region. Wer vom Osten wenig weiß, sieht dann nicht Herzberg, sondern „den Osten“ als Kuriositätenkabinett. Von dort ist es nicht mehr weit bis zu einem Blick wie beim Zoobesuch.

Medienforscher kennen dieses Muster. Eine Leipziger Auswertung von 1000 Tagesschau-Ausgaben ergab, dass der Osten pro Einwohner deutlich öfter vorkommt, und dann auffallend oft mit rechter Ideologie. Die Forscher nennen ihn die „markierte Kategorie“. Darüber berichtete die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung hier.

Warum YouTube das Problem verschärft

Wer auf YouTube Millionen erreichen will, braucht Geschichten, die neugierig machen. Ein Sex-Gefängnis verspricht mehr Klicks als der Alltag einer Kleinstadt. Joyn, wo die Serie zuerst läuft, bewirbt die Folge entsprechend mit „Roadtrip endet im Sex-Gefängnis“.

Michels steckt damit in einem echten Dilemma. Er beschreibt die Falle aber selbst, und dass er trotzdem mit den grellsten Motiven eröffnet, ist seine Entscheidung.

Was die nächsten Folgen besser machen müssen

Acht Folgen hat Michels angekündigt, auf Joyn sind bereits eine Folge über Crystal Meth in Chemnitz und eine Hardtekk-Party zu sehen. In Chemnitz messen Abwasseranalysen tatsächlich seit Jahren die höchsten Crystal-Werte bundesweit. Entscheidend ist weniger das Motiv als die Frage, was der Film über die Menschen erzählt.

Dafür müsste Michels nachhaken, wenn Unsinn erzählt wird. In der Simson-Werkstatt hört er zu, und plötzlich wird aus dem wilden Osten ein Ort, an dem man gern länger geblieben wäre.

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