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Die unbequeme Wahrheit über Afrika und westliche Entwicklungshilfe

Nach drei Jahrzehnten in Ostafrika: Warum westliche Hilfe, Migration und Entwicklungspolitik ihre Ziele vielfach verfehlen – und welche Alternativen es gibt.

Isaac Jones
9 Min
Kinder posieren in Dodoma, der Hauptstadt der Republik Tansania, für ein Foto.

Kinder posieren in Dodoma, der Hauptstadt der Republik Tansania, für ein Foto.

© Anadolu Agency/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Ich habe kürzlich einen Sonntagsgottesdienst in einer alten Kathedrale in Mitteldeutschland besucht. Die Bänke waren nur spärlich besetzt, fast ausschließlich von älteren Menschen. Zum Abschluss bat der Pfarrer um Spenden für Gemeinden in Tansania. Der Kontrast hätte größer kaum sein können. Nach drei Jahrzehnten in Ostafrika weiß ich, dass die Kirchen dort sonntags überfüllt sind – voller Kinder und junger Familien. Warum also priorisiert eine Kirche, die im eigenen Land sichtbar an Bedeutung verliert, ausgerechnet Menschen auf der anderen Seite der Welt?

Mir ist aus dieser Erfahrung und anderen ähnlichen jedenfalls offenbar geworden, wie sehr sich meine Perspektive auf das subsaharische Afrika von den vorherrschenden Ansichten im Westen unterscheidet, und ich glaube, dass der Moment gekommen ist, um zu erklären, warum.

Trotz des Fokus auf Armut und des verzweifelten Bedarfs an internationaler Hilfe wachsen die Bevölkerungen im subsaharischen Afrika (SSA) rapide. Zu einer Zeit, in der viele westliche Länder mit einer Geburtenkrise konfrontiert sind, deuten aktuelle Prognosen darauf hin, dass SSA bis Ende dieses Jahrhunderts vier Milliarden Menschen erreichen könnte.

Dieses rasante Bevölkerungswachstum begann vor mehr als hundert Jahren, als moderne Landwirtschaft und Medizin von den Kolonialmächten eingeführt wurden. Während die westliche Logik den Rückgang der Säuglingssterblichkeit feierte, wuchsen die Bevölkerungen über das hinaus, was die jungen Regierungen und die unzureichende Infrastruktur bewältigen konnten.

Westliche Nationen sprangen mit Schätzungen von mehr als zwei Billionen Dollar an Hilfe seit 1960 ein und machten SSA zum größten Empfänger in der Weltgeschichte. Die Hilfe hat die Probleme, die den Bedarf überhaupt erst verursacht haben, aber nicht gelöst, lediglich die wachsenden Bevölkerungen am Leben gehalten. Heute sind die meisten Länder in SSA immer noch stark von Ernährungsunsicherheit betroffen und verfügen über keine grundlegende Infrastruktur.

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Ohne grundlegende Verbesserungen wird der Bedarf an Hilfe dramatisch steigen, da das subsaharische Afrika zur größten Ansammlung von Menschen in der Geschichte wird. Und folglich möglicherweise die größte humanitäre und entwicklungspolitische Herausforderung, der die Welt je gegenüberstand.

Die vor Ort helfen, leben oft in Blasen

Der langjährige westliche Umgang mit SSA zeigt sich in den verschiedenen Formen der Hilfe: Notfallhilfe, Entwicklungshilfe, finanzielle Unterstützung durch Zuschüsse und weiche Kredite. Obwohl die Hilfe meist gut gemeint war, hat sich der Ansatz trotz vieler offensichtlicher Misserfolge und anhaltender Abhängigkeit kaum verändert. Bücher wie „Dead Aid“ von Dambisa Moyo, „The White Man’s Burden“ von William Easterly und „The Trouble with Africa“ von Robert Calderisi haben die Debatte beeinflusst, aber letztlich nicht zu einer grundlegenden Überholung der Hilfspolitik geführt.

Ein Phänomen ist, dass diejenigen, die vor Ort helfen – insbesondere Missionare und Hilfsarbeiter –, oft von Afrikas realen Problemen abgeschirmt bleiben, weil sie in Blasen leben. Ein Beispiel ist ein Familienmitglied, das für die US-amerikanische Entwicklungshilfe-Agentur USAID in Afrika arbeitete, wo die ausländische Hilfsblase aus einem verhätschelten Lebensstil bestand, der so weit von der lokalen Realität entfernt war, dass sogar ihr Toilettenpapier aus den USA eingeflogen wurde. Und das, obwohl in den lokalen Supermärkten eine große Auswahl guter Marken verfügbar war.

Diejenigen, die Geschäfte machen, erleben etwas anderes: Korruption, marode Infrastruktur, Schwierigkeiten, kompetentes Personal zu finden, und erstickende Bürokratie sind alltägliche Kämpfe. Es sind erfolgreiche Unternehmen, die Volkswirtschaften aufbauen und die Abhängigkeit von Hilfe verringern. Doch diejenigen, die diese Herausforderungen aus erster Hand erleben, sind in akademischen Kreisen oder der Regierungspolitik kaum vertreten. Dies hat zu einer Lücke bei der Suche nach transformativen Lösungen beigetragen.

In vielen Fällen ist die westliche Hilfe zu einer goldenen Gans geworden, an deren Fortbestand alle Parteien ein Interesse haben. Ob es um komfortable Karrieren im Hilfssektor geht oder darum, dass Einheimische Sozialleistungen erhalten, ohne arbeiten zu müssen, das Motiv ist, involviert zu bleiben und den Geldfluss aufrechtzuerhalten.

Palast mit Kalkstein-Säulen aus Spanien

Vor Jahren arbeitete ich für einen afrikanischen Diktator, der einen protzigen Palast in einem stabileren Nachbarland wollte. Während wir Kalkstein-Säulen und Bögen aus Spanien importierten, brach in seinem Land ein Krieg aus – fast ein Jahrzehnt, nachdem die Vereinten Nationen für die Friedenssicherung eingetroffen waren. Während Hilfsappelle gemacht wurden, baute die Familie des Diktators Lagerhäuser in der Hauptstadt, die sie an Hilfsorganisationen zu hohen Mieten vermieten konnte. So wie ein lukrativer Konflikt die Führung demotiviert, ihn zu beenden, töten Jahrzehnte großzügiger Hilfsjobs und endloser Zuwendungen jeden Wunsch nach echten Lösungen.

Statt das Leid zu erleben, das Veränderung erzwingt, hat die Hilfe Komfort geschaffen – und damit Selbstzufriedenheit. Ein Missionarsfreund bohrt Brunnen für ländliche Gemeinden ohne Wasser. Bei den Einweihungen tauchen oft lokale Politiker auf, um den Ruhm für sich zu beanspruchen, Ausländer ins Land geholt zu haben. Der Missionar ist nicht an Ruhm interessiert, er will einfach nur helfen. Für den Politiker, der nichts getan hat und wahrscheinlich Haushaltsmittel veruntreut hat, gibt es reale Konsequenzen: Lob und sichere Stimmen bei der nächsten Wahl. Sowohl Hilfe als auch Missionsarbeit übernehmen oft staatliche Aufgaben, schonen Politiker und schirmen die Bevölkerung von den Schrecken extremer Korruption ab.

Das christliche Erbe hat dem Westen Mitgefühl für die Armen gegeben, doch diese Botschaft wurde pervertiert: Es wird geglaubt, dass Geld und Komfort wahrer Reichtum seien und dass einfaches Teilen die Mission erfülle. Indem man für Staatsversagen einspringt, wird die Realität verschleiert und die Chance verringert, dass die Menschen mehr von ihrer Führung fordern. Afrikaner werden nie wütend genug werden, um bessere Vertretung zu verlangen, solange der westliche Reflex auf Bilder hungriger Kinder darin besteht, zum Scheckbuch zu greifen.

Neben der Entwicklungshilfe verfolgt der Westen gegenüber SSA vor allem einen zweiten Ansatz: die Förderung von Einwanderung. Für die Menschen, denen sie gelingt, bedeutet Migration oft eine erhebliche Verbesserung ihrer Lebensperspektiven. Auch ihre Familien profitieren vielfach von Rücküberweisungen. Als Strategie zur Bewältigung der Entwicklungsprobleme des Kontinents bleibt ihre Wirkung jedoch begrenzt. Die Einwanderungsdebatte richtet den Blick verständlicherweise auf das Schicksal des Einzelnen. Doch so berechtigt diese Perspektive ist, beantwortet sie nicht die entscheidende Frage: Kann Einwanderung die Lebensbedingungen von Hunderten Millionen Menschen nachhaltig verbessern?

Angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums in SSA fällt die Antwort ernüchternd aus. Der Anteil der Menschen, denen auf diesem Weg geholfen werden kann, ist gemessen an der Gesamtbevölkerung gering und wird relativ zum weiteren Bevölkerungszuwachs weiter sinken. Migration kann einzelnen Menschen neue Chancen eröffnen, sie kann jedoch die strukturellen Defizite der Herkunftsländer nicht beseitigen. Als entwicklungspolitische Strategie ist sie daher allenfalls eine Ergänzung, nicht aber eine tragfähige Antwort auf die Herausforderungen Subsahara-Afrikas.

Reem Alabali-Radovan, die Entwicklungshilfeministerin, müsste mit ihre Kollegen schleunigst das Modell der Entwicklungshilfe für Afrika anpassen.

Reem Alabali-Radovan, die Entwicklungshilfeministerin, müsste mit ihre Kollegen schleunigst das Modell der Entwicklungshilfe für Afrika anpassen.

© Andreas Gora/Imago

Ein gefährliches Vakuum

Unter den richtigen Bedingungen verfügt SSA über alle notwendigen Ressourcen, um seine Menschen zu versorgen. Afrika wurde nicht „geplündert“ durch den Kolonialismus, wie manchmal behauptet wird, denn der Kontinent hält bis zu 30 Prozent der globalen Reserven vieler Schlüsselmineralien, und neue Entdeckungen sind alltäglich. SSA ist reich an Ackerland, Süßwasser, Mineralien, Energie und vor allem an starken und fähigen Menschen. Statt diese Chancen zu ergreifen, haben viele SSA-Führer die Jahre seit der Unabhängigkeit vor allem damit verbracht, sich an der Macht festzuhalten und sich auf Kosten ihres Volkes zu bereichern.

Westler haben dies gelegentlich ermöglicht, indem sie afrikanischen Führern das Narrativ gaben, dass afrikanische Armut hauptsächlich auf Rassismus oder Kolonialismus zurückzuführen sei, und damit von korrupter und inkompetenter Regierungsführung ablenkten.

Hinzu kommt eine schlecht ausgebildete Bevölkerung, die leicht zu kontrollieren ist. Westliche Länder fördern den „Brain Drain“ durch Einwanderungspolitiken: Mehr als die Hälfte der Studenten plant, SSA nach dem Studium zu verlassen. Die Mittelschicht wächst, aber ihr Anteil an der Bevölkerung bleibt aufgrund des rapiden Wachstums ähnlich, sodass die Mehrheit weiterhin in Armut geboren wird.

SSA schneidet weltweit am schlechtesten beim „Corruption Perceptions Index“ ab und hat sich seit Jahrzehnten nicht messbar verbessert. Korruption beschränkt sich nicht auf die Regierung, sondern durchdringt die Gesellschaft, erkennbar an der systemischen Bestechlichkeit in fast jeder Abteilung und Ebene der Regierungen. Und daran, dass aufeinanderfolgende Generationen von Beamten und Angestellten selten bedeutsame Veränderungen bewirken.

Die Zurückhaltung des Westens, seinen Ansatz anzupassen, hat bereits ein gefährliches Vakuum geschaffen. China ist entschlossen vorgegangen und hat durch massive Infrastrukturprojekte Einfluss gewonnen – oft mit undurchsichtigen Schulden, Umweltschäden und wenig Wissenstransfer. Wenn der Westen seine übermäßig vorsichtige und politisch korrekte Strategie nicht überdenkt, wird er weiter Einfluss verlieren, während weniger prinzipienfeste Akteure die Zukunft Afrikas gestalten.

Die Kirche als Analogie für ein ganzes Land

Nach mehr als sechs Jahrzehnten Hilfs- und Außenpolitik-Experimenten ist klar, dass das aktuelle Modell weitgehend gescheitert ist. Wenn wir an denselben Methoden festhalten, werden die Herausforderungen durch das beispiellose Bevölkerungswachstum dramatisch zunehmen: Hunger, Entwaldung, Umweltzerstörung, Instabilität und Migration. Der richtige Umgang mit SSA geht weit über den westlichen Wunsch hinaus, Armut zu lindern, er wird globale Konsequenzen haben.

Denken Sie an den fast leeren Gottesdienst in der Kathedrale mit den alten Menschen und der Kollekte für Tansania – während SSA alle 3,5 Jahre 100 Millionen Menschen zur Weltbevölkerung hinzufügt, mehr als die gesamte Bevölkerung Deutschlands. Die Kirche ist eine Analogie für das ganze Land, das die Realität aus den Augen verliert, während es versucht, der Retter der Entwicklungsländer zu sein. Wenn uns die verantwortungsvolle Gestaltung der Welt am Herzen liegt, ist der offensichtliche Schritt für Deutschland, seine Bevölkerung zu stabilisieren und seine Kultur zu stärken, damit es in der Lage bleibt, in den kommenden Generationen eine Rolle zu spielen. Nur dann können wir eine Vision für die Zukunft schaffen, in die wir steuern – und ein neuer Ansatz gegenüber Afrika wird dabei eine wichtige Rolle spielen.

Isaac Jones kam als Kind mit seinen Eltern Mitte der Neunzigerjahre nach Kenia, wuchs dort auf, bevor er für sein Studium in die USA zurückkehrte. Danach zog es ihn allerdings wieder nach Kenia. Sein Artikel basiert auf Beobachtungen, die er im Laufe eines Lebens gesammelt hat, das er zwischen Subsahara-Afrika und dem Westen verbracht hat. Im Kreis von Familie und Freunden, die jahrzehntelang sowohl in der Missions- als auch in der Entwicklungszusammenarbeit tätig waren, und in einem Erwachsenenleben, in dem er sich den Herausforderungen des Besitzes und Betriebs von Unternehmen in Subsahara-Afrika stellen musste.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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