Für viele ist der Dezember kein leichter Monat. Überall wird einem die frohe Weihnachtsstimmung aufgezwungen, sei’s in Form von Weihnachtsmärkten, Spekulatius und Lebkuchen in allen Supermarktregalen oder aufdringlichen Weihnachts-Werbeaktionen. Einige freuen sich darüber, andere planen bereits ihre Flucht oder bereiten sich mental auf die bevorstehende Familienzeit – oder eben auf die Einsamkeit – vor. Einige genießen den aufgezwungenen Stillstand an den Weihnachtstagen auch sehr, egal, ob sie sich mit dem christlichen Glauben verbunden fühlen oder nicht. Alles wirkt entschleunigt in diesen Tagen, das Leben macht eine Pause, Erlebtes kann verdaut werden. Wenn nicht gerade Völlerei und ausufernde Weihnachtsfeiern auf Magen und Gemüt schlagen.
Das hier ist kein Text darüber, wie herausfordernd Weihnachten als Single im heiratsfähigen Alter in der Großfamilie oder allein zu Hause sein kann – eher darüber, wie befreiend diese Zeit potenziell ist. Letztes Jahr zum Beispiel flog ich etwa am Nikolaustag nach Teneriffa und plante, zwei Wochen lang über die Insel zu wandern, ohne festes Ziel. Die Einsamkeit, wie ich sie an diesen Tagen manchmal im lauten, überfüllten Berlin verspürte, war verflogen. Und das, obwohl ich faktisch oft einsam herum wanderte, mit Musik am Strand entlang, tagelang.
Die Bereitschaft, aus der Komfortzone herauszutreten
Nicht selten wurde ich, wenn ich mal wieder von einer längeren Reise ohne Begleitung erzählte, gefragt, wie ich die schönen Momente wirklich genießen könne, wenn ich denn niemand dabeihätte, um sie zu teilen. Ich antwortete, dass ich – wenn ich denn Lust auf Menschen hatte – mich in einem Hostel einmietete und dann auch schnell Anschluss fand. Ich tauschte mich mit anderen aus, erfreute mich daran, meine Sprachkenntnisse auffrischen zu können und erlebte zig schöne Momente mit ihnen zusammen anstatt allein. Klar, die Bereitschaft, aus der eigenen Komfortzone heraus- und mit fremden Menschen in Kontakt zu treten, ist dafür zentrale Voraussetzung.
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Als der Rückflug nahte und das Urlaubsfeeling auf der Insel nicht wirklich weihnachtliche Gefühle in mir hatte aufkommen lassen, entschied ich mich spontan dazu, eine Woche zu verlängern und erst nach den Feiertagen nach Deutschland zurückzufliegen. Für die Feiertage buchte ich ein Bett in einem großen Hostel außerhalb der Stadt, auf einem Berg mit Blick aufs Meer und in absoluter Stille. Dort herrschte Dunkelheit und Einsamkeit bei Nacht. Die anderen Gäste waren schon länger hier als ich, arbeiteten hier oder hatten denselben Plan: Weihnachten in der Abgeschiedenheit und bei sternklaren Nächten in der Vulkanwüste zu verbringen.
Die Feiertage waren präsent, aber ohne die Schwere, die einige von uns ansonsten damit verbinden. Was ich gelernt habe: Es ist okay, sich dem zu entziehen und ganz ohne schlechtes Gewissen nicht erreichbar zu sein. Für mich war das Ausdruck eines aufrichtigen: „Mir ist das dieses Jahr zu viel“, was letztlich sehr viel mehr wert ist als der Versuch, Weihnachten zu Hause erträglich zu machen. Meistens ist es das schlechte Gewissen, was diejenigen, die eigentlich gar keine Lust auf besinnliches Zusammensein haben, davon abhält, sich den alljährlichen Weihnachtsverpflichtungen zu entziehen.
LSD und Sonnenuntergang statt besinnliches Zusammensitzen
Immerhin kann man auch an anderen Tagen mit der Familie zusammensein oder die Zeit mit Menschen verbringen, die ähnlich wenig Lust auf Weihnachtszeit haben. Mittlerweile blicke ich so auf einige Reisen und viele witzige Erlebnisse zurück. Auf Teneriffa endete Heiligabend für mich letztlich damit, dass ich mit meiner temporären Hostel-Bekanntschaft LSD nahm und wir den, zumindest in unseren Augen, schönsten Sonnenuntergang und Mondaufgang genossen. Danach beobachten das Treiben auf dem Gelände. Es wurde getanzt, gelacht und gegessen. Was uns einte: dass wir Weihnachten nicht zu Hause verbringen wollten. Warum, haben wir uns gar nicht gegenseitig erzählt. Es war auch egal, für den Moment hat es gereicht.
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Ein andermal verbrachte ich Weihnachten mit meinem Ex-Partner am Strand. Wir trafen ein anderes Pärchen, mit dem wir uns am Ende vergnügten. Was soll ich sagen? Es ist mir als schöne Erfahrung in Erinnerung geblieben. Natürlich hat nicht jeder die Möglichkeit, einfach so für längere Zeit zu verreisen und den Hürden des Alltags oder den lästigen Feiertagsverpflichtungen zu entfliehen. Aber all denjenigen, bei denen es nur daran scheitert, dass sie ein schlechtes Gewissen haben, kann ich sagen: macht euch einfach davon frei.
Wie es aussieht, werde ich dieses Jahr allein in Berlin sein. Mal sehen, wohin es mich am Ende verschlägt. Natürlich gibt es auch Menschen in meinem Umfeld, die zurzeit in der Hauptstadt sind. Aber es ist weder meine Familie, noch sind es meine enge Freunde. Das habe ich dieses Jahr lernen müssen: Freundschaften definiert jeder für sich anders. Da bleibt dann doch etwas zum Nachdenken in der besinnlichen Zeit.
Letzteres gilt übrigens nicht nur für Weihnachten. Auch Silvester ist für viele schwer zu ertragen. Hinter der „Ist mir doch egal“-Fassade schwingt oft etwas Traurigkeit und Missmut darüber mit, mit dem Jahresende konfrontiert zu sein und es vielleicht nicht so zu verbringen, wie man es sich mal ausgemalt hat. Die letzten Jahre hatte ich auch an Silvester wenig Lust auf Feierlichkeit. Corona hat diese Entscheidung natürlich erleichtert. Am Ende verbrachte ich den Jahreswechsel meist mit meinen jeweiligen Affären. Wir bekamen nicht viel vom Feuerwerk mit, weil wir gerade unser eigenes erlebten. Am nächsten Tag hatte niemand von uns mit Kater zu kämpfen, von der Neujahrsschwere blieben wir am Ende verschont. Wenn ich daran denke, wie unbefriedigt ich früher nach manchen Partys war, muss ich heute echt grinsen darüber, wie befriedigt ich in den letzten Jahren vergleichsweise rausgegangen bin. In diesem Sinne: Frohe Festtage!
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