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Vor einer Woche wurden 1000 Kriegsgefangene zwischen der Ukraine und Russland ausgetauscht. Gingen den Feldherren die Soldaten aus? War der Rücktausch nötig, damit der Krieg weitergehen kann? Am 16. Juli 2025 bekam die Ukraine 1000 tote Soldaten überstellt. Es werden wohl nicht die Rückgetauschten sein – oder?
Solche Gedanken auszusprechen, ist zynisch? Die Kriegswirklichkeit ist zynisch! Alle sind gegen den Krieg, und dennoch nimmt er kein Ende. Die Eskalationen bekommen inzwischen den Charakter von Stellungskriegen und Vernichtungsfeldzügen. Putins Krieg ist längst auch unser Krieg.
Der Hamas-Überfall und die mörderische Reaktion Israels rauben uns die Vernunft. Was ist da nur los? Was machen wir da gegen unseren Willen mit? Offensichtlich sind wir nicht bei Sinnen!
Palästinenserinnen an einer Essensausgabe in Gaza-Stadt
© Omar Al-Qattaa/AFP
Wo ist unsere Vernunft geblieben?
Ich melde mich hier zu Wort. Ich bin alt, bleibe aber ein Kriegskind und verstehe etwas von der Unterseite des Krieges. Als Nervenarzt habe ich mich intensiv mit den Absurditäten und Verrücktheiten der menschlichen Seelen beschäftigt. Ich weiß, dass individuelle Prozesse nicht ohne Weiteres auf gesellschaftliche Prozesse übertragen werden können. Gruppenprozesse und psychosoziale Prozesse stellen aber Bindeglieder her zur Frage: Wo ist unsere Vernunft geblieben?
Offensichtlich sind die Kriegsparteien in einer Falle gefangen, die der Kommunikationstheoretiker Paul Watzlawick „Immer mehr desselben“ nennen würde. „Noch mehr Waffen!“, hallt es aus der Falle heraus, in der sich Deutschland auch befindet. Auch sich beschießen und Tote austauschen sind Formen von Kommunikation, tödlicher Kommunikation.
Es geht darum, den Krieg zu stoppen und einen Ausgang aus der Falle zu finden, jetzt. Das ist doch die einzige logische Reaktion. Schuldige zu enttarnen, löst das Problem nicht. Auch wir „Unschuldigen“ nehmen an dem mörderischen Irrsinn teil. Das ist der Fluch der Reziprozität – wie du mir, so ich dir!
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Das ist Stammesgeschichte. Es existieren auch nach dem gescheiterten Minsker Abkommen noch einige Vorschläge für mögliche Lösungen des Ukraine-Konfliktes, die durchweg sabotiert werden mussten: Die vier Oblaste und die Krim kommen zu Russland; Belarus, Russland und die Ukraine bilden eine GUS 2.0; die Frontlinie wird in eine Demarkationslinie umgewandelt, der Waffenstilstand wird durch Friedenstruppen überwacht; oder Deutschland, das nach dem Zweiten Weltkrieg in tiefer Schuld gegenüber Russland und der Ukraine steht, ruft gemeinsam mit der Uno oder der OECD eine neue Friedenskonferenz aus.
Der Vorstellung, dass Putin ungestraft davonkommt, mag schmerzhaft sein. Doch rechtfertigt das, Menschen immer weiter sterben zu lassen?
© Vyacheslav Prokofyev/imago
Soll Putin etwa davonkommen?
Beim Nachvollziehen dieser Szenarien musste ich mehrere Ekel- und Wutgrenzen überwinden. Das sage ich, weil ich den Aufschrei bei vielen verstehen kann: Soll Putin etwa davonkommen? Es kann doch nicht alles umsonst gewesen sein, das ist doch absurd! Absurder aber ist es, mit Bomben und Drohnen Männer weiterzumorden und dann im 1000er-Pack an ihre Mütter zurückzusenden.
Geschichte wird immer auch von Emotionen geschrieben. Man denke an den unwürdigen Streit im Oval Office im Februar 2025, als Selenskyj die Friedensvorschläge Trumps, den „Deal“ im Sinne Moskaus, ablehnte. Als am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg begann, reagierte Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, nahezu enthusiastisch. Aber schon Ende des Jahres ist er abgrundtief enttäuscht. Es schien ihm, „als hätte noch niemals ein Ereignis so viel kostbares Gemeingut der Menschheit zerstört, so viele der klarsten Intelligenzen verwirrt, so gründlich das Hohe erniedrigt.“ Mit dieser „Enttäuschung des Krieges“ und vom Menschen beginnt er im Jahre 1915 seine Schrift „Zeitgemässes über Krieg und Tod“.
Seit Februar 2022 herrscht der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz verkündete drei Tage nach dem Überfall in einer Sondersitzung des Deutschen Bundestages eine Zeitenwende: höhere Investitionen in die Bundeswehr. „Wir müssen deutlich mehr investieren in die Sicherheit unseres Landes, um auf diese Weise unsere Freiheit und unsere Demokratie zu schützen.“ Er versprach einen zusätzlichen Sonderfonds von 100 Milliarden Euro für die Rüstung. Hätte darüber nicht eigentlich Heulen und Zähneknirschen herrschen müssen? Stattdessen war im Bundestag an diesem Sonntagmorgen die Stimmung sehr gut, laufend wird applaudiert und begeisterte Zustimmung und Einigkeit verkündet. Euphorie wie seinerzeit bei Freud. Inzwischen ist auch die Enttäuschung groß, das Tempo der Zeitenwende und der Eskalation atemberaubend.
Aufrüstung ist wieder mehrheitsfähig. Boris Pistorius steht mit einem Soldaten der Bundeswehr auf dem Truppenübungsplatz Altengrabow.
© Kay Nietfeld/dpa
Auch Krieg ist ein Werk der Kultur
Zurück zu der Frage: Wo ist unsere Vernunft geblieben, die den Krieg beenden könnte? Liegt Krieg etwa in der Natur des Menschen? So bitter es ist: Auch Krieg ist ein Werk der Kultur. In der Natur des Menschen liegt vielmehr, dass er ein Beziehungswesen ist und in Beziehungsnetzen lebt. Nur so kann er Mensch werden, aber so sind auch manche widersinnigen gnadenlosen Loyalitäten verstehbar.
Deswegen wird Geschichte zwar von uns Menschen selbst gemacht, aber keineswegs nur aus freien Stücken. So geschieht sie hier und heute vor unserer Nase und doch gegen unseren Willen und hinter unserem Rücken. Deswegen lohnt es sich, der Idee mit den Beziehungsnetzen nachzugehen, also auch den psychosozialen Dimensionen von Kriegen.
Eine Möglichkeit zu deren Aufklärung liegt vielleicht in der Gruppenanalyse, einem Zweig der Psychoanalyse. Den Grundbegriff der Gruppenanalyse „Matrix“ hat der deutsch-jüdisch-englische Nervenarzt S.H. Foulkes geprägt. Das ist das Netz von Beziehungen, aus dem wir kommen und in dem wir leben. Beziehungen sind immer reziprok und sie enthalten Kraftfelder, etwa libidinöse, aggressive, verheerende, explosive und erbauliche.
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Besonderen Einfluss auf das Gehirn haben psychosoziale Beziehungen in der frühen Kindheit. Das Beziehungsgeflecht, aus dem wir kommen, nennen wir Grundlagenmatrix, das System, in dem wir leben, die dynamische Matrix und seine Widerspieglung in uns selbst die persönliche Matrix. Weil der moderne Mensch auf seine Autonomie, seine Subjektivität, seine Einmaligkeit so stolz ist, bleiben die Erfahrungen mit diesen Beziehungen erst recht unbewusst. Dieser Text handelt von Matrixformen im Zusammenhang mit Frieden und Krieg.
In friedlichen und leidlich rechtssicheren Gesellschaften kann eine liberale Matrix entstehen. Die lässt im Idealfall jedem genug Raum für die Entfaltung seiner persönlichen Matrix und die Freiheit, er selbst zu sein. Sie ist kein Paradies, weil Überforderungen die Konfliktfähigkeit untergraben können und die Matrix mit Einengungen und Spaltungen reagiert. Wissenschaften und Künste haben genug zu tun, um zu einer Selbstverständigung der Menschen zu gelangen. Damit steht die liberale Matrix essenziell in der Tradition der Aufklärung, der Vernunft und der Emanzipation des Menschen.
Sigmund Freud wandte sich von seiner ursprünglichen Kriegseuphorie Anfang des Ersten Weltkriegs schnell ab.
© Photo12/imago
Krieg aktiviert die Soldatenmatrix
Nach diesem kriegsgeschundenen Jahrhundert kann die Politik doch nur einer Friedenslogik folgen. Es gibt auch Konzepte ziviler oder sozialer Verteidigung, von denen wenig bekannt ist. Und dann sind da noch internationale Organisationen, zum Beispiel die Uno oder der Internationale Gerichtshof in Den Haag. Die Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens im Frieden ist eine immer neue und kreative Aufgabe.
Die Magna Carta der Menschenrechte als Symbol der Freiheit gibt es erst seit 800 Jahren. Wenn jedoch eine Gesellschaft an Krieg teilnimmt, erhebt sich aus den Tiefen der Grundlagenmatrix eine ganz andere dynamische Matrix. Die liegt dort nach so vielen Kriegen immer bereit. Diese wie auf Knopfdruck zu aktivierende Matrix bezeichnet der israelische Psychologe Robi Friedman als „Soldatenmatrix“, weil plötzlich jeder auf seine Weise zu einem „Soldaten“ wird. Plötzlich ist der bosnische Schwiegersohn ein Todfeind des serbischen Großvaters und der russische Offizier ist Todfeind des ukrainischen. Beide stammen aus der Sowjetarmee.
Die Soldatenmatrix reduziert Empathie, Schuld und Scham, bewirkt Idealisierung, besser Glorifizierung der eigenen und Dämonisierung der Gegenseite. Die Dämonen sind keine Menschen, deswegen kann man sie umbringen. Ohne die entmenschlichende Spaltung ist kein Krieg möglich, denn da ginge keiner hin.
Das heutige humanitäre Völkerrecht (HVR) regelt, wie Kriege geführt werden und wie die Beteiligten behandelt werden müssen. In gewisser Weise könnte dieses Kriegsrecht eine Soldatenmatrix zivilisieren. Je länger Kriege dauern, desto mehr bestimmen Traumatisierungen das Geschehen. Dann stellt sich die unbewusste fundamentale Überzeugung ein, dass es keine Beziehungen mehr gibt. Das macht Menschen nackt und ohne Halt – das Kraftfeld dieser Beziehungen ist verheerend. Mitgefühle, Moral und Struktur gehen verloren. Übrig bleibt nur noch richtungslose Aggression, die alles vernichtet, worauf sie trifft.
Diese Vernichtungsmatrix geht über die Spaltungsmechanismen der Soldatenmatrix hinaus, die ja primär den Gegner entmenschlicht. In diesem Prozess gehen reziprok auch der Sinn und der Wert des eigenen Lebens verloren – in verzweifeltem Nihilismus, in Gefühls- und Teilnahmslosigkeit, in eiskaltem Heldentum, in quasireligiöser Grandiosität. Die andere, tragische Seite beschreibt Wolfgang Borchert: „So sind wir eine Generation ohne Gott, denn wir sind die Generation ohne Bindung, ohne Vergangenheit, ohne Anerkennung.“
Soldatenmatrix und Vernichtungsmatrix sind Erzfeinde des Völkerrechts. Kriege sind kein Werk der Biologie, sondern der Kultur. Aber die Kultur hat auch die großartigen Einrichtungen der Menschengemeinschaft entwickelt. Und so will ich auch Freuds Satz verstehen: „Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg.“
Priv.-Doz. Dr. sc. med. Christoph Seidler, geboren 1943 in Aussig an der Elbe (heute Ústí nad Labem, Tschechien), ist Nervenarzt und Psychoanalytiker. Zuletzt publizierte er u.a. „Psychoanalyse & Gesellschaft“ (2015), „Berliner Gruppenanalyse“ gem. mit Kathrin Albert, Kurt Husemann und Katrin Stumptner (2019) und „Warum nur Krieg?“ (2021).
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