LUDWIGSFELDE, im Juni. Im Osten geht die Sonne auf. Hoch steht sie schließlich über Ludwigsfelde. Und schaute sie herunter, dann könnte sie acht Männer an zwei Tischen Karten spielen sehen, wortlos und mit nackten Oberkörpern. Ihr Blick würde dann über leere Bänke wandern, die irgendjemand in Erwartung unbekannter Gäste aufgestellt zu haben scheint. Sähe die Sonne genauer hin, würde sie - nur wenige Schritte von den Spielern entfernt - einen älteren Herrn vom Fernsehen erkennen, der die Kamera auf Andreas Kahnert richtet und murmelt: "Sind Sie mal so freundlich und stellen sich neben das Wort solidarisch?" Herr Kahnert ist dann so freundlich, denn er ist dienstlich hier, im Auftrag einer guten Sache, und er geht seufzend die paar Meter durch die flirrende Luft zum weiß glänzenden Gitter, vor dem die Männer schon seit Stunden spielen. In dieser Hitze wird es Herr Kahnert bestimmt als Erleichterung empfinden, dass das Plakat, das am Kopf des Gitters klebt, für ihn das Reden übernimmt: "Seid solidarisch - kein Streikbruch!" Besser hätte das Herr Kahnert auch nicht sagen können, denn er ist Gewerkschaftssekretär und damit hauptamtlich zuständig für Solidarität Viel wäre es also nicht, was die Sonne über Ludwigsfelde an diesem Tag zu sehen bekäme, vielleicht noch jenseits des Gitters die leeren Büros und die leeren Montagehallen, nicht wirklich leer, nur vollkommen verlassen. Man könnte die Sonne verstehen, würde ihr Blick dann schnell weiterwandern durch den Landkreis Teltow-Fläming, denn nichts ist so langweilig und nur wenig so trostlos wie das künstlich Unbelebte, allenfalls acht wortlos Karten spielende Männer vor einem eisernen Werkstor. Doch empfände die Sonne solidarisch und besäße sie - was aber so ziemlich das Gleiche ist - einen Mitgliedsausweis der IG Metall, dann würde ihr Blick geduldig ruhen auf diesem verlassenen Ort. Sie wüsste dann, mag auch der Ort verlassen scheinen, so ist er doch herrlich belebt. In der Stille, die ihn umgibt, schlägt in Wahrheit das Herz der deutschen Arbeiterbewegung. Vielerorts schlägt es in diesen Tagen in den neuen Ländern, in Sachsen schlägt es seit Wochen schon in den Werkstätten und Betrieben der Metallindustrie, nun schlägt es auch in Berlin und Brandenburg. Laut schlägt es, seit sich Arbeiter vor Unternehmenstoren zum Streik versammeln, entschlossen, im nunmehr entscheidenden Kampf die Milderung der Wochenarbeitszeit von 38 auf 35 Stunden zu erstreiten. Die Stimme dieses Herzens aber, vor den fünf Werkstoren von DaimlerChrysler in Ludwigsfelde, ist Rolf-Dieter Bluhm. Ohne ihn hätte die Sonne an diesem, dem ersten Streiktag keine leeren Büros und Hallen gesehen, kein Transparent am Gitter und keine Karten spielenden Kollegen. Denn Rolf-Dieter Bluhm ist erstens Betriebsrat, zweitens Vertrauenskörperleiter der IG-Metall bei DaimlerChrysler Ludwigsfelde und damit drittens gewissermaßen Herr der lokalen Streikmacht. Er sitzt, schwitzend und sichtlich ermüdet, auf einer der leeren Bänke in der gleißenden Sonne, zieht an der Zigarette und sagt: "Ich hab die Schnauze aber jetzt so was von gestrichen voll." Man kennt das. Wer hätte nicht die Schnauze voll von Zeit zu Zeit als zur Lohnarbeit Verdammter dieser Erde... Aber nein, so hat Herr Bluhm das nicht gemeint. Er sieht sich nur mit einem jener Widersprüche konfrontiert, denen nicht einmal ein Vertrauenskörperleiter entkommt. Wenn sein Kampf für die verkürzte Arbeitszeit Erfolg haben soll, dann darf sie Herr Bluhm - zumindest in diesen Tagen und mindestens bis Freitag - für sich keinesfalls in Anspruch nehmen. Er arbeitet, genauer gesagt, fast rund um die Uhr, ohne Zulagen und ohne Stechuhr, aber immerhin mit einer beruhigenden Erkenntnis: "Die 35-Stunden-Woche wird kommen."Warum sollte sie? Es lohnt sich, Herrn Bluhm ins übernächtigte Gesicht zu sehen, während er kurz seine Antwort überlegt. Die Mundwinkel, eben noch ermüdet nach unten gerichtet, ziehen erfrischt hinan und bilden ein Lächeln, das nur tiefste Gewissheit verleiht. Und tatsächlich kann sich die Gewissheit, die Herr Bluhm sodann in Worte fasst, auf zwei Zeugen berufen, die nun wirklich nicht jeder Gewissheit zur Verfügung stehen. Da ist also erstens die Gerechtigkeit: "Seit 1994 arbeiten wir produktiver als die Westkollegen bei DaimlerChrysler, aber verdienen effektiv 25 Prozent weniger und arbeiten drei Stunden länger." Vor allem aber beruft sich die Gewissheit von Herrn Bluhm auf die reine Vernunft: "Die 35-Stunden-Woche schafft neue Arbeitsplätze."Der Brustton, in dem Herr Bluhm diese Überzeugung äußert, ist nicht aufgesetzt, im Gegenteil, er wirkt so, nun ja, authentisch wie beispielsweise jener Ton, in dem die Vertreter der Gegenseite öffentlich das Gegenteil versichern: Die Verlängerung der Wochenarbeitszeit sei ein Garant für neue Arbeitsplätze. Der Charme dieses Vorschlags liegt natürlich auf der Hand: Auch auf diese Weise, mit einer Verlängerung der Arbeitszeit für westdeutsche Metaller ließe sich die deutsche Einheit in der Branche bewirken. Aber es ist ebenso natürlich, dass Herr Bluhm, 44 Jahre alt, in Zossen geboren, Wohnsitz in Wünsdorf (Brandenburg), vormals Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), dem Charme dieses Vorschlags nicht erliegt: "Die sind doch bekloppt."Das ist ganz sicher nicht die Alltagssprache des Vertrauenskörperleiters. Denn Herr Bluhm, Vater dreier Kinder, ist ein freundlicher, um besonnene Wortwahl besorgter Mann. Nur ist es so, dass der Metallerstreik in diesen Tagen nicht nur immer mehr Betriebe erfasst, auch der Ton, in dem die Kontrahenten miteinander verkehren, ist unverkennbar schärfer geworden. An diesem Morgen hat gerade Friedrich Merz von der CDU - der sich seit längerem darum bemüht, unter den Arbeitern für die Union nur ja keine Wähler zu gewinnen - der Gewerkschaft bescheinigt, ihr Streik sei absurd. Einerseits, sagt Herr Bluhm und zündet sich eine neue Zigarette an, sei Herr Merz in seinem Hass auf die Gewerkschaften eigentlich schon nicht mehr ernst zu nehmen, andererseits spiegele sich in der Wortwahl des Herrn Merz nur verschärft die Haltung der bestimmenden gesellschaftlichen Kräfte: "Heute sagen alle: Lasst uns dem kleinen Mann in die Tasche greifen."Herr Bluhm wäre nicht Vertrauenskörperleiter der IG Metall bei DaimlerChrysler, hätte er nicht sogleich ein Beispiel zur Hand. Die Drohung der Arbeitgeber, auf Produktionseinbußen infolge des Streiks mit Kündigungen zu reagieren, sei ein Fall klarer Einschüchterung: "Dabei wissen doch alle, die rationalisieren doch sowieso alles weg, wo sie nur können." An dieser Stelle ist natürlich Herrn Bluhm ein Irrtum zu wünschen. Denn wenn Rationalisierung tatsächlich, wie von ihm befürchtet, das Maß aller Dinge aller Arbeitgeber ist, dann ist nicht wirklich zu erwarten, dass sie dieses Maß bei der Verwirklichung einer 35-Stunden-Woche für ungültig erklären würden.Aber bis dahin ist es ohnehin noch weit, so weit, dass am nächsten Tag der Kollege vom Kreisvorstand der IG Bau (Bauen, Agrar, Umwelt) Zossen doch mal einen zornigen Solidaritätsgruß loswerden muss. Vielleicht liegt es daran, dass an diesem Morgen die Sonne partout nicht durch die Regenwolken dringt, vielleicht aber auch an den zwei-, dreihundert Menschen auf dem Platz vor dem Werkstor, dass von der friedlichen Stille des ersten Streiktags nichts mehr zu spüren ist. Aber das größte Verdienst daran gebührt dem breitschultrigen Herrn von der IG Bau Zossen, der mit lauter Stimme ein ausgewogenes Bild von der aktuellen Klassenlage in der Bundesrepublik zeichnet: "Die Zahl der Milliardäre, liebe Kollegen, ist im vergangenen Jahr von 20 auf 28 gestiegen. Und auch die Zahl der Millionäre steigt ständig." Schlimm genug, wenn das das einzige Wachstum wäre, vom dem der Vertreter der IG Bau Zossen zu berichten weiß, aber was auch wächst, ist die Bereitschaft der Kapitalisten, "die Lohnabhängigen zu knechten". Die Weigerung der Arbeitgeber, die Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden zu verringern, ist sie dafür ein unwiderlegliches Indiz? Der Beifall der Menge für dieses leidenschaftliche Grußwort ist jedenfalls derart gering, dass vielleicht selbst Friedrich Merz für einen Augenblick so etwas wie Sympathie für die Streikenden hätte empfinden können.Rolf-Dieter Bluhm, noch immer oder schon wieder total übermüdet, der fast immer freundlich lächelnde Herr Bluhm erzählt dann noch im Regen, wie seine Frau ihn gestern Nacht zu Hause empfangen hat: "Wie siehst du denn aus - hast wohl zu lange in der Sonne gebadet." Offenbar muss auch die Frau eines Vertrauenskörperleiters der IG Metall erst lernen, was es bedeutet, wenn im Osten die Sonne aufgehen soll: Arbeit."Die 35-Stunden-Woche wird kommen. " Rolf-Dieter Bluhm, IG-Metall.BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Rolf-Dieter Bluhm - Betriebsrat, Vertrauenskörperleiter der IG-Metall bei DaimlerChrysler Ludwigsfelde und gewissermaßen Herr der lokalen Streikmacht.
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