Zentralasien

Weltspiele der Nomaden: Wie Kirgistan Zentralasiens Kultur zur Soft Power macht

Die Nomadenspiele in Kirgistan verbinden Sport, Tradition und Diplomatie und rücken Zentralasiens kulturelles Selbstbewusstsein ins Rampenlicht.

5 Min
Unter großem Aufwand mit spektakulären Bühnenbildern werden die Weltspiele der Nomaden in Bischkek eröffnet.

Unter großem Aufwand mit spektakulären Bühnenbildern werden die Weltspiele der Nomaden in Bischkek eröffnet.

© Iranian Presidency/imago

Wenn Reiter auf ihren Pferden um einen Ziegenkadaver kämpfen, Bogenschützen vom Pferderücken aus Ziele treffen oder Ringer ihre Gegner zu Boden werfen, geht es längst um mehr als um Sport. Die Weltspiele der Nomaden verbinden traditionelle Wettkämpfe mit Kultur, Identität und internationaler Diplomatie. 2026 kehren die Spiele an ihren Ursprungsort Kirgistan zurück und finden dabei in einer außergewöhnlich politischen Woche statt.

Was sind die Weltspiele der Nomaden?

Die Weltspiele der Nomaden wurden 2014 von Kirgistan ins Leben gerufen. Die ersten drei Ausgaben fanden unweit des legendären Bergsees Yssyk-Köl statt, bevor die Veranstaltung 2022 in die Türkei und 2024 nach Kasachstan weiterzog. Mit der sechsten Ausgabe kehren die Spiele nun nach Kirgistan zurück. Vom 31. August bis zum 6. September 2026 treten in und um Bischkek sowie am Yssyk-Köl mehr als 3000 Sportler aus 104 Ländern an.

Im Mittelpunkt stehen Sportarten, die aus den traditionellen Kulturen nomadischer Gesellschaften hervorgegangen sind. Dazu gehören Pferderennen, Ringkämpfe, Bogenschießen und verschiedene Reiterspiele. Besonders spektakulär ist Kok Boru (auch Buzkaschi genannt), eine in Kirgistan tief verwurzelte Mannschaftssportart. Zwei Teams versuchen dabei, einen rund 30 Kilogramm schweren Ziegenkadaver in das kreisförmige Tor der gegnerischen Mannschaft zu befördern. Der Name Kok Boru bedeutet „grauer Wolf“. Die Tradition des Spiels wird mit berittenen Jägern in Verbindung gebracht. Das Spiel mag makaber und grausam klingen, die Unesco nahm 2017 Kok Boru in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Die Spiele gehen jedoch über einzelne sportliche Disziplinen hinaus. Sie präsentieren Musik, Tänze, Handwerk, historische Traditionen und kulturelles Wissen. Damit werden die Nomadenspiele zu einer Art Schaufenster für die kulturelle Vielfalt Zentralasiens und anderer Regionen mit nomadischer Tradition.

Beim traditionellen Kok Boru kommt an den Kirgisen keiner vorbei – auch nicht das amerikanische Team.

Beim traditionellen Kok Boru kommt an den Kirgisen keiner vorbei – auch nicht das amerikanische Team.

© Kirill Kukhmar/imago

Selbstwerdung einer Weltregion

Für die Staaten Zentralasiens besitzen die Spiele eine besondere identitätspolitische Bedeutung. Nach dem Ende der Sowjetunion mussten Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan ihre nationalen Identitäten neu definieren. Sprachen, Geschichten, Kochrezepte, Musikstücke und Traditionen, die während der Sowjetzeit teilweise an den Rand gedrängt worden waren, spielen dabei heute eine wichtige Rolle.

Die Nomadenspiele ermöglichen es den Ländern, diese Traditionen nicht nur zu bewahren, sondern international sichtbar zu machen. Gerade Kirgistan nutzt die Veranstaltung, um seine Geschichte und sein Selbstverständnis als Land mit tiefen nomadischen Wurzeln zu präsentieren. Präsident Sadyr Dschaparow stellte bei der Eröffnung ausdrücklich eine Verbindung zwischen der Unabhängigkeit des Landes und seiner nomadischen Vergangenheit her. Die Botschaft ist klar: Die historische Identität soll nicht im Widerspruch zur modernen Staatlichkeit stehen, sondern deren Fundament bilden.

Gleichzeitig fördern die Spiele den regionalen Austausch. Viele Disziplinen haben verwandte Formen in mehreren Ländern. So stehen beispielsweise das kasachische Kuresi, das usbekische Kurash, das turkmenische Goresh und verschiedene kirgisische Ringkampfformen nebeneinander. Auch beim Reitsport gibt es unterschiedliche nationale Varianten. Die Spiele machen damit sichtbar, dass Zentralasien trotz nationaler Unterschiede einen gemeinsamen kulturellen Raum bildet.

Dabei ist auch der internationale Charakter entscheidend. Dass 104 Länder teilnehmen, zeigt, wie weit sich die Veranstaltung inzwischen über Zentralasien hinaus entwickelt hat. Selbst Mannschaften aus Ländern ohne eigene Kok-Boru-Tradition nehmen teil. Die USA etwa traten 2026 gegen Kirgistan an und verloren 7:16. Im Medaillenspiegel führt Kasachstan vor Kirgistan und dem Iran.

Zwischen sportlichem und geopolitischem Wettkampf

Die besondere politische Bedeutung der diesjährigen Weltspiele ergibt sich aus ihrem zeitlichen Zusammentreffen mit dem Gipfel der Shanghai Cooperation Organisation (SCO) in Bischkek. Während die Nomadenspiele vom 31. August bis 6. September stattfinden, versammeln sich zeitgleich zahlreiche Staats- und Regierungschefs zum SCO-Treffen in der kirgisischen Hauptstadt.

Damit wurde Bischkek innerhalb weniger Tage zur Bühne zweier Großereignisse. Dass sich Welt- und Mittelmächte in Kirgistan treffen, zeigt die wachsende Bedeutung der Region. Zahlreiche internationale Spitzenpolitiker waren bei der Eröffnung der Spiele anwesend, darunter Russlands Präsident Wladimir Putin, Indiens Premierminister Narendra Modi, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und Irans Präsident Masoud Peseschkian. Auch die Staatschefs Kasachstans, Tadschikistans und Usbekistans nahmen teil.

Kirgistans Präsident Dschaparow stellte selbst eine Verbindung zwischen den beiden Veranstaltungen her: Beim SCO-Treffen suchten Staaten nach Wegen zu Frieden und Zusammenarbeit durch Dialog, während sich bei den Nomadenspielen Menschen durch Sport und Kulturaustausch näherkommen.

Damit erhalten die Spiele eine zusätzliche Funktion. Sie bieten Kirgistan und seinen zentralasiatischen Nachbarn die Möglichkeit, sich nicht nur als Gastgeber eines politischen Gipfels, sondern als eigenständiger kultureller Akteur zu präsentieren. Die Nomadenspiele sind somit weit mehr als ein folkloristisches Sportfest. Sie sind Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins Zentralasiens und ein Instrument kultureller Diplomatie. In einer Region, in der Russland, China, die Türkei und weitere Akteure um Einfluss ringen, kann die eigene Kultur dabei selbst zu einer Form von Soft Power und Selbstbehauptung werden.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner