Wenn das Private die Politik ersetzt

Kordula Doerfler
4 Min

Ebenso lustvoll wie lüstern ergötzt sich Italien in diesen heißen Sommertagen an einem Spektakel, das nicht nur die Klatschpresse und Talkshows beschäftigt, sondern die Frontseiten der seriösen Tageszeitungen füllt und einem vollkommen inhaltsfreien Europawahlkampf sein Thema beschert hat. Dass das Private auch in europäischen Demokratien längst politisch ist, ist heutzutage eine Binsenweisheit. Italien aber liefert derzeit ein Lehrstück dafür, wie gefährlich eine Demokratie deformiert werden kann, wenn das Private die Politik ersetzt.Was die schwache und zerstrittene Linke bislang vergeblich versucht hat, ist ausgerechnet einer ehemaligen eher mittelmäßigen Schauspielerin gelungen. Sie hat den mächtigsten Mann des Landes arg in Bredouille gebracht. Veronica Lario will sich von Silvio Berlusconi scheiden lassen, weil er "schamlose Luder" ins Europaparlament schicken wollte und noch dazu mit "Minderjährigen verkehrt". Dass der Ministerpräsident am 18. Geburtstag von Noemi Letizia, der Tochter eines angeblichen Freundes, teilnahm, machte für Lario, die von ihrem Mann einiges gewohnt ist, das Maß voll. Mit ihrem Frontalangriff brachte sie den Regierungschef, der populärer und mächtiger ist als jeder seiner Amtskollegen in Europa, so in Bedrängnis, dass seine sonst untrüglichen Instinkte versagten. Ein überraschendes Zeichen von Schwäche bei einem, dessen Handeln sich nur von einem einzigen Kompass leiten lässt: die nächste Meinungsumfrage. Aber auch ein Armutszeugnis für die italienische Demokratie.Nichts hat Silvio Berlusconi bislang schaden oder gar gefährlich werden können: weder die inhumane Ausländerpolitik seiner Regierung noch die Aushöhlung des Rechtsstaates; nicht die in Europa bislang unerreichte enge Verquickung von privaten Wirtschaftsinteressen und politischer Macht, nicht seine Attacken gegen die Opposition und die liberale Presse und auch nicht seine grotesken - und oft wohlkalkulierten - Ausrutscher auf internationalem Parkett.In den Nachbarländern mag man noch so peinlich berührt sein, dass der Regierungschef eines EU- und G8-Staates Ex-Models zu Ministerinnen macht und sich nachts mit jungen Blondinen in Diskotheken vergnügt, seinen Anhängern - übrigens auch den Frauen unter ihnen - imponiert all das nach wie vor. Sex sells, das weiß der Unternehmer Berlusconi. Seine Botschaft träufelt er dem Wahlvolk über sein Medienimperium seit Jahren ein. Eine "Konsumdiktatur" hat der Schriftsteller und Regisseur Pier Paolo Pasolini den Italienern schon in den 70er-Jahren prophezeit, gründend auf medialer Verdummung und Vergnügungssucht. Dass lange nach seinem Tod der Antipolitiker Berlusconi Showbusiness zur Politik erheben und damit der erfolgreichste Politiker der Nachkriegsgeschichte werden sollte, konnte er nicht wissen.Nicht nur ist das Private politisch geworden, es ersetzt Politik. Welch Ironie der Geschichte, dass den 72 Jahre alten, mit allen Wassern gewaschenen Berlusconi eine mutmaßliche Affäre mit einer 18-Jährigen in die bisher größten Schwierigkeiten seiner Amtszeit bringt. Erstmals hat der Populist den Zeitpunkt übersehen, an dem er in die Offensive hätte gehen müssen. Jetzt treiben ihn Opposition und liberale Presse als Lügner vor sich her - in einer Angelegenheit, die tatsächlich privat, wenn auch höchst unappetitlich ist.Dabei wäre der Fall erledigt, hätte Berlusconi irgendeine nur halbwegs glaubhafte Erklärung geliefert. Zwar liebt man in Italien, wo private Beziehungen in allen Gesellschaftsschichten - bei der Wohnungssuche wie für die Karriere - eine große Rolle spielen, saftige, oft auch bigotte Klatschgeschichten. Meist aber legt sich der scheinbare Sturm der Entrüstung bald wieder, das war schon bei den Barockpäpsten so. Heute können sogar im Land der sittenstrengen Glaubenswächter konservative Politiker ihre Ehefrauen zugunsten weitaus jüngerer Gefährtinnen auswechseln - öffentlich. Auch beim Ministerpräsidenten, der ohnehin schon fünf Kinder aus zwei Ehen hat, hätte man sich daran gewöhnt, dass er zum zweiten Mal geschieden wird.Bisher ist noch jede Kritik an Berlusconi abgeperlt, und selbst für Satiriker sind die Zeiten hart in einem Land, in dem halbnackte Models nicht nur das Fernsehen, sondern immer mehr auch die Politik beherrschen. Ein "Sultanat" nennt der konservative Doyen der italienischen Politikwissenschaft, Giovanni Sartori, Italien in seinem neuesten Buch resigniert. Alles nur Neid, lachte man aus dem Regierungslager zurück.Mittlerweile lacht man dort nicht mehr. Zumindest die Klügeren haben erkannt, dass die Affäre aus dem Ruder läuft. Und dass Berlusconi nur von einem auf seinem Durchmarsch in den Quirinalspalast, ins Amt des Staatspräsidenten, aufgehalten werden könnte: von sich selbst. Und seinem Privatleben. Das hätte sich kein Satiriker ausdenken können.------------------------------Selbst für Satiriker sind die Zeiten hart in einem Land, in dem halbnackte Models nicht nur das Fernsehen, sondern immer mehr auch die Politik beherrschen.

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