Das Wetterphänomen El Niño steht vor seiner Rückkehr – mit möglichen Folgen bis nach Mitteldeutschland. Die US-Klimabehörde NOAA gab in ihrer aktuellen ENSO-Diagnose vom 14. Mai eine Wahrscheinlichkeit von 82 Prozent an, dass sich das Phänomen bereits zwischen Mai und Juli ausbildet. Für den Winter 2026/27 beziffert die Behörde die Eintrittswahrscheinlichkeit sogar auf 96 Prozent.
Der Leipziger Klimaforscher Karsten Haustein geht im Gespräch mit dem MDR davon aus, dass ein El Niño praktisch sicher ist. In den oberen 300 Metern des tropischen Pazifiks habe sich ein extremes Wärmereservoir aufgebaut. Für einen Super-El-Niño müsste die Pazifiktemperatur mindestens zwei Grad über dem Durchschnitt liegen. Ob es so weit komme, hänge entscheidend von den Passatwinden ab, so Haustein – die Atmosphäre müsse mitspielen.
Über die Stärke besteht laut NOAA weiter Unsicherheit, keine Kategorie überschreitet derzeit eine Wahrscheinlichkeit von 37 Prozent. Im Niño-1+2-Gebiet vor Südamerika misst die Behörde bereits Temperaturabweichungen von einem Grad über dem Durchschnitt, die ozeanischen Wärmereserven steigen seit sechs Monaten an. Auch die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) bestätigt in ihrem Update von Februar den Übergang aus einer schwachen La-Niña-Phase. Sie mahnt jedoch zur Vorsicht: Prognosen zu dieser Jahreszeit seien wegen der sogenannten Frühjahrs-Vorhersagebarriere weniger verlässlich.
Europa spürt das Phänomen nur indirekt
Direkt betroffen sind vor allem Südamerika, Australien, Südostasien und Teile der USA, wo Dürren oder Starkregen drohen. Europa spürt das Phänomen laut Deutschem Wetterdienst (DWD) meist nur indirekt. In einer Analyse weist der DWD darauf hin, dass für Deutschland vor allem wirtschaftliche Folgen relevant seien, etwa über globale Lieferketten. Haustein rechnet zudem damit, dass 2027 ein neuer globaler Temperaturrekord von mindestens 1,6 Grad über dem vorindustriellen Niveau erreicht wird. Damit wäre die 1,5-Grad-Marke zumindest vorübergehend gerissen.
In Deutschland zählen Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Teile Sachsens seit Jahren zu den Trockenheits-Schwerpunkten der Bundesrepublik. Niedrige Elbe-Pegel beeinträchtigen die Binnenschifffahrt, während Wälder in Harz und Erzgebirge unter anhaltendem Wasserstress leiden. Fallen zusätzlich Ernten in El-Niño-betroffenen Regionen wie Brasilien oder Argentinien aus, verteuern sich Futtermittel und Rohstoffe – mit direkten Folgen für mitteldeutsche Landwirtschaftsbetriebe. Die nächste ENSO-Diagnose der NOAA ist für den 11. Juni 2026 angekündigt.
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