Weltgesundheitsorganisation

WHO verschiebt Pandemieabkommen: Streit über Impfstoffe und Virendaten blockiert Vertrag

Die WHO wollte aus Corona Konsequenzen ziehen und die Welt auf die nächste Pandemie vorbereiten. Doch nun blockiert ein heftiger Streit über Impfstoffe und Virendaten das Abkommen.

3 Min
Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO)

© Lian Yi/dpa

Das internationale Pandemieabkommen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verzögert sich erneut. Die Mitgliedstaaten konnten sich bei Gesprächen in Genf nicht auf zentrale Regeln zum Austausch gefährlicher Krankheitserreger einigen. Ohne diese Einigung kann der bereits 2025 verabschiedete Vertrag nicht in Kraft treten.

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus kündigte deshalb am Freitag an, die Verhandlungen zu verlängern. „Ich bin zuversichtlich, dass die Differenzen durch weitere Verhandlungen überwunden werden können“, erklärte er. Die Verlängerung soll bei der WHO-Mitgliederversammlung vom 18. bis 23. Mai in Genf offiziell beschlossen werden.

Eigentlich sollten die Gespräche bis Freitag abgeschlossen werden. Nun rechnet die WHO frühestens bis Mai 2027 mit einer endgültigen Einigung. Möglich wäre auch eine Sondersitzung bereits 2026. Tedros warnte zugleich vor weiteren Verzögerungen. Die nächste Pandemie sei „nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann“, sagte der WHO-Generaldirektor.

Streit um Impfstoffe und Virendaten

Im Mittelpunkt steht das sogenannte „Pathogen Access and Benefit Sharing“-System, kurz PABS. Es regelt, wie Staaten Daten und Proben gefährlicher Krankheitserreger teilen – und wie Impfstoffe, Medikamente und Tests später verteilt werden sollen. Das System gilt als Kernstück des Pandemieabkommens.

Die Idee dahinter: Länder sollen neue Viren oder Mutationen schnell an eine internationale Datenbank melden, damit Pharmaunternehmen möglichst rasch Impfstoffe und Medikamente entwickeln können. Im Gegenzug sollen die Firmen einen Teil ihrer Produkte an die WHO abgeben.

Nach bisherigen Entwürfen müssten Hersteller 20 Prozent ihrer pandemierelevanten Gesundheitsprodukte bereitstellen – mindestens die Hälfte davon als Spende, den Rest zu Vorzugspreisen. Genau darüber wird jedoch seit Jahren gestritten.

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Konflikt zwischen reichen Staaten und Entwicklungsländern

Vor allem Länder des globalen Südens werfen westlichen Industriestaaten vor, während der Corona-Pandemie von gemeinsam geteilten Virusdaten profitiert zu haben, ohne Impfstoffe später fair zu verteilen. Viele ärmere Staaten verlangen deshalb strenge Regeln für den Zugang zur geplanten Datenbank. Sie fordern ein nachvollziehbares Nutzerregister, um zu verhindern, dass Unternehmen oder Staaten Erregerdaten kommerziell nutzen, ohne Gegenleistungen zu erbringen.

Mehrere wohlhabende Staaten lehnen das laut Verhandlungskreisen ab und dringen auf anonymen Zugang zu den Daten. Außerdem argumentieren sie, Pharmafirmen müssten weiter Gewinne erzielen können, damit Investitionen in Impfstoffe und Medikamente attraktiv blieben. Reuters berichtete unter Berufung auf WHO-Kreise, die Gespräche seien deshalb festgefahren.

Vertrag beschlossen – aber noch nicht gültig

Die WHO-Mitgliedstaaten hatten das Pandemieabkommen im Mai 2025 grundsätzlich verabschiedet. Ziel ist eine bessere globale Vorbereitung auf künftige Gesundheitskrisen – mit schnelleren Warnsystemen, engerer Zusammenarbeit und gerechterem Zugang zu Medikamenten und Impfstoffen. Der entscheidende PABS-Anhang wurde damals allerdings ausgeklammert, weil die Konflikte bereits zu groß waren.

Erst wenn hier eine Einigung erreicht wird, können die Staaten mit der Ratifizierung beginnen. Damit das Abkommen überhaupt in Kraft tritt, müssen mindestens 60 Länder zustimmen.

Die Corona-Pandemie hatte die Schwächen der internationalen Zusammenarbeit schonungslos offengelegt. Während reiche Staaten früh große Mengen an Impfstoffen sicherten, warteten viele Länder in Afrika oder Asien monatelang auf erste Lieferungen. Genau dieses Machtgefälle soll das Pandemieabkommen künftig verhindern. Doch die aktuellen Verhandlungen zeigen, wie tief das Misstrauen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern weiterhin ist.

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